Engelbert Stockhammer: Was hat die Eigentumsverteilung mit der Finanzkrise zu tun?

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Ao. Prof. Dr. Engelbert Stockhammer machte seinen PhD an der University of Massachusetts in Amherst und den Magister an der WU-Wien, wo er nun am Institut für Geld- und Fiskalpolitik arbeitet. Er beschäftigt sich mit Fragen der Makroökonomie, Arbeitslosigkeit, Finanzsystem, Heterodoxe Ökonomie und Post Keynesianischer Ökonomie. Er lehrte an Universitäten in Wien, Maastricht, Istanbul, Ankara, Paris und London. Stockhammer hat ausgiebig veröffentlicht, u.a. „The rise of unemployment in Europe“ (2004) und "Heterodoxe Ökonomie" (2009, als Mitherausgeber) sowie zahlreiche Artikel in internationalen Fachzeitschriten. 2010 arbeitet er an der Kingston University in London.


Die Finanzkrise, so die gängigen Erklärungen, wurde durch Fehlentwicklungen auf Finanzmärkten verursacht: Aufgrund der Deregulierung wurden neue Finanzinstrumente entwickelt; Banken vergaben Hypothekarkredite und verkauften diese dann, garniert mit freundlichen Bewertungen durch willfährige Ratingagenturen, weiter; Hedge Fonds verschuldeten sich über alle Maßen und wurden damit krisenanfällig; starke Kapitalzuflüsse in die USA, die diese zur Deckung ihres Leistungs¬bilanzdefizits benötigten, trugen zur Überbewertung der neuen Finanztitel bei … So, oder so ähnlich sind die gängigen Krisenerklärungen – was sollte also die Einkommensverteilung damit zu tun haben?

Die angeführten Krisenursachen sind korrekt und eine Re-Regulierung des Finanzsektors ist zweifellos das Gebot der Stunde. Der Fokus auf die Fehlentwicklungen im Finanzsektor droht jedoch dahinter¬liegende strukturelle Ursachen zu verdrängen – und die haben viel mit der Veränderung der Einkommensverteilung zu tun. 

Polarisierung der Einkommensverteilung

Seit den frühen 80er Jahren ist es zu dramatischen Veränderungen in der Einkommensverteilung gekommen - die Reichen sind reicher und die Armen (relativ) ärmer geworden. Während die Super¬reichen (die obersten 0.1% der Einkommenspyramide) in den USA 1979 zwanzigmal soviel verdienten wie die Durchschnittseinkommen, so war es 2006 siebenundsiebzig (!) mal so viel.[1] In praktisch allen Ländern ist die Lohnquote, d.h. der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen gesunken; in Österreich seit 1980 gar um mehr als 15 %.

Für den Großteil der Haushalte sind Lohneinkommen die Haupteinkommensquelle. Bleiben die Löhne hinter dem Produktivitätswachstums zurück, stagniert der Konsum. Ökonometrische Schätzungen ergeben, dass 100 € mehr an Löhnen zu rund 30 bis 40 € mehr Konsumausgaben führen als 100 € mehr an Gewinnen.[2] Selbst wenn man den Effekt der Profite auf die Investitionen berücksichtigt, ergibt sich insgesamt ein negativer Nachfrageeffekt. Darüberhinaus hat die Deregulierung des Finanzsektors durch Shareholder Value Orientierung und häufigeren Finanzkrisen die Investitionen gedämpft. Profite werden heute eher als Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet als reinvestiert. 

Schuldfinanzierter Konsum oder Exportorientierung

Daher stagnierte die heimische Nachfrage in vielen Ländern. Etliche Länder, nicht zuletzt Deutschland, und in seinem Schatten Österreich, und Japan, haben dieses schwache Wachstum der heimischen Nachfrage durch Exportüberschüsse kompensiert. Wer nicht konsumiert exportiert eben. Nur, es können nicht alle Länder gleichzeitig Exportüberschüsse erzielen. Jedem Leistungsbilanzüberschuss muss ein Leistungsbilanzdefizit in einem anderen Land gegenüberstehen. 

Es waren die angelsächsischen Länder, allen voran die USA, die sich als Wachstumsmotor der Weltwirtschaft etablierten. Sie generierten die Nachfrage, die die Exportüberschüsse von Deutschland, Japan und China erst möglich machten. Wie taten sie das? Aufgrund ihres Immobilien¬marktes und ihres Finanzsystem entwickelten diese Länder durch die Deregulierung des Finanz¬sektors ein scheinbar brillantes System der Nachfrageankurbelung bei stagnierenden Löhnen: der Konsum wurde kreditfinanziert. 

In den angelsächsischen Ländern (aber auch in einigen europäischen Ländern) stiegen die Immobilienpreise rasant an und selbst viele Mittelstandsfamilien ließen sich den Wertzuwachs als Kredit auszahlen. Die Schulden der Haushalte wuchsen dramatisch an: in den USA und Großbritannien seit Anfang der 1990er Jahre um nicht weniger als 40% des Einkommens (in Deut¬sch¬land und Frankreich aber weit weniger)! Dieses Kredit-finanzierte Wachstumsregime ging gut, solange die Hauspreise weiter stiegen. Als diese zu fallen begannen, begannen auch die Banken zu krachen. 

Wie finanzierten die Banken eigentlich dieses Kreditwachstum? Größtenteils nicht über Einlagen, sondern indem sie die Kredite weiterverkauften, teils in Form recht komplizierter Wertpapiere. Und wer kaufte eigentlich diese Papiere? Pensionsfonds, internationale Banken und andere oft inter¬nationale Investoren – zu einem großen Teil über Kapitalzuflüsse aus China, Deutschland und Japan. Das muss so sein: ein Land das Exportüberschüsse (an Gütern) hat, Muss auch Kapital exportieren.[3] 

Finanzmarktregulierung und wachsende Löhne!

Jene Länder, in denen wegen Lohnzurückhaltung die heimische Nachfrage schwächelt, exportieren - und finanzieren mit ihren Kapitalexporten die Kreditgenerierung in jenen Ländern, wo die Haushalte fleißig einkaufen, was sie sich wegen des geringen Lohnwachstums gar nicht leisten können und daher über Kredite finanzieren müssen. Insgesamt ein perverses System, das aus der Wechsel¬wirkung der Deregulierung des Finanzsystems und der Polarisierung der Einkommensverteilung entstand. Eine Reform des Finanzsystems kann daher nur ein Teil der Reparatur des Systems sein. Der andere Bereich, der der Reparatur bedarf, ist die Lohnpolitik. Erst wenn die Löhne wieder mit der Produktivität wachsen ist ein wirtschaftliches Gleichgewicht möglich, das ohne spekulative Blasen und ohne steigende Haushaltsverschuldung auskommt. (29. April 2010)

Artikel als pdf incl. Grafik zu bereinigter Lohnquote in ausgewählten Ländern, 1960 - 2000

Literaturangaben

Girouard, N, Kennedy M, André, C, (2006) Has the rise in debt made households more vulnerable? OECD Economics Working Paper 535 (ECO/WKP(2006)63)

Kennickell, Arthur, 2009. Ponds and stream: wealth and income in the U.S., 1989 to 2007. Finance and Economics Discussion Series 2009-13

Mishel, L, Bernstein, J, Shierholz, H, 2009. The State of Working America 2008/09. Cornell University Press

OECD (2008). Growing unequal? Income distribution and poverty in OECD countries. Paris: OECD 

Stockhammer, E., 2007. Funktionale Einkommensverteilung und aggregierte Nachfrage im Euro-Raum. Wirtschaft und Gesellschaft 33, 2: 175-98

[1] Mishel et al (2009)

[2] Siehe Stockhammer (2007) für Schätzungen für den Euro-Raum.

[3] Etwas vereinfacht gesagt, wenn Land A mehr an Land B verkaufen will als es selbst von Land B kauft, dann muss es dem Land B einen Kredit zur Verfügung stellen, damit Land B die Mittel hat, die Waren zu kaufen.

Buchhinweis: Mythen der Krise

Mythen der Krise. Einsprüche gegen falsche Lehren aus dem großen Crash.

Hrsg. BEIGEWUM (Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen) und ATTAC Österreich.

VSA: Verlag Hamburg 2010; ISBN 978-3-89965-373-1

Seit 2007 dominiert ein Thema die Wirtschaftsteile der Medien, zeitweise auch die Schlagzeilen: die Krise. Bei aller Einigkeit über die Bedeutung des Themas herrscht jedoch weniger Einigkeit über die Ursachen der Krise, über die notwendigen Gegenmaßnahmen und die langfristigen Schlussfolgerungen.

Das vorliegende Buch von BEIGEWUM und ATTAC liefert einen Beitrag zur Diskussion über die Ursachen der Krise und die wirtschaftspolitischen Strategien zu ihrer Bewältigung.

Krisen-Mythen haben Konjunktur. Damit das nicht so bleibt, wird in diesem Buch eine Auswahl der häufigen Krisen-Mythen analysiert und einer kritischen Gegenargumentation unterzogen, in der auch Alternativen nicht zu kurz kommen.

Zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise schien der Neoliberalismus, ja der Kapitalismus insgesamt, schweren Legitimationsschaden zu nehmen. Doch mittlerweile haben sich seine Apologeten erholt und versuchen mit allen Mitteln, ihre Lehren zu verteidigen. Mit Mythen wie „Die AmerikanerInnen haben über Ihre Verhältnisse gelebt“ oder „Die Einkommensverteilung war nicht das Problem“ wird Ursachenverleugnung betrieben. Mit Aussagen wie „Die ‚braven‘ Banken sind unschuldige Opfer“ oder „Protektionismus ist die größte Gefahr“ wird versucht, eine Abkehr von der dominierenden wirtschaftspolitischen Doktrin zu verhindern. Mit Warnungen wie „Jetzt droht die Hyperinflation“ wird beschleunigt in Sackgassen gesteuert. Doch auch anti-neoliberale Ansätze wie die Zinskritik erweisen sich als wenig weiterführende Alternativen. (es)

www.beigewum.at 

www.attac.at

www.vsa-verlag.de 

Weiterführende Informationen zu Finanz-, Eurokrise und Griechenland

Rainer Falk, Barbara Unmüßig: „IWF-Frühjahrstagung: Einstürzende Dogmen. Doch zu einer grundlegenden Reform gehört mehr“. Mit der drastischen Aufwertung, die der IWF im Zuge der Finanzkrise erfahren hat, ist auch die Frage nach seinem zukünftigen Mandat verbunden. Wie soll er aussehen, der Fonds des 21. Jahrhunderts? In: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, 21.4.2010, www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org.

The global financial crisis and development countries: what happened, what have we learned? Seit Anfang 2009 haben 50 Forscher, koordiniert vom ODI – Overseas Development Institute, in einer Studie wirtschaftliche und soziale Auswirkungen der globalen Finanzkrise in 10 Entwicklungsländer untersucht. ODI-Blog.

Finanztransaktionssteuer: auf www.makefinancework.org kann man eine Petition an die Regierungschefs der G20 unterschreiben. Bis zum G20-Gipfel im Juni in Toronto werden diese aufgefordert, die Finanztransaktionssteuer endlich einzuführen. www.steuergegenarmut.at

Bankenabgabe versus Finanztransaktionssteuer: Nicola Liebert zeigt, dass die Diskussion in die entscheidende Runde geht. Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, 16. Mai 2010.

Griechenland und Eurokrise

Kurt Bayer: „Europa und der Stier“ zur Situation in Griechenland (16.4. bzw. 19.5.2010).

Nicht nur Griechenland braucht ein geregeltes Staateninsolvenzverfahren: Weltweit sind aktuell 36 Entwicklungs- und Schwellenländer kritisch überschuldet. Darauf wies das Entschuldungsbündnis erlassjahr.de hin. Deshalb müssen Lösungen für staatliche Überschuldungen nicht nur für einzelne Länder wie Griechenland entwickelt werden. www.erlassjahr.de

Erlassjahr-Schuldenreport

Gestaltung eines Staateninsolvenzverfahrens

Rainer Falk: Athens schmerzhafte interne Abwertung. Der IWF im Griechenland-Test. Das beschlossene Sparprogramm Griechenlands trägt alle Merkmale einer „internen Abwertung“, eine vertiefte Rezession ist einkalkuliert. R. Falk analysiert das Programm. Aus: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, Nr. 5/Mai 2010, www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org

Weltwirtschaftliche Lehren aus der Eurokrise. Politische Integration oder ökonomischer Zerfall, so der Titel des Kommentars von Dani Rodrik (Professor für Politische Ökonomie an der Harvard University). Das Hilfspaket für Griechenland und der Rettungsschirm für den Euro sind unter Dach und Fach. Das gibt den Ländern an der Peripherie der Eurozone den benötigten Spielraum. Ungewiss bleibt, ob damit eine spätere Zahlungsunfähigkeit Griechenlands abgewendet werden kann. Informationsbrief Weltwirtschaft und Entwicklung, 11. Mai 2010, www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org

Die Krise der Eurozone … und was sie für die Entwicklungsländer bedeutet. Für Peter Wolff vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) ist klar, dass die Finanzkrise zu allererst ein Problem der OECD-Länder ist. Während sich Europa durch die akute Krise der Eurozone auf einen schwierigen Konsolidierungskurs begibt, hätten die Entwicklungsländer jetzt die Chance, einen höheren Gang einzulegen, den Vorteil der niedrigen Verschuldung und der jungen Bevölkerung zu nutzen und Investitionen zu ermöglichen.