Mathias Binswanger: Freihandel und Landwirtschaft

© fhnw
© fhnw

Dr. Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FH Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er war Gastprofessor in Deut­schland und China. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makro­ökono­mie, Finanz-markttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammen­hangs zwischen Glück und Einkommen. Er hat 2006 das Buch „Die Tretmühlen des Glücks“ veröffentlicht, das in der Schweiz zum Bestseller wurde.Freihandel bei Agrargütern führt zu vielen Verlierern und wenigen Gewinnern. Verlierer sind die meisten Bauern sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern und letztlich auch die Konsumenten, während sich einige Grossbauern, Lebensmittelverarbeiter, Handel und ein paar internationale Konzerne zu den Gewinnern zählen dürfen. Die wohlstandsmindernden Auswirkungen des Freihandels bei Agrargütern lassen sich aber erst erkennen, wenn man den Handel nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der in der Volkswirtschaftslehre etablierten Theorie der komparativen Vorteile betrachtet. Diese kann nämlich wesentliche Aspekte des Handels mit Agrargütern nicht erfassen, und prophezeit deshalb Wohlstandsgewinne, die sich in der Realität in Verluste verwandeln.


Um die Argumentation in Bezug auf die angeblichen ökonomischen Vorteile des Freihandels zu verstehen, lohnt es sich, die Theorie der „komparativen Vorteile“ und ihre Entstehung einmal etwas genauer zu betrachten. Es braucht kein Genie um einzusehen, dass es für ein Land wie Deutschland vorteilhafter ist, Bananen aus den Philippinen einzuführen, statt selbst Bananen in Gewächshäusern anzupflanzen. Umgekehrt zahlt es sich für die Philippinen aus, Wintersportdienstleistungen aus Deutschland zu importieren (sprich in Deutschland Ski zu fahren), statt selbst künstlich Schnee zu erzeugen und in klimatisierten Hallen Ski zu fahren. Die Philippinen sind Deutschland in der Bananenproduktion absolut überlegen, während Deutschland den Philippinen beim Wintersport einiges voraus hat.

Doch die vom Britischen Ökonomen David Ricardo 1817 erstmals veröffentlichte Theorie der komparativen Vorteile ist viel raffinierter. Ricardo zeigte nämlich auf, dass zwei Länder sich auch dann auf die Produktion je eines Gutes spezialisieren sollten, wenn das eine Land beide Güter effizienter produzieren kann und somit bei beiden Gütern einen absoluten Vorteil besitzt. Was mit dem Begriff komparativer Vorteil gemeint ist, lässt sich am besten verstehen, wenn wir für einen Moment die Länderebene verlassen und stattdessen einen Anwalt betrachten, der eine Sekretärin anstellt, obwohl er selbst schneller und mit weniger Fehler Briefe schreiben kann als diese. Trotzdem macht die Anstellung der Sekretärin Sinn. Wenn der Anwalt seine Briefe nämlich selbst auf dem Computer eintippen würde, könnte er während dieser Zeit nicht an seinen Fällen arbeiten, mit denen er sein Geld verdient. Der Anwalt verzichtet deshalb darauf, selbst seine Briefe zu schreiben, weil die ihm dadurch entgehenden Anwaltshonorare höher sind, als das Gehalt, welches er an die Sekretärin bezahlen muss. Die Anwaltshonorare sind in diesem Fall die Opportunitätskosten des Briefeschreibens, d.h. die Einnahmen, auf die er verzichten muss, weil er selbst Briefe schreibt. Die Sekretärin besitzt gegenüber dem Anwalt zwar einen absoluten Nachteil beim Briefeschreiben aber einen komparativen Vorteil, denn ihre Opportunitätskosten sind geringer als die des Anwalts. Im Unterschied zum Anwalt könnte sie nämlich, wenn sie keine Briefe schriebe, keine Fälle bearbeiten und dafür ein Anwaltshonorar kassieren.

Wenn wir jetzt den Anwalt durch Portugal und die Sekretärin durch England ersetzen, dann sind wir beim Originalbeispiel, welches Ricardo verwendete, um den Nutzen von Spezialisierung und Freihandel zu demonstrieren. In diesem Beispiel gibt es zwei Länder (Portugal und England) sowie zwei Güter (Wein und Tuch). Obwohl Portugal die effizientere Tuchindustrie besitzt, sollte es gemäss Ricardo auf die Tuchproduktion verzichten, und zwar wiederum wegen der Opportunitätskosten. Ricardo demonstrierte dies anhand des folgenden Zahlenbeispiels. In England braucht es 100 Arbeitsstunden, um eine Einheit Tuch (ein Ballen) herzustellen, und in Portugal 90 Arbeitsstunden. Gleichzeitig brauchen Englische Winzer 120 Stunden um eine Einheit Wein (ein Fass) zu produzieren, während die Portugiesen dafür 80 Arbeitsstunden benötigen. Das Beispiel wurde von Ricardo so gewählt, dass Portugal bei der Herstellung beider Güter einen absoluten Vorteil und England einen absoluten Nachteil besitzt, denn für die Herstellung beider Güter braucht es in Portugal weniger Arbeitsstunden. England besitzt aber einen komparativen Vorteil bei der Tuchproduktion, da die Produktion eines Ballen Tuches den Verzicht auf weniger Weinproduktion verlangt als in Portugal.

Wie profitieren nun beide Länder durch den Handel gemäss Ricardo? Schauen wir uns dazu einmal die Produktionsmöglichkeiten vor und nach der Aufnahme des Handels an. Wir gehen davon aus, dass in der ursprünglichen Situation jedes Land je eine Einheit Tuch und eine Einheit Wein produziert. Portugal benötigt dazu insgesamt 170 Arbeitsstunden und in England sind dazu 220 Arbeitsstunden erforderlich. Nun nehmen wir an, dass sich beide Länder auf die Produktion des Gutes spezialisieren, bei dem sie einen komparativen Vorteil besitzen. England spezialisiert sich also auf die Produktion von Tuch, und Portugal produziert nur noch Wein. In diesem Fall gelingt es, mit der gleichen Menge an Arbeit (170 Stunden) in Portugal 2.125 Einheiten an Wein zu produzieren und in England (220 Stunden) ist jetzt die Produktion von 2.2 Einheiten Tuch möglich. Die Produktionsmöglichkeiten haben sich also erweitert. Insgesamt kann mit der gleichen Menge an Arbeit, 0.2 Einheiten mehr Tuch und 0.125 Einheiten mehr Wein produziert werden. Diese Überschüsse lassen sich nun zwischen beiden Ländern aufteilen (wie genau hängt vom Preis ab), so dass beide davon profitieren sollten. Es gibt mehr Wein und mehr Tuch und somit geht es allen besser.

Die Auswahl der beiden Güter Wein und Tuch war nun keineswegs zufällig. Genau um diese zwei Güter ging es rund hundert Jahre früher (1703) in dem zwischen England und Portugal geschlossenen Methuen-Vertrag (Methuen Treaty), so benannt nach dem damaligen Englischen Botschafter in Portugal. Diesem gelang es mit der Portugiesischen Regierung einen Vertrag auszuhandeln, bei dem sich die Portugiesen dazu verpflichteten, die zum Schutz ihrer eigenen Tuchindustrie seit dem Jahr 1684 erhobenen Importzölle für Englisches Tuch massiv abzubauen. Im Gegenzug verpflichtete sich England dazu, Portugiesischen Wein bei der Einfuhr mit einem Vorzugszoll zu behandeln. Von Seiten der Portugiesen war die Unterzeichnung dieses Vertrags allerdings nicht wirklich freiwillig. Sie mussten auf ihn eingehen, weil sie auf die militärische Unterstützung der Engländer gegen die Spanier angewiesen waren.

Gemäss der Theorie der komparativen Vorteile hätte sich durch diesen Vertrag die Situation in beiden Ländern verbessern sollen. Das geschah aber nur in England. In Portugal führte der Methuen-Vertrag innerhalb kurzer Zeit zur vollständigen Vernichtung der Tuchindustrie, da Portugal sofort mit Englischem Tuch überschwemmt wurde. Der Export von Portugiesischem Wein nach England erhöhte sich hingegen nur langsam und in viel geringerem Ausmaß. So leistete der Methuen-Vertrag einen nicht unwesentlichen Beitrag einerseits zum Aufstieg Englands zur Weltmacht und andererseits zum wirtschaftlichen Abstieg Portugals zu einer wirtschaftlichen Randregion. Portugal war der eindeutige Verlierer des Freihandels.

Es ist interessant, dass Ricardo zur Erklärung seiner Theorie der komparativen Vorteile gerade ein Beispiel gewählt hat, bei dem diese versagt. Aber da er in London lebte, musste er nicht die Portugiesen, sondern die Engländer vom Nutzen des Freihandels überzeugen. Schon die Auswahl der beiden Güter Wein und Tuch sollte einen ja stutzig machen. Ricardo geht in seinem Beispiel davon aus, dass die Engländer auch Wein produzieren könnten, sich dann aber wegen des komparativen Vorteils ganz auf die Tuchproduktion konzentrieren. Einen Weinanbau von nennenswerter Größe und Qualität hat es in England aber aus klimatischen Gründen nie gegeben. Während die Engländer also auf keinen Weinanbau verzichten mussten, indem sie ihre Tuchproduktion ausdehnten, waren die Portugiesen gezwungen, ihre eigene erfolgver­sprechende Tuchindustrie aufzugeben.

Doch Ricardos Vergleich hinkt noch aus einem anderen Grund. Er geht nämlich davon aus, dass alle Arbeiter, die bisher in der Portugiesischen Tuchindustrie gearbeitet haben, nach der Spezialisierung Portugals zu Weinbauern werden können. Dies ist eine ziemlich realitätsfremde Annahme angesichts der Tatsache, dass erstens der Weinanbau durch die Knappheit der dafür geeigneten Böden beschränkt war und zweitens die internationale Nachfrage nach Wein im Vergleich zur Nachfrage nach Tuch gering war. Nur ein kleiner Teil der Tuchindustriearbeiter konnte demzufolge zu Weinbauern werden, während der Rest sich nach anderen Tätigkeiten umsehen musste oder arbeitslos wurde.

Seit bald 200 Jahren wird die Erhöhung des Wohlstandes durch den Freihandel für die beteiligten Länder anhand des Handels von Tuch und Wein zwischen England und Portugal erklärt, obwohl in diesem Fall England einseitig auf Kosten von Portugal vom Freihandel profitierte. Ricardos Theorie der komparativen Vorteile beruht zwar auf einer genialen Idee, die zu den bedeutendsten Leistungen in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre zählt. Doch als universal gültigen, ökonomischen Freipass für Freihandel kann sie nicht dienen, da die ihr zu Grunde liegenden Annahmen häufig nicht erfüllt sind. Ricardo musste die damalige Situation in England und Portugal großzügig uminterpretieren, damit diese Länder in seine Theorie passten. In Wirklichkeit hätten Portugiesen im 18. Jahrhundert guten Grund gehabt, gegen Freihandel zu demonstrieren. Und das gleiche gilt heute auch für die Landwirte. (27.9.2010)

Artikel als pdf

Buchtipp: Mathias Binswanger: Globalisierung und Landwirtschaft. Mehr Wohlstand durch weniger Freihandel.

Vorwort von Hermann Knoflacher

Wiener Vorlesungen im Rathaus: Vortrag von M. Binswanger am 8. November 2007

Picus Verlag Wien, 2009; ISBN 978-3-85452-583-7

„Seit der Ökonom David Ricardo im Jahre 1817 erstmals seine Theorie der komparativen Vorteile veröffentlichte, „wissen“ volkswirtschaftlich gebildete Menschen, dass Freihandel grundsätzlich den Wohlstand vergrößert, während Handelsbarrieren wie Zölle oder Importbeschränkungen dem Wohlstand abträglich sind. Würden wir nur in einer freien Welt ohne Handelsschranken und Subventionen leben, in der Güter und Dienstleistungen ungehindert von einem Land ins andere gelangen könnten, so wird uns gesagt, dann würde das Prinzip der Ausnutzung komparativer Vorteile dazu führen, dass (fast) alle Menschen weltweit in mehr Wohlstand leben könnten.“ Binswanger zeigt auf, was sich hinter der Zauberformel des komparativen Vorteils und des Vergleichs von Ricardo verbirgt. 

Auch heute, fast 200 Jahre nach Ricardo, gilt Freihandel als Königsweg zu mehr Wohlstand. Binswanger zeigt in seinem Buch auf, dass Freihandel ganz im Gegenteil nicht immer zu Wohlstandsgewinnen führt.

Der Autor untersucht Landwirtschaft und Freihandel sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern. Die Weltbank glaubt, dass die Öffnung der Weltagrarmärkte das Wachstum in den ärmsten Ländern erheblich beschleunigen wird. Die Teilnahme am Freihandel würde aber für die ärmsten Länder (LDCs) die Umstellung der Landwirtschaft auf einige wenige exportfähige Produkte bedeuten. Doch aus Perspektive der LDCs wurde die Exportorientierung der Landwirtschaft zur ruinösen Sackgasse. Nicht nur verfielen die Preise für die Exportgüter, sondern gleichzeitig wurden diese Länder immer abhängiger von Lebensmittelimporten. Die FAO zeigte in einer Studie, dass die Liberalisierung des Handels zu einem unmittelbaren Anstieg der Lebensmittelimporte führte, während die Exporte kaum gesteigert werden konnten. Und dort, wo die Exporte sich tatsächlich erhöhten, wurden die Länder von den sich verschlechternden Terms of Trade getroffen (Zerfall der Rohstoffpreise). Aufgrund des starken Rückgangs der heimischen Grundnahrungsmittelproduktion sind viele LDCs inzwischen nicht mehr in der Lage, ihre eigene Bevölkerung zu ernähren. Laut FAO hat sich der Gesamtanteil der Nahrungsmittelimportkosten am Bruttoinlandsprodukt in den LDCs in den letzten 30 Jahren vervierfacht.

Laut Binswanger sind die Verlierer des Freihandels in Industrie- wie auch in Entwicklungsländern die Bauern. Im Gegensatz zu den Industrieländern, wo diese nur noch ein paar Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist das in den LDCs aber die Mehrheit der Bevölkerung. Seine Schlussfolgerungen für die Politik: Freihandel bei landwirtschaftlichen Produkten führt zu vielen Verlierern und wenigen Gewinnern. Verlierer sind meistens Bauern, während sich einige Großbauern und internationale Konzerne zu den Gewinnern zählen dürfen. Die wohlstandsvermindernden Auswirkungen des Freihandels bei Agrargütern lassen sich erst erkennen, wenn man den Handel nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Theorie der komparativen Vorteile betrachtet. Wohlstandsgewinne verwandeln sich in Realität in Verluste. Daher sollte die landwirtschaftliche Produktion von den Freihandelsabkommen ausgenommen werden. Zölle und Handelsbeschränkungen zum Schutz der Landwirtschaft sind grundsätzlich gerechtfertigt. Binswanger sieht sein Buch nicht als Plädoyer gegen den Freihandel an sich, denn bei vielen Gütern und Dienstleistungen führe Freihandel zu Wohlstandsgewinnen. Das gilt jedoch nicht für die Landwirtschaft. Diese Tatsache muss die Politik berücksichtigen. (es)

Neues Buch: Mathias Binswanger: Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren

„Je mehr Wettbewerb - umso besser«: Schließlich soll sich doch der, die oder das Beste durchsetzen. Also versucht man, auch dort, wo es keinen Markt gibt, künstliche Wettbewerbe zu inszenieren, um zB Wissenschaft, Bildung oder Gesundheitswesen auf Effizienz zu trimmen. Doch dies führt nicht zu mehr Qualität, sondern dazu, dass viele Menschen freudlos und gestresst mit Akribie und Fleiß Dinge hervorbringen, die niemand braucht.

Der Autor vertritt die Meinung, dass diese Produktion von Unsinn zwar Arbeitsplätze schafft, doch fatale Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft hat: Sinn wird durch Unsinn verdrängt, Qualität durch Quantität. Diese Entwicklung führt zu einer schleichenden, noch kaum erkannten Pervertierung der Marktwirtschaft, die entschieden bekämpft werden muss. 

Weitere Informationen zum im September 2010 im Herder-Verlag erschienenen Buch hier