Rita Schäfer: Männer als Akteure der Veränderung (Gender in Südafrika)

© C. Marx
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Dr. Rita Schäfer ist Ethnologin und arbeitet über Gender in Südafrika. Durch ihre Auseinandersetzung mit dortigen Frauenrechtsorganisationen wurde sie auf innovative Männerinitiativen aufmerksam, die gewaltgeprägte Maskulinitäts-konzepte ändern.


Die Berichterstattung über Südafrika konzentrierte sich in den letzten Wochen vor allem auf den Fußball. Dabei fragten entwicklungspolitisch Interessierte, wie kostspielig die dortige Fußball­welt­meisterschaft sei und ob das angestrebte Wirtschaftswachstum wirklich die grassierende Armut redu­zieren könnte. Gelegentlich richtete sich der Blick auf gesellschaftliche Strukturprobleme: Arbeits­losigkeit, soziale Spannungen, Gewalt und HIV/AIDS zählen zu den großen Heraus­forder­ungen, die das Land am Kap bewältigen muss. Während im Kontext der WM männliche Körper­be­herr­schung und Teamgeist inszeniert wurden, stellt sich mittelfristig die Frage, ob über dieses Sport­ereignis auch Männlichkeitsvorstellungen verbreitet werden, die zur Überwindung von Gewalt und HIV/AIDS beitragen. Etliche AIDS-, Kinder- und Jugendorganisationen hatten schon im Vorfeld der WM Projekte konzipiert, die gezielt Jungen für gemeinsame Fußballspiele erreichen und verant­wortungs­volles Sexualverhalten fördern sollten.

Sonke – Gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit

Zu den innovativsten und ideenreichsten Männerorganisationen, die auch den Fußball für ihre Ziele nutzen, zählt das Sonke Gender Justice Network. Sonke ist ein Wort der Nguni-Sprachgruppe und heißt „gemeinsam, zusammen“. Dieses Netzwerk wurde 2006 von Dean Peacock und Bafana Khumalo gegründet. Beide hatten auf unterschiedliche Weise gegen die Apartheid gekämpft. Dean Peacock hatte den Kriegsdienst in der Apartheidarmee verweigert und musste ins Exil gehen. Bafana Khumalo war in regimekritischen Kirchengruppen aktiv gewesen und wurde deshalb verfolgt.

Etliche andere Sonke-Aktivisten haben ähnliche Biographien. Sie verbindet das Ziel, nun der weit verbreiteten Gewalt in Südafrika Einhalt zu gebieten und für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen. Die hohen Gewaltraten führen sie auf den Jahrhunderte langen gewaltsamen Siedlerkolonialismus und die brutale Apartheid zurück. Das sind auch die Ursachen für die Unterdrückung und den Missbrauch von Frauen und Mädchen. Die Sonke-Männer wissen, dass die historisch geprägten Gewaltmuster nachwirken und sie viel Ausdauer für ihre Veränderungsansätze brauchen.

Dennoch lautet ihr Motto: Jeder Mann kann sich ändern! Ihre Einsatzorte sind die großen Townships im Umfeld der städtischen Ballungszentren wie Johannesburg und Kapstadt. Teilweise sind sie auch in ländlichen Gebieten tätig, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Dort richten sich die Sonke-Aktivisten insbesondere an Kinder und Jugendliche. Durch Sport und innovative Medienprojekte, bei denen das Erlernen technischer Fähigkeiten wichtig ist, sprechen sie die Jungen an und stellen Gewaltmuster in Zweifel. Das betrifft auch die besitzergreifende Sexualität und die auf risikoreiches Sexualverhalten ausgerichteten Männlichkeitsmuster. Sonke bezieht auch die Gewalt zwischen Jungen und zwischen Männern in die eigene Arbeit ein. Zudem will diese Organisation der xenophoben Gewalt in Südafrika Einhalt gebieten.

Die Sonke-Männer genießen hohes Ansehen, weil sie im Widerstand gegen die rassistische Minderheitenregierung aktiv gewesen waren. Nur so können sie die Faszination vieler Jugendlichen für die zahlreichen kriminellen Banden und die mit Statussymbolen protzenden Bandenchefs ansatzweise in Frage stellen.

Männer als Zielgruppe

Sonke zielt auch darauf ab, erwachsene Männer als Akteure der Veränderung zu gewinnen. Dazu zählen traditionelle und religiöse Autoritäten ebenso wie Mitarbeiter staatlicher Institutionen, beispiels­weise Lehrer. Schließlich haben sie Vorbildfunktionen und prägen Einstellungen und Meinungen. Nicht selten legitimieren sie den Missbrauch von Mädchen oder wenden sogar selbst Gewalt als Machtmittel an. Das will Sonke ändern, weshalb die Sonke-Aktivisten auch angefeindet werden. Besonders massiv reagierte der ANC-Youth League Leiter Julius Malema, den Sonke wegen seiner diffamierenden Äußerungen über Vergewaltigte anzeigte. Anschließend beleidigte Malema Sonke-Vertreter, obwohl diese sich auf den in der südafrikanischen Verfassung verankerten Schutz vor Gewalt und die Geschlechtergleichheit beriefen. Man darf gespannt sein, wie diese Aus­einandersetzungen nach der WM weiter ausgetragen werden. Denn auch der ANC-Chef und Präsi­dent Jacob Zuma hatte wiederholt mit sexistischen Verlautbarungen und einer betont martialisch inszenierten Männlichkeit um die Wählergunst gerungen.

Allianzpartner

Umso wichtiger ist es für Organisationen wie Sonke, mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen zu kooperieren. Zu den Allianzpartnern zählen Frauen- und Kinderrechtsorganisationen ebenso wie HIV/AIDS-Netzwerke. Darüber hinaus steht Sonke im Austausch mit Männerorganisationen in anderen afrikanischen Ländern, die ähnliche Probleme bewältigen müssen. Ziel ist es, gemeinsame Strategien zu entwickeln. Auch Verbindungen mit Männerinitiativen in Nord- und Südamerika, insbesondere in Brasilien, dienen zur Reflexion über kontextspezifische Veränderungsansätze und zum Erfahrungsaustausch.

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Weiterführende Literatur

www.genderjustice.org.za

Rita Schäfer: Im Schatten der Apartheid, 2. aktualisierte Auflage Lit-Verlag, Münster 2008.

Rita Schäfer: Frauen und Kriege in Afrika, Brandes und Apsel

Verlag, Frankfurt a.M. 2008. www.frauen-und-kriege-afrika.de

Van Dijk, Lutz: Themba, Random House, München, 2008.