Anna Pultar: Science proves that poverty sucks - oder was tut die Armutsforschung?

© Anna Pultar
© Anna Pultar

Anna Pultar ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien und beschäftigt sich dort unter anderem mit Fragen der Armutsminderung in der Entwicklungszusammenarbeit.


Womit beschäftigen sich Armutsforscher und wozu? Einen Einblick in die Praxis der Armutsforschung konnte man Anfang September auf der Konferenz „Ten years of war against poverty“ des Chronic Poverty Research Centers in Manchester bekommen. Profilierte Armutsforscher wie Angus Deaton oder Ravi Kanbur aber auch viele Jungwissenschafter präsentierten ihre Forschungsergebnisse und diskutierten über bisherige Erfahrungen und neue Wege in der Bekämpfung der weltweiten Armut.

Eines der zentralen Themen der Konferenz wie auch der aktuellen Armutsforschung insgesamt waren Fragen der Messung von Armut und der Wirkung entwicklungspolitischer Programme. Die Forschungen in diesem Bereich haben sich in den letzten 20 Jahren stark weiterentwickelt und unser Verständnis von Armut maßgeblich erweitert. Die Vorstellung von Armut als ein mehrdimensionales Phänomen, das über mangelndes Einkommen hinausgeht, gehört mittlerweile zum Konsens und so haben sich auch die Versuche intensiviert, die vielfältigen Facetten von Armut messbar zu machen.

Ein neuerer Forschungsansatz auf diesem Gebiet, der auch auf der Konferenz diskutiert wurde, ist der so genannte asset-based approach to poverty. Im Gegensatz zu herkömmlichen Armuts-analysen werden hier nicht die aktuellen Geldflüsse eines Haushaltes (Einkommen oder Ausgaben), sondern das Verfügen über Assets gemessen. Also jene Güter im weitesten Sinn, die für die Lebenssituation der Menschen von zentraler Bedeutung sind. So etwa der Besitz langjähriger Gebrauchs- und Produktionsgüter, Wohnraum, Land, aber auch Wissen und Bildung, soziale Netzwerke und politische Einflussmöglichkeiten. Die gewonnenen Daten lassen realistischere Aussagen zu, welche langfristigen Möglichkeiten ein Haushalt hat, die Armut zu überwinden. Ein anderes Beispiel für methodologische Fortschritte in der Armutsmessung ist der neue Multidimensional Poverty Index, der heuer erstmals den Human Poverty Index im Human Development Report von UNDP ersetzt hat. Durch differenziertere Einzelindikatoren und eine repräsentativere Datengrundlage bringt er neue Erkenntnisse über die tatsächliche Situation armer Haushalte und die Verteilung von Teilhabechancen in den einzelnen Ländern.

Die Konferenz zeigte deutlich, dass sich die Armutsmessung weiterentwickelt. Die Konzepte werden umfassender, die Indikatoren sensibler und die Erhebungsmethoden ausgefeilter. Wir wissen immer genauer, wer die Armen sind, wo sie leben und in welchen Dimensionen sie benachteiligt sind. Programme zur Armutsminderung könnten theoretisch noch gezielter und effizienter auf die Ärmsten der Armen ausgerichtet werden.

Doch wissen wir durch diese Konzentration auf Fragen der Messbarkeit womöglich immer weniger über die Armut selbst? Über ihre gesellschaftlichen Ursachen und die Machtverhältnisse, die Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand ausschließen? Trotz der Erkenntnisse der Armutsforschung wird Armut im Allgemeinen immer noch als Problem mangelnder monetärer Ressourcen und damit vor allem als individuelles Problem behandelt. Armut als soziales Phänomen, das viel damit zu tun hat, wie eine Gesellschaft insgesamt verfasst ist, wird häufig ausgeblendet. 

Dabei zeigt gerade die Armutsmessung, dass die meisten einkommensarmen Menschen heute nicht mehr in den ärmsten, sondern in Ländern mit mittlerem Durchschnittseinkommen leben. Armut hat daher nicht nur mit den insgesamt vorhandenen Ressourcen einer Gesellschaft zu tun, sondern auch mit der Verteilung von Macht und Ressourcen – nicht nur global sondern auch auf nationaler und lokaler Ebene. Durch einen zu engen Fokus auf die Charakteristika der Ärmsten der Armen und die imaginäre Abkoppelung dieser Gruppe vom Rest der Gesellschaft werden zentrale gesellschaftliche Mechanismen ausgeblendet, durch die Armut reproduziert und verfestigt wird. Das hat auch Auswirkungen auf die umgesetzten Maßnahmen: die Beliebtheit eng zielgruppenfokussierter Programme (z.B. Conditional Cash Transfers) ist natürlich auch durch die häufig bescheidenen finanziellen Mittel für Anti-Armuts-Politik bedingt. Doch müsste man nicht eher fragen, welche allgemeine Gesellschaftspolitik nötig wäre um die Verteilung der vorhandenen Ressourcen kurz- und langfristig gerechter zu gestalten? Welche Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik würde auch den Armen zu gute kommen?

Welche politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen verhindern, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft an den vorhandenen materiellen und sozialen Ressourcen teilhaben können? Welche Auswirkungen hat Armut und Ungleichheit für die Qualität der Demokratie und den gesellschaftlichen Frieden? Man müsste sich auch fragen, welche Rolle die Geber und die derzeitige Entwicklungsarchitektur dabei spielen, dass bestehende Ungleichheiten verfestigt werden. Welche Schritte könnten gesetzt oder von außen unterstützt werden, um die Menschen zu befähigen, ihre Rechte einzufordern und politische Entscheidungsstrukturen gegenüber den Anliegen der Bevölkerung sensibler zu machen?

Eine intensive Auseinandersetzung mit derartigen Fragen mag die Möglichkeiten und den Selbstzweck vieler entwicklungspolitischer Akteure übersteigen, doch gerade die akademische Armutsforschung könnte und sollte sich damit auseinandersetzen. Die unzähligen Beiträge ökonometrischer Wirkungsmessung auf der Konferenz hinterließen jedoch den Eindruck, dass sich auch die Armutsforschung dem results-based-approach verschrieben hat, der derzeit den Diskurs der Entwicklungszusammenarbeit dominiert. Das erscheint insofern problematisch, da eine sehr technisch orientierte Armutsforschung letztlich dazu beitragen kann, das Thema Armut zu entpolitisieren und die Entstehung eines politischen Moments zur Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verhindern. Es wird suggeriert, mit genügend Wissen alle Probleme lösen zu können. Abgesehen davon, dass dieser Optimismus bezweifelt werden kann, würde etwas weniger Wissen in der Praxis nicht manchmal ausreichen? Könnte man neben der Armutsmessung nicht etwas mehr über grundlegende Fragen, wie Gesellschaften insgesamt demokratischer, gerechter und gleicher werden können, nachdenken und solche Diskurse in Entwicklungsländern unter der Beteiligung möglichst vieler Akteure fördern? (10. Dezember 2010)

Artikel als pdf

Literaturangabe

[1] „Die Wissenschaft beweist, dass Armut besch*** ist“, Medienreaktion auf die Forschungsergebnisse von Angus Deaton, in seinem Konferenzbeitrag zitiert.

Zum Weiterlesen

Homepage der Konferenz

Harriss, John (2007). Bringing politics back into poverty analysis: Why understanding social relations matters more for policy on chronic poverty than measurement. CPRC Working Paper 77. Chronic Poverty Research Centre. Manchester.