Elfriede Schachner: Das große Land-"Grabschen"

© Michael Hauser
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Mag. Elfriede Schachner ist als entwicklungspolitische Expertin im VIDC für die Themen Entwicklungspolitik und Wirtschaftspolitik zuständig und betreut die VIDC-Öffentlichkeitsarbeit. 

„Land Grabbing“ – harmlos ausgedrückt „ausländische Direktinvestitionen in die Landwirtschaft“ – ist kein neues Phänomen, doch angeheizt durch die Nahrungsmittel- und Finanzkrise 2008 hat sich eine neue Dynamik entwickelt: die Landnahme geht schneller und in viel größerem Ausmaß vor sich. Regierungen und der Privatsektor – multinationale  Agrobusiness-Konzerne, Finanzinvestoren wie Hedgefonds- und Pensionsfonds – sind auf Einkaufstour in Afrika unterwegs. 

Südkorea, China, Japan investieren in afrikanischen Ländern mit dem Ziel, den steigenden Nahrungsmittelbedarf der wachsenden Bevölkerung im eigenen Land abdecken zu können. Bahrain, Libyen, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien versuchen durch Landkauf, ihren begrenzten Wasser- und Landressourcen zu entgehen. Auch Industrieländer kaufen auswärts Land, um Anbauflächen für Ölpflanzen, Mais und Zuckerrohr zu gewinnen, die sie für die Herstellung von Agrotreibstoffen benötigen. Jene Länder, in denen Land gekauft und gepachtet wird, liegen vor allem in Afrika und Asien: Äthiopien, Sudan, Mali, Mosambik, Kenia, Mali, Sambia, Tansania, Philippinen, Pakistan etc. „Land Grabbing“ gibt es auch in der Russischen Föderation und der Ukraine.  

IFPRI (International Food Policy Research Institute) schätzt, dass in den letzten beiden Jahren 20 Millionen Hektar afrikanischer Boden in 30 Ländern für 30-100 Jahre verpachtet oder verkauft worden sind. Das bedeutet in Geld ausgedrückt: 30 Milliarden US Dollar. GRAIN (eine NGO, die Kleinbauern in ihrem Kampf um gemeinschaftlich verwaltete Produktion von Nahrungsmitteln unterstützt) geht sogar davon aus, dass bereits 100 Milliarden Dollar dafür mobilisiert worden sind. Doch es ist schwierig, Zahlen nachzuprüfen, da es keinerlei Transparenz in den Verhandlungen gibt. Die Absprachen finden hinter verschlossenen Türen statt.

Land als Spekulationsgut - neue Profitquelle für Finanzindustrie

Nicht dass es vor der Finanzkrise keinen Hunger auf der Welt gegeben hätte – doch seit ein paar Jahren wird fruchtbares Ackerland als neue Profitquelle durch die Finanzindustrie gesehen. Neue Investmentfonds werden aufgelegt. Bis zum Jahr 2050 muss die globale Nahrungsmittelproduktion um 70% gesteigert werden, um dem steigenden Bevölkerungswachstum Rechnung zu tragen, so die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen). Die unvorstellbare Zahl von einer Milliarde Menschen hungert derzeit. Durch die Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen wird Land vermehrt zu handelbarem Gut und immer mehr zu einem Spekulationsgut. Durch die Flächenverknappung sind auch Wertsteigerungen zu erwarten: also ein erfolgversprechendes Produkt für die Finanzmärkte. Neben den Ursachen für Hunger wie die Vernachlässigung der Landwirtschaft, ungerechte Welthandelspolitik, Spekulationen auf Rohstoffe und Auswirkungen des Klimawandels verschärft der Ausverkauf von Agrarland insbesondere in Afrika die Ernährungskrise.

Entwicklungschance, win-win-Situation oder Neokolonialismus?

Die Meinungen über Chancen und Risiken von Landnahme gehen weit auseinander. FAO und Weltbank (ihre International Finance Corporation will verstärkt in Afrikas Agrogeschäft investieren) sehen darin eine win-win-Situation: die Länder in Afrika würden dadurch die dringend benötigten Investitionen in Infrastruktur und Technologietransfer erhalten. Zivilgesellschaftliche Organisationen  lehnen Landnahme als neue Form des Kolonialismus ab. Die theoretischen Vorteile für beide Seiten sehen sie nicht als realistisch: Investmentgesellschaften haben als Priorität sicher keine Verteilungsgerechtigkeit, sondern Profitmaximierung im Sinn. Viele Länder, in denen Land gekauft oder gepachtet wird, sind arm und agieren so  aus einer ökonomischen Schwäche heraus. Sie sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen und den Angeboten der Investoren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Einige von ihnen sind fragile Staaten, haben also schwache Regierungen, die kaum auf Armutsbekämpfung fokussieren. Die heimischen Eliten sehen die Investitionen mit Wohlwollen, bei rarem Kapital haben die Investoren leichtes Spiel. Eine gute Möglichkeit der Bereicherung für so manche korrupte Entscheidungsträger. Absurdes Beispiel: 1,5 Millionen Hektar bestes Ackerland hat die sudanesische Regierung für 99 Jahre an Golfstaaten und Südkorea verpachtet. Gleichzeitig hängt der Sudan von ausländischen Hilfslieferungen ab: 5,6 Millionen Menschen brauchen Nahrungsmittel! Anders ausgedrückt: Hunger leidende Bevölkerung versus Hunger der Investoren auf Ackerland. Dies birgt viele Konfliktpotentiale.

Verhaltenskodex als Lösung?

Soweit, so schlecht. Natürlich, es braucht vermehrt Investitionen in die Landwirtschaft afrikanischer Länder, leben doch 75% der Armen weltweit in ländlichen Gebieten. Dabei muss jedoch Ernährungssicherheit und -souveränität sichergestellt sein. Durch die industrielle Landwirtschaft die mit „Land Grabbing“  ins Land zieht, werden Kleinbauernfamilien vertrieben und ihre Landrechte mit Füßen getreten: traditionelle Landnutzungs-, Weide- und Gewohnheitsrechte sind meistens nicht verbrieft. Sie werden von ihrem Land vertrieben, enden oft als billige und abhängige Arbeitskräfte der ausländischen Firmen. Und müssen mit ansehen, wie die für den Export angebauten Nahrungsmittel ihr Land wieder verlassen.  

Als mögliche Lösung wurde ein verbindlicher Verhaltenskodex in die Diskussion eingebracht. Er soll verhindern, dass die lokale Bevölkerung und die Umwelt Schaden erleiden. Hauptbestandteile eines Code of Conduct, um mögliche Chancen überhaupt nützen zu können, müssten sein: Transparenz in den Verhandlungen, Respektierung der Landrechte, die gerechte Verteilung der Profite (nicht nur hohe Renditen für Investoren, sondern es braucht Einkommenssicherung der lokalen Bevölkerung), ökologische Nachhaltigkeit (die großflächige Produktion durch Agrokonzerne benötigt viel Düngemittel und Pestizide), Einbeziehung und Partizipation der Zivilgesellschaft sowie Kontrolle der internationalen Standards durch die Zivilgesellschaft. Dazu gibt es Verhandlungen, doch bis Grundsätze einmal beschlossen und irgendeinmal dann vielleicht auch umgesetzt werden, werden noch viele Familien von Kleinbauern landlos werden. Sie glauben nicht an die win-win-Rhetorik der internationalen Finanzinstitutionen.

Entwicklungspolitik ist gefordert

Entwicklungspolitik ist gefordert. Sie muss einen internationalen Politikdialog und Regeln einfordern und die lokale Bevölkerung unterstützen. Ein eindrucksvolles Beispiel, wie die Bevölkerung erfolgreich Widerstand ausübte ist Madagaskar. Die Regierung hatte mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo ein Abkommen abgeschlossen und ihm dabei gleich die Hälfte der fruchtbaren Fläche der Insel auf 99 Jahre verpachtet. Die Madagassen, selbst auf Reisimporte angewiesen, stürzten daraufhin die Regierung. 

Doch wie vertrauenswürdig ist Entwicklungspolitik und ihre Bemühungen um eine gerechtere Welt noch? Man erinnere sich nur an die 40 Jahre alte Vorgabe der Vereinten Nationen, die reichen Länder des Nordens sollen 0,7% ihres BIP für Entwicklungshilfe aufwenden – ein Ziel, welches noch immer nicht erreicht ist. Als aktuelle Rechtfertigung kam die globale Wirtschaftskrise den PolitikerInnen der wohlhabenden Länder gerade zur richtigen Zeit. Auch sonst ist kein politischer Wille, Hunger in der Welt wirklich zu bekämpfen, erkennbar. Beim Welt¬ernährungs¬gipfel im November 2009 wurden keine neuen Strategien beschlossen, nur alte unerreichte Zielsetzungen wiederholt, kein frisches Geld zur Verfügung gestellt. 

Die Finanzkrise schien kurze Zeit ein „Window of opportunity“ zu bieten, Spielregeln für die entfesselten Kräfte der globalen Finanzwirtschaft zu erlassen. Doch dieses Fenster droht sich wieder zu schließen. Die Entwicklungspolitik muss sich mehr für die Durchsetzung von globalen Spielregeln stark machen, um der deregulierten Wirtschaftsdynamik nicht immer nur hinterherzuhinken, sondern durch politische Intervention dem in den Zielen der Entwicklungszusammenarbeit verankerten Bekenntnis zur Unterstützung einer ökologisch nachhaltigen und sozial ausgewogenen Entwicklung gerecht zu werden. (2. März 2010)

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Weiterführende Informationen zu Landnahme

Farmlandgrab.org: gibt wöchentlich eine Liste mit den aktuellsten Artikel heraus. Die Website wird von GRAIN betreut („tracking today’s global land grab for food production and people’s movements against it). GRAIN hat konkrete Länderbeispiele zusammengestellt und war eine der ersten NGOs, die die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit auf das Thema Land Grabbing gebracht hat.

Entwicklungspolitische Positionierung zum Thema: Großflächige Landkäufe und –pachten in Entwicklungsländern – „Land Grabbing“. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, BMZ Diskurs 014, Diskussionspapier 2009.

Landgrabbing hat Konjunktur – Konfliktpotentiale und friedenspolitische Herausforderungen. Caroline Kruckow. In: FriEnt Impusel 09/2009.

Land grabs – new ‚resource curse‘? Khadija Sharife in Pambazuka, Dezember 2009.

Neue Landnahme. Artikelsammlung von Uwe Hoering.

Landnahme – Landgrabbing. Mittels Käufen oder Pachtverträgen sichern sich immer mehr Investoren aus Industrie- und Schwellenländern große Agrarflächen vor allem in Afrika und Asien. Hintergrunddokumente zusammengestellt vom Dokumentationszentrum der Alliance Sud.

Land für die große Spekulation. Anna Marohn. Überall in Afrika. Bartholomäus Grill. In: Die Zeit Nr. 7 vom 11.2.2010.

Wie Gold, nur besser. Fette Dividenden aus Afrikas Böden. Joan Baxter. Le Monde Diplomatique vom 15.1.2010. 

Kampf um den Boden. Oliver Tanzer. Die Furche Nr. 7 vom 18.2.2010.

Activists, researchers raise alarm on Africa’s land grab. Nico Colombant. In: Voice of America. 18.1.2010

Land Grabbing by foreign investors in developing countries: risks and opportunities. Joachim von Braun und Ruth Meinzen-Dick. IFPRI Policy Brief 13 vom April 2009.

FAO: Food Outlook: Global Market Analysis. Jüngste Entwicklungen im Weltagrarmarkt für Nahrungsmittel haben Befürchtungen über eine mögliche Rückkehr von hohen Preisen für Nahrungsmittel erzeugt. Bericht vom Dezember 2009.

Agro-Industrie: Motor für wirtschaftliche Entwicklung in Afrika. Michael Büntrup und Christian von Drachenfels, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik. November 2009.