Karin Kneissl: Wie "unschuldig" sind erneuerbare Energieträger?

© Karin Kneissl
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Dr. Karin Kneissl ist freie Korrespondentin und Lehrbeauftragte (u.a. an der  Webster University Wien). Sie ist Autorin des Buches „Der Energiepoker“ (2. Aufl. München 2008). 


Einst träumte die Menschheit vom „perpetuum mobile“, einer Form unendlicher Energieerzeugung. Dass es Energie nicht zum Nulltarif gibt, ist uns klar. Und dennoch gaukelt so manche ehrgeizige Energiestrategie eine Illusion vor, dass die neue saubere Energiewelt mit einem hohen Anteil regenerativer Energieträger in den kommenden Jahrzehnten Wirklichkeit werde. Allein die Europäische Kommission revidierte Mitte November viele der hochgesteckten Ziele ihrer Energiestrategie vom März 2007, die auch als Plan „20-20-20“ bekannt wurde. Denn bis 2020 sollte u.a. der Anteil erneuerbarer Energien am jeweiligen nationalen Energiemix auf 20 Prozent steigen. 

Die Hürden sind finanzieller Natur, denn massive Investitionen im Sinne eines Public-Private-Partnership sind erforderlich, was angesichts der hohen Staatsverschuldung und zögerlichen Kreditvergabe seitens der Banken äußerst schwierig ist. Auch vom angekündigten „Green Deal“ von US-Präsident Obama im Sinne umfassender neuer Infrastruktur wird angesichts der neuen Machtverhältnisse zwischen Legislative und Weißem Haus wenig übrig bleiben. Was ebenso unsere Aufmerksamkeit verdient, ist die Tatsache, dass auch erneuerbare Energieträger nicht ohne wichtige Rohstoffe auskommen. Zu Recht skandierten die Gegner des Irak-Krieges im Februar 2003 „No blood for oil“, denn wesentliches Kriegsziel der USA und ihrer damaligen Verbündeten war der physische Zugang zu den Erdöl- und Erdgasfeldern des Zweistromlandes. Werden wir eventuell im Kampf um Lithium und Iridium, seltene Metalle, die für die Herstellung von Batterien und in der Photovoltaik wichtig sind, zukünftige militärische Interventionen in Chile oder in der Mongolei erleben? Oder gehen die Menschen eines Tages auf die Straßen mit dem Aufruf „Kein Krieg für Blackberrys“, denn die Verbindung Indiumzinnoxid ist ihrerseits ein wichtiger Bestandteil von Touchscreens. Indium braucht man sowohl für Dünnschicht-Photovoltaikzellen als auch für Flüssigkristallbildschirme (LCDs). Würde Indium sehr viel teurer infolge eines Konflikts oder spekulativer Geschäfte, hätte die Solarindustrie das Nachsehen. Denn für diese Branche ist der Kostenfaktor Indium viel höher als für die TV-Hersteller. 

Der Mitte September 2010 verhängte Exportstopp Chinas für die dort produzierten „Metalle der Seltenen Erden“ mag ein kleiner Vorgeschmack dessen sein, worum es in der zukünftigen Geopolitik strategischer Rohstoffe gehen könnte. Seltene Erden bewirken, dass magnetisiertes Eisen die magnetische Wirkung nicht verliert. Diese Neodym-Magnete werden in Elektromotoren verwendet und in Windkraftanlagen oder in Hybrid-Motoren von Autos eingebaut. Die Chinesen wollen sie künftig im eigenen Land nutzen, statt sie an Industrie¬unternehmen im Westen zu verkaufen. „Wenn wir nichts gegen den politisch verursachten Mangel bei wichtigen Rohstoffen tun, werden unsere Wertschöpfungsketten brechen“, warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie im September, denn deutschen Unternehmen drohe eine Versorgungslücke. 

Neben China werden die größten Lagerstätten in der Mongolei vermutet. Für den mongolischen Präsidenten Tsakhiagiin Elbegdorj geht es primär um eine klare Regelung der begehrten Bergbaulizenzen, die teils frei gehandelt  werden, wie er in einem Interview mit der NZZ am 11. Juni 2010 erläuterte. Auch der Erdgasexporteur Bolivien sieht sich bereits als ein zukünftiger Profiteur im Geschäft mit den Rohstoffen für erneuerbare Energien, da die Salzseen des südamerikanischen Landes reich an Lithium sind. 

Am 14. Juni 2010 veröffentlichte die New York Times eine Studie des US-Verteidigungsmini¬ster¬iums zu Afghanistan, wonach auch hier ein großes Potenzial im Bergbau bestünde. Die Vorräte an Kupfer, Lithium, Eisen, Gold und Kobalt reichten aus, um das von Kriegen und Bürgerkrieg zerstörte Land zu einem der weltweit führenden Rohstoff-Exporteure zu machen, sagte der US-Kommandeur für die Region, General David Petraeus, der New York Times. Entdeckt wurden die Rohstoffe dank Karten sowjetischer Bergbau-Experten, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung in den 1980er Jahren stammen. Nach dem Rückzug der sowjetischen Soldaten und dem darauf folgenden Chaos nahmen afghanische Geologen die Karten an sich. Nicht die USA, sondern vielmehr China übernimmt in Afghanistan wie im Irak die interessanten Förderlizenzen. Die USA und China rivalisieren zudem in Afrika wie einst Frankreich und Großbritannien um strategische Rohstoffe von Erdöl über Kupfer bis zu Lithium und bewegen sich auch in Asien auf dünnem Eis, wenn es um die Sicherung ihrer Interessen geht.

Selbst wenn es Forschung und Wirtschaft gelingen sollte, den Umstieg vom fossilen Zeitalter in eine Ära erneuerbarer Energien zu schaffen, so wird uns die Geopolitik deswegen nicht aus der Pflicht entlassen. Trotz umfassender Recycling-Maßnahmen wird die Industrie stets bestimmte Rohstoffe benötigen. Anstatt über 80 Mio. Fass Rohöl täglich zu verbrennen, würde aber ein bestimmter Prozentsatz für die synthetische Produktion benötigt, um z.B. Windräder herzustellen. Völlig „unschuldige“ Energieträger scheinen vorerst nicht in Sicht. Auch im Geschäft mit den Brennstoffzellen für Solaranlagen geht es um Profite und nicht um Transparenz. Allein ein Blick auf die Debatte im Europäischen Parlament betreffend die Auflagen und Ausnahmen wegen Kadmium in diesen Anlagen zeigt, dass auch hier Lobbys dominieren. Umso intensiver sollten wir uns daher der Energieeffizienz widmen, denn jede nicht benötigte Energieeinheit verringert Abhängigkeiten. (29.11.2010)

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