Kurt Wachter: Images and mediale Diskurse über afrikanischen Fußball: Paternalismus, Rassismus, neoliberale Bewunderung

© Franz Schmidjell
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Kurt Wachter arbeitet am Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC). Seit 1997 koordiniert er die antirassistische Fußballkampagne FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel. Er war 1999 Initiator des europäischen Netzwerks Football Against Racism in Europe (FARE). Von mehreren Afrika-Cup-Endrunden berichtete er für Tageszeitungen und Magazine.


Die Wahrnehmung des afrikanischen Fußballs und seiner Spieler war und ist sowohl in den Stadien wie in den medialen Darstellungen von rassistischen Images aus der Zeit des Kolonialismus geprägt. Der speziell in Europa konstatierbare Aufstieg des afrikanischen Fußballs im Zuge der Ökonomis¬ierung und Globalisierung des Spiels brachte zwar neue Superstars hervor, alte Stereotype leben aber vor Ort wie im medialen Diskurs in transformierter Weise fort.

„Rebranding“ Afrikas durch die WM 2010 in Südafrika

Die Organisatoren der WM in Südafrika sind angetreten, die erste afrikanische Fußball-Weltmeister¬schafts-Endrunde zu einer gesamtkontinentalen Angelegenheit zu machen. Der offizielle WM-Slogan lautet „Ke Nako. Celebrate Africa's Humanity“ („Es ist Zeit, Afrikas Menschlichkeit zu feiern!“). Südafrika 2010 will damit Afrika als Ursprung der Menschheit in Erinnerung rufen und den Beitrag des Kontinents zur menschlichen Zivilisation hervorheben, trotz der von Armut, Hunger und Krisen geprägten Realität in vielen afrikanischen Regionen. Immer wieder wird von südafrikanischer Seite die Hoffnung auf ein „Rebranding“ Afrikas geäußert.

Die Hoffnung, die WM könnte als weltweit größter Medienevent eine neue, von Vorurteilen und Stereotypen befreite Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents herbeiführen, ist nachhaltig ge¬trübt: Weiterhin dominieren altbekannte Schlagzeilen über Chaos, Gewalt und Barbarei die Medien¬berichte in Europa.

Rassenkonstruktionen und alte Stereotype

Ende des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der kolonialen Okkupation weiter Teile Afrikas und dem damit einhergehenden Export moderner Sportarten verfestigte sich der Mythos, wonach Afrikaner durchaus sportlich leistungsfähig, aber zu unbeständig wären. Zudem wiesen sie angeblich kein taktisches Verständnis bei Teamsportarten auf. Mit dem daraus entstandenen Stereotyp, dass „Schwarze“ keine guten Verteidiger oder Torhüter und generell verletzungsanfälliger als „Weiße“ sind, haben afrikanische Fußballer in Europa bis heute zu kämpfen. Ohne eine ungebrochene Linearität behaupten zu wollen, ist der populäre mediale Diskurs über Körperlichkeit und mentale Disposition von schwarzen Fußballern doch nach wie vor reich an kruden „rassischen“ Stereotypen, die zugleich vergeschlechtlicht sind. 

Koloniale Ursprünge des Fußballs in Südafrika

Die Ausbreitung des Fußballs in Afrika ist eine direkte Folge der imperialen Okkupation und der Teilung des Kontinents durch die Europäer, die auf der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 formalisiert wurde. Die Pioniere der kulturellen Diffusion waren zunächst Soldaten, Matrosen oder britische Siedler im südlichen Afrika. Bereits 1866, also nur drei, Jahre nachdem die englische Football Association gegründet wurde, fand in der Provinz Natal in Südafrika das erste historisch dokumentierte Fußballspiel in Afrika statt. Um 1900 wurde Fußball von weißen Einwanderern aus der Arbeiterklasse, Indern und zunehmend auch von Schwarzen gespielt. Buren und wohlhabende Südafrikaner britischer Herkunft beschränkten sich aber vor allem auf Rugby. So spielten weiße Männer auch Fußball, aber zum Unterschied von Rugby und Kricket entwickelte sich nie eine elitäre weiße Anhängerschaft und ein damit einhergehendes Prestige. 

Postkoloniale Aneignung: Der Fußball wird afrikanisch

Auch wenn Fußball in Afrika ein direktes Erbe des Kolonialismus und einen klaren Ausdruck des europäischen Kulturimperialismus darstellt, wurde das Spiel von lokalen Akteuren zunehmend umgedeutet und „afrikanisiert“. Die Geschichte des afrikanischen Fußballs ist daher auch eine Geschichte des Kampfes der Afrikaner um die Aneignung des Spiels. Mittels des Fußballs wurde durchaus auch politische Emanzipation, Befreiung und Dissidenz befördert. Im Zuge der Heraus¬bildung postkolonialer Nationalstaaten entwickelte sich der Fußball auf dem afrikanischen Kontinent zu einem bedeutenden kulturellen, sozialen und politischen Ereignis. Wie kein anderer Aspekt der kolonialen Kultur hat der Fußball Aufnahme in die Herzen afrikanischer Männer gefunden und sich in einigen Ländern zu einer (maskulin-)säkularen Religion entwickelt. Noch in den 1950er Jahren war es unvorhersehbar, dass diese anfänglich so fremde kulturelle Praktik sich zu einem zentralen Element der nationalen Identität aller 53 afrikanischen Nationalstaaten entwickeln würde.

Der erste afrikanische Team bei einer Weltmeisterschaft war Marokko im Jahr 1970 - sieht man von der Teilnahme des britisch dominierten Ägypten im Jahr 1934 ab. Die FIFA brauchte 40 Jahre, um dem Kontinent einen eigenen Startplatz zu gewähren und damit anzuerkennen, dass auf dem Kontinent guter Fußball gespielt wird. Dabei waren im Jahr 1970 bereits 36 nationale Verbände aus Afrika Mitglied der FIFA. 

Beim sportlich desaströsen Gastspiel von Zaire 1974 musste sich (mit Ausnahme von Togo bei der WM 2006) das einzige Mal ein afrikanisches Team punktelos von einer WM verabschieden. Der sport¬¬liche Kurzauftritt der Zairer 1974 in Deutschland amüsierte damals die Journalisten. In der deutschen Presse sah man krude Rassentheorien bestätigt: Afrikaner wären zwar fähig, lange Distanzen zu laufen, nur hätten sie nicht die leiseste Ahnung von Teamsport und ihr Verständnis für Tak¬tik und Disziplin würde jener von Wilden gleichen.

Afrikanischer Fußballboom und postkoloniale Kontinuitäten

Noch bei der WM 1990 durfte der deutsche Fernsehreporter Marcel Reif dem von Roger Milla angeführten Team Kameruns ungeniert zurufen: „Nur Mut, ihr schwarzen Freunde“. Ein solcher paternalistischer Exotismus, basierend auf einer Sympathie für den vermeintlich Schwächeren, war jedoch zu dieser Zeit aufgrund der starken internationalen Performance des afrikanischen Fußballs bereits im Abflauen begriffen. Mit den regelmäßigen Titelgewinnen von Nigeria und Ghana bei den seit 1985 stattfindenden FIFA U-17 Weltmeisterschaften und der Liberalisierung des europäischen Spielermarktes („Bosman-Urteil“) nahm die Zahl afrikanischer Spieler in den europäischen Ligen stark zu. Waren es Mitte der 1980er Jahren lediglich einige Dutzend afrikanische Profis, die bei Erst¬ligavereinen unter Vertrag standen, stieg die Zahl der Fußballmigranten aus Afrika zur Jahrtausend¬wende rapide an. Für das Jahr 2003 hat das Professional Football Players Observatory folgende Zahlen ermittelt: In den jeweils obersten Ligen aller europäischen Länder waren 1152 Afrikaner unter Vertrag, und zwar in 48 von 50 UEFA-Mitgliedsländern. 

Der ab Mitte der 1990er Jahre einsetzende Rush der europäischen Klubs und Spieleragenten auf zumeist junges Spielermaterial aus Afrika („body trading“) ist unterlegt mit altbekannten Stereo¬typen: die adoleszenten „schwarzen Rohdiamanten“ besäßen ein Übermaß an Talent, das nicht sozio-kulturellen Faktoren, sondern letztlich den Genen geschuldet sei. 

Der Aufstieg von afrikanischen Spielern wie Didier Drogba oder Samuel Eto‘o zu globalen Superstars des Fußballs fällt nicht zufällig in eine Phase des Wandels im post-industriellen Arbeitsleben und im Frei¬zeitbereich, in dem Sport zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnt. Fußball ver¬wandelte sich dank eines enormen ökonomischen Potentials in eine boomende, globalisierte Enter¬tain¬mentindustrie, die ihre Arbeitskräfte aus allen Teilen der Welt rekrutiert. Fußballstars wurden zu kulturellen Ikonen und weltweit funktionierenden Rollenmodellen, die von Sponsoren und der Werbewirtschaft begehrt werden. Sie verkörpern wie kaum eine andere Berufsgruppe eine neo¬liberale Ideologie des Erfolgs und der Leistung.

Das Resümee über die Wahrnehmung des afrikanischen Fußballs in Europa fällt nicht gerade positiv aus. Doch die erste Weltmeisterschafts-Endrunde in Afrika in der hundertjährigen Geschichte der FIFA und die damit verbundene globale mediale Aufmerksamkeit für den afrikanischen Fußball ist eine historische Chance, überkommene (post-)koloniale Sichtweisen zu hinterfragen und neue Diskurse abseits Paternalismus und Rassismus zu ermöglichen. Es bleibt offen, ob diese Chance auch genutzt wird. (18. Mai 2010)

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