Claudia Brunner: Geschlechterkampf im Abendland?

© Claudia Brunner, Bearbeitung Simon Strick
© Claudia Brunner, Bearbeitung Simon Strick

Mag. Dr. Claudia Brunner ist Universitätsassistentin am Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Arbeitsschwerpunkte: Wissen(schaft)stheorie, Politische Gewalt, Wissenssoziologische Diskursforschung, Politische Frauen- und Geschlechterforschung.

Wie oft wurde der Feminismus seit seinen Anfängen für nicht mehr nötig erklärt oder milde belächelt. Wie rückständig scheint es spätestens seit ‚Gender-Mainstreaming’ zu sein, sich als Feministin zu bezeichnen. Und wie fortschrittlich in Geschlechterfragen ist gar Felix Austria, das sogar schon einen Mann als Frauenminister gesehen hat.[i] Alles geklärt und erledigt an der Geschlechterfront?



Un/Sichtbarkeiten und Un/Sicherheiten

Mitnichten. Der Kampf um Deutungen, Ressourcen, Normen, Macht und Teilhabe zwischen den Geschlechtern geht weiter. Bemerkenswert an den anhaltenden Auseinandersetzungen um Geschlechtergerechtigkeit und Emanzipation sind jedoch zwei Dinge: Zum einen die Veränderungen auf Seiten der involvierten AkteurInnen, die sich Emanzipation in Sachen Sex & Gender auf die Fahnen schreiben, und zum anderen die Fokussierung auf eine offensichtlich neu entdeckte Zielgruppe, die es heute zu befreien gelte: die in Gabriele Dietzes Worten „bedeckte Frau“ im innenpolitischen Kontext (‚die muslimische Migrantin‘) oder, wie George W. Bush zur Legitimation der US-Invasion in Afghanistan trefflich formulierte, die „women of cover“. Sichtbares und heiß umstrittenes Zeichen der Subsumierung unter das Label dieser Andersheit ist hier wie dort ‚das Kopftuch/der Schleier’, das auch lang gediente Feministinnen wie Alice Schwarzer schon mal zum „Banner des Fundamentalismus“ erklären. Damit machen sich letztere aber auch an rechtspopulistische Positionierungen anschlussfähig, die den Geschlechterkampf als Kulturkampf für sich entdeckt haben. Interessant ist dabei die Tatsache, dass die Kopftücher muslimischer ‚Putzfrauen’ etwa in Deutschland seit Jahrzehnten kaum zu stören schienen – sehr wohl hingegen tun das Birgit Rommelspacher zufolge heute die Kopfbedeckungen jener jungen Frauen, die sich damit im öffentlichen Raum, an den Universitäten und anderen gesellschaftlichen Institutionen bewegen. Sie tun das nicht nur als geduldete Unterdrückte, sondern auch mit einem Maß an Selbstbestimmung, das so manchem einheimischen Patriarchen ebenso Bauchschmerzen bereitet wie vielen emanzipierten Mittelschichts-Frauen und/oder Feministinnen.

Konversion zum Feminismus

Die Veränderung auf Seiten derer, die für Frauenrechte kämpfen (oder dies behaupten) ebenso wie die Fokussierung auf als muslimisch vereindeutigte Andere, basieren auf der eingangs skizzierten Unterstellung, dass ‚hierzulande’ (sprich: in Österreich und/oder (West)Europa) in Genderfragen bereits alles erreicht und Diskriminierung aufgrund von biologischem oder sozialem Geschlecht und/oder sexueller Orientierung erfolgreich überwunden sei – die ‚Andere’ hingegen dies erst vor sich habe und insbesondere der westlichen Befreiung bedürfe. Zu den KonvertitInnen zum Feminismus[ii], die diese Errungenschaften als genuin ‚europäische’ und wie selbstverständlich zu einer modernen Demokratie gehörende verstehen, zählen nicht nur Stimmen der Mitte, sondern auch vom rechten Rand des politischen Spektrums, um sich unter ganz spezifischen Voraussetzungen für die Emanzipation von Frauen und zum Teil für gleiche Rechte von Homosexuellen einsetzen. Dann nämlich, wenn es um ‚die Anderen’ geht, mit deren überraschender Befreiung sich antimuslimischer Rassismus salonfähig machen lässt. 

Ethnisierung von Sexismus

Die damit einher gehende Ethnisierung von Sexismus funktioniert auch deshalb so gut, weil eine europäische Linke diesem Diskurs anscheinend nur wenig entgegenzusetzen hat, ist sie doch selbst anfällig für rassistische Untertöne, sobald es um die ‚muslimischen/arabischen Anderen’ im Inneren und im Äußeren geht. Patriarchale und sexistische Strukturen und Praktiken scheinen gänzlich aus Europa verschwunden und nur mehr dort zu finden zu sein, wo die ‚ganz andere Andersheit’ immer wieder verortet wird: in einem geopolitisch und mental definierten ‚Orient’, der für EuropäerInnen gleichermaßen bedrohlich wie auch anziehend zu sein scheint. Die multifunktional gewordene Projektionsfläche ‚Orient’ tritt in Wissenschaften, Politik, Kunst, Literatur, Film und Alltag wort- und bildreich als diffuses Konglomerat von unberechenbaren Schurkenstaaten, omnipräsenten TerroristInnen und anpassungsverweigernden MigrantInnen in Erscheinung. 

Okzidentalistische Selbstvergewisserung

In den leidenschaftlich und oft auch rassistisch und sexistisch geführten Debatten um die Grenzziehungen, die nach dem Wegfall der bipolaren Teilung der Welt nach 1989 für die Renaissance eines neuen Verständnisses von ‚Abendländischkeit’ benötigt werden, findet zugleich eine ‚okzidentalistische Selbstvergewisserung’ statt: eine Befestigung von Dominanzpositionen im Namen einer kulturellen Überlegenheitserzählung eines plötzlich wieder in Mode kommenden ‚Abendlandes’, das sich ihrer historischen und politischen Kontexte weitgehend entledigt. Geschlecht, Sexualität und die Frage, wer wen wovon befreit, nehmen dabei eine zentrale Funktion ein. Als Gegenfolie zu einer Neukonstituierung von Identitäten in einem sich zunehmend schließenden und wider besseres Wissen monokulturalisierenden Europa ist die Auslagerung eines kulturalisierten Patriarchats also äußerst nützlich. Dann reden wir aber nicht mehr über Geschlechtergerechtigkeit in innen- oder außenpolitischen Fragen, und schon gar nicht über eine, die diesen Namen verdient. Dann reden wir über die Fortsetzung von Eurozentrismus als Mittel der Politik mit all seinen wohl bekannten Prämissen und Konsequenzen. (23. Februar 2010)

Artikel als pdf

Literaturangaben

[i] Nach Antritt der ÖVP-FPÖ Regierung im Februar 2000, Auflösung des Frauenministeriums und Integration von ‚Frauenfragen’ in ein Ministerium für Soziale Sicherheit und Generationen war Herbert Haupt (FPÖ) bis 2003 auch ‚Frauenminister’.

[ii] Den Begriff verdanke ich Nanna Heidenreich und Serhat Karakayalı.

Weiterführende Literaturhinweise

Gabriele Dietze/Claudia Brunner/Edith Wenzel (Hg.): Kritik des Okzidentalismus. Transdisziplinäre Beiträge zu (Neo)Orientalismus und Geschlecht, Bielefeld: Transcript 2009.

Rommelspacher, Birgit: Hegemoniale Weiblichkeiten. In: Utta Isop/Viktorija Ratković/Werner Wintersteiner (Hg.): Spielregeln der Gewalt. Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Friedens- und Geschlechterforschung, Bielefeld: Transcript 2009, 171-184.

Birgit Sauer/Sabine Strasser (Hg.): Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus. Wien: Promedia 2008.

Veranstaltungshinweis

Am 11. März 2010, von 18.30 bis 21.00 Uhr, wird Claudia Brunner (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) gemeinsam mit Gabriele Dietze (Humboldt-Universität zu Berlin) und Birgit Sauer (Universität Wien) zu „Wir“ und die „Anderen“. Analysen zu antimuslimischem Rassismus, Identität und Geschlecht“ diskutieren.

 Nähere Informationen zur Podiumsdiskussion und Präsentation des Buches „Kritik des Okzidentalismus“ finden sie hier.