Karin Fischer: Globale Güterketten und Entwicklung: Das Beispiel der Lachsindustrie in Chile

© Univ. Linz
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Dr. Karin Fischer ist Universitätsassistentin an der Abteilung für Politik- und Entwicklungs-forschung am Institut für Soziologie der Universität Linz. Sie ist Obfrau des Mattersburger Kreises und verantwortliche Redakteurin des „Journal für Entwicklungspolitik“.


Woher kommen die Produkte, die wir konsumieren? Unter welchen Bedingungen werden sie hergestellt? Ein theoretischer Ansatz, der solche üblicherweise transnationalen Prozesse in den Blick nimmt, ist die Forschung über globale Güterketten und Produktionsnetzwerke. Auf diese Weise lässt sich auch die globale Lachsindustrie in Chile untersuchen.

Globale Güterketten und Entwicklung

Die Forschung über globale Güterketten beschreibt zum einen, welche Stationen ein Produkt durchläuft – angefangen von der Planung, der Beschaffung von Rohstoffen über verschiedene Fertigungsprozesse und den Vertrieb bis hin zum Endkonsum und zur Entsorgung. Zum anderen analysiert sie, wie globale Produktionsnetzwerke gesteuert werden und wertschöpfende Aktivitäten entlang der Kette verteilt sind. Den Hintergrund bilden die strukturellen Veränderungen seit den 1970er Jahren: Große Unternehmen konzentrieren sich auf Kernkompetenzen wie Produkt¬entwicklung und Design und lagern Fertigungsschritte an Subunternehmer und Kontraktfertiger aus. Es entstehen räumlich und organisatorisch komplexe Wertschöpfungsketten, die eine Vielzahl von AkteurInnen und Weltregionen miteinander verbinden. Gesteuert werden diese in der Regel von transnationalen Konzernen.

Eine der zentralen Fragen in der Güterkettenforschung bezieht sich darauf, welche Entwicklungseffekte durch die Einbeziehung von AkteurInnen in armen Ländern entstehen. Sind die neuen Standorte in die lokale Wirtschaftsstruktur eingebettet oder handelt es sich lediglich um verlängerte Werkbänke ohne linkages? Können lokale Firmen durch den Zugang zu Technologieführern eigene Unternehmensaktivitäten aufwerten und wenn ja, wer profitiert davon? Wie verändern sich Löhne und Arbeitsbedingungen für die ArbeiterInnen?

Aufstieg der globalen Lachsindustrie in Chile

Betrachten wir diese Fragen am Beispiel der industriellen Lachszucht in Chile. Dort hat die neoliberale Entwicklungsdiktatur in den 1980er Jahren begonnen, die industrielle Fischzucht massiv zu fördern. Die einheimischen Familienunternehmen reagierten positiv auf die Stimuli und begannen, Fischmehl und kaum verarbeiteten Pazifiklachs zu exportieren. Die lokalen Kapitalisten dominierten noch bis Mitte der 1990er Jahre den Sektor. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt den zweiten Platz bei den weltweiten Lachsexporten hinter Norwegen erobert. Im Zuge der Asienkrise 1997 setzte ein Transnationalisierungs- und Konzentrationsprozess ein. Unter den instabilen Bedingungen wurden die chilenischen Zuchtfarmen zu einem guten Geschäft für die Nahrungs- und Futtermittelkonzerne aus Norwegen, Schottland und den Niederlanden. Den Sektor dominieren gegenwärtig norwegische Global Players, die ihre Konkurrenten  aufgekauft haben, sowie drei chilenische Familientrusts, die transnational integrierte Konzernstrukturen aufweisen.

Heute ist Chile hinter Norwegen weltweit der zweitgrößte Lachsproduzent und die Nummer eins bei Zuchtforellen. Die Fischindustrie gilt als gelungenes Beispiel einer weltmarktorientierten Industrie, mit der die Exportstruktur diversifiziert werden konnte. Exportiert wird nicht mehr Fischmehl, sondern eine breite Produktpalette. Das bringt den Unternehmen größere Gewinnspannen. Auch die Abnehmer haben sich diversifiziert. Wiewohl unverändert fast drei Viertel der Lachse in den USA und in Japan landen, beliefern die Unternehmen Märkte in der EU, in Südostasien und Russland.

Die Fischindustrie hat Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region geschaffen. Neben der Beschäftigung von ArbeiterInnen in den Fischfabriken, Tauchern und Fahrern haben sich ein-heimische Klein- und Mittelbetriebe als Zulieferfirmen etabliert. Sie dominieren bei den arbeits-intensiven, räumliche Nähe erfordernden Dienstleistungen. Parallel zu diesen haben sich speziali-sierte Dienstleister angesiedelt. Dazu gehören labortechnische, veterinärärztliche und andere Beraterdienste, etwa im Bereich Qualitätssicherung oder internationales Recht.

Ambivalente Entwicklungseffekte und ökologische Überausbeutung

Hinter diesen Erfolgsmeldungen verbergen sich die Schattenseiten des chilenischen Exportschlagers. Die Gemeinden der Fischindustrie liegen hinsichtlich der sozialen Infrastruktur erheblich unter dem nationalen und regionalen Durchschnitt. Die dort lebenden Menschen haben verminderten Zugang zu Trinkwasser, Elektrizität und Gesundheitseinrichtungen. Diese Unterversorgung kann nicht mit dem Nettozuzug erklärt werden, sie ist dem fehlenden Ausgleich zwischen den Regionen geschuldet. Eine kommunale Besteuerung der Unternehmen, deren Erträge den Gemeinden zugute kommen, gibt es nicht.

Die industrielle Lachszucht bringt eine Menge sozialökologischer Probleme mit sich. Dazu gehören u.a. der Chemie- und Medikamenteneinsatz, die ungelöste Entsorgung von Abfall und Rückständen und die intensive Fütterung der gefräßigen Lachse. Infektionen in den Zuchtstätten bekämpfen die Unternehmen mit Antibiotika – 385.635 Kilogramm waren es nach Regierungsquellen im Jahr 2007. In Norwegen kamen im selben Jahr lediglich 600 Kilogramm zum Einsatz. Transnationale Konzerne machen sich die lediglich hinreichenden Regulierungen und die schwache behördliche Kontrollkapazität zu Nutze. Marine Harvest etwa hat im Jahr 2008 in seinen chilenischen Zucht¬farmen 560 Gramm Antibiotika pro Tonne Lachs zugesetzt. In den norwegischen Produktionsstätten waren es 0,07 Gramm.

Niedergang der globalen Lachsindustrie

Gegenwärtig befindet sich die Industrie infolge der infektiösen Lachsanämie in der Krise. Das ISA-Virus, das mit dichtem Fischbestand in den Zuchtfarmen in Zusammenhang gebracht wird, ist für Menschen ungefährlich. Es vermindert aber die Größe und damit den Geschmack des Fisches. Das Exportvolumen ist massiv eingebrochen. Die Hälfte der direkt Beschäftigten, rund 15.000 Personen, wurden entlassen. Dazu kommen noch etwa 2.000 externe Zulieferer und temporäre ArbeiterInnen.

Die Krise hat der Forderung nach einer stärkeren Regulierung des Sektors Nachdruck verliehen. Im vergangenen Sommer legte eine Arbeitsgruppe einen Entwurf für eine Gesetzesreform vor, die eine härtere Linie in Bezug auf Arbeitsschutz, Gesundheits- und Umweltauflagen vorsieht. Die Abgeordneten erteilten dem neuen Gesetz eine Abfuhr. Es scheiterte an der Bestimmung, dass Firmen erst dann die Lachse einbringen dürfen, wenn sie die Sozialversicherungsbeiträge für die ArbeiterInnen entrichtet haben. Das Gesetz wurde verschoben – und hat unter dem neu gewählten Präsidenten Piñera und seinem Kabinett aus Unternehmern und organisierten Neoliberalen kaum Chance auf Realisierung.

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Buchtipp: Globale Güterketten

Fischer, Karin / Reiner, Christian / Staritz, Cornelia (Hg.)

GLOBALE GÜTERKETTEN. Weltweite Arbeitsteilung und ungleiche Entwicklung

ISBN 978-3-85371-310-5, br., gr. Format, 280 S., 24,90 Euro.

Die vergangenen Jahrzehnte waren von einer dramatischen Zunahme an grenzüberschreitenden ökonomischen Transaktionen geprägt. Globaler Handel und Investitionen expandierten. Das Resultat ist eine qualitative Neustrukturierung von Güterketten, in denen die Produktion von Waren und Dienstleistungen in einzelne Produktionsschritte aufgeteilt und global verteilt werden. Damit verbunden sind eine Ausweitung von Produktionskapazitäten in Entwicklungsländern sowie eine generelle Neuverteilung ökonomischer Aktivität im Weltmaßstab. Eine steigende Anzahl von alltäglich benützten bzw. konsumierten Waren wird entlang global organisierter Güterketten arbeitsteilig produziert, wobei die Profite daraus ungleich zugunsten mächtiger transnationaler Unternehmen in den Zentren verteilt werden. 

Dies wirft eine Reihe (entwicklungs-)politisch relevanter Fragen auf: Können arme Länder und Regionen durch eine Integration in diese globalen Güterketten und Produktionsnetzwerke ihre Entwicklungsperspektiven nachhaltig verbessern? Welche entwicklungs- und industriepolitischen Konzepte tragen  zur Verbesserung ihrer Position in diesen Netzwerken und zur Steigerung der Aneignung regional geschaffener Werte bei? Welche Unternehmensstrategien erklären aktuelle und historische Standortsysteme und was folgt daraus für bestehende und zukünftige Machtasymmetrien und Entwicklungsperspektiven innerhalb von Produktionsnetzwerken?

Diesen und weiteren Fragen nähert sich der Band anhand der Perspektive „globaler Güterketten“ an. Sein Forschungsansatz stellt die Organisation weltweit verstreuter, arbeitsteiliger Produktionsprozesse und die daraus entstehenden Konsequenzen für Entwicklung in den Mittelpunkt. Unter anderem werden folgende Inhalte diskutiert: Grundlagen, Kritik und Weiterentwicklung des Konzeptes „globale Güterketten“; Fragen der Arbeitsqualität und der sozialen Unternehmensverantwortung sowie deren Regulierung. Fallbeispiele mit historischem und aktuellem Bezug behandeln den Kakaosektor, die Fischproduktion, die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Sportartikel-, Automobil-, Elektronik- und Pharmaindustrie sowie die Rolle von Supermarktketten in globalen Produktionszusammenhängen. Durch eine breite räumliche Streuung der Fallbeispiele auf zentrale, periphere und semiperiphere Regionen stellen die Beiträge eine wertvolle Ergänzung und Alternative zu traditionellen entwicklungsökonomischen Zugängen dar.

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