Helmuth Hartmeyer: EZA braucht Kommunikation

© H. Hartmeyer
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Helmuth Hartmeyer leitet die Abteilung Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung in der Austrian Development Agency (ADA). Der Beitrag stellt ausschließlich seine eigene Meinung dar.


Der Protest von NGOs gegen die aktuellen Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) durch die österreichische Bundesregierung hat diesem Politikfeld zu einigem Raum in den Medien verholfen. Doch können wirksam in die Kamera gehaltene Bilder von armen schwarzen Kindern jene kritische Diskussion auslösen, der die österreichische EZA mindestens so bedarf wie der schon lange international zugesagten finanziellen Ausstattung?

Rund 50 Jahre Entwicklungszusammenarbeit haben nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Dieser wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn viel zu gering waren die eingesetzten Mittel im Verhältnis zum Ausmaß der Problemstellungen. Zudem wurden endogene Faktoren in den Entwicklungsländern vielfach unterschätzt. Der Durchbruch war auch nicht möglich, weil die Gebergemeinschaft im Zehnjahrestakt den Rhythmus wechselt, des Öfteren gleich um 180°. Internationale Zusammenschlüsse preisen im Dekadentempo stets neue und immer letztgültige Programme an. Um bald wortreich erklären zu müssen, dass die Pläne gescheitert sind. Dennoch werden immer wieder neu „Papers“ für fast jeden Detailbereich verfasst oder in Auftrag gegeben. Es wird unverdrossen programmiert und adjustiert, an Erfolgsindikatoren gefeilt. „To accelerate progress“ heißt dies in der Accra Agenda for Action. Alles soll noch regelkonformer und effizienter werden: bessere Management-systeme, Politikdesigns und Anreizsysteme sollen für den Erfolg sorgen. Doch hilft dies den Armen? Nicht alles, was wirkt, ist messbar, formulierte es Irmgard Kirchner vom Südwind Magazin. Entwicklung geschieht nicht nur innerhalb eines Logical Framework, sie ist auch ein Versuch, ein Weg, ein Lernen mit offenem Ausgang. EZA verlangt deshalb nach stetem Dialog mit allen Beteiligten.

Um die Politik zu überzeugen entsprechend Mittel bereitzustellen, wäre die Unterstützung der Bevölkerung von großer Bedeutung. Die Mär vom fehlenden Druck der Untertanen geistert immer noch umher. Ein seit Jahrzehnten konstantes 80%iges Ja der Bevölkerung zur EZA hätte eine entsprechende Entscheidung zur gebührenden Anhebung der EZA-Mittel durchaus gerechtfertigt. An der Solidarität der Menschen und insbesondere der Ärmeren unter ihnen hat es nie gefehlt. Jede humanitäre Katastrophe beweist erneut, wie spontan und großherzig Menschen zu helfen bereit sind.

Über Zeitschriften, Web-News oder Plakatwände läuft Einweg-Information statt Kommunikation. Selbst Wohlformuliertes bleibt im Banne von Fotos und Appellen ungehört. Abwehr, Distanz und Interesselosigkeit gewinnen die Oberhand. Viel schwieriger, aber umso notwendiger ist es, das Gespräch auf die Warums und Wers und Wozus hinter den Entwicklungsproblemen zu bringen. Dies wäre die noble Aufgabe von Information, damit die Menschen das aufrechte Rückgrat von Politik bilden können. Die kritische Diskussion von Möglichkeiten und Grenzen hilft jeder Sache mehr als das Einschwören auf den vorgeblich guten Zweck. Aufklärung kann den Menschen zugemutet werden, denn gerade Entwicklung ist auch ein Bildungsprozess. Dies erfordert, mit den Menschen ins Gespräch zu treten.

Unterwerfen sich nicht auch manche NGOs den „Gesetzen des Marktes“? Sie werben nach allen Regeln moderner PR für ihre Anliegen und ihr Einkommen. Der großflächige Einsatz von zu Tränen rührenden Bildern soll uns ebenso beeindrucken wie Zahlenberge. Beides soll unser Herz erweichen. Und das eine in den Mittelpunkt gerückte Projekt soll uns glauben machen, dass „wenn nur viele Menschen kleine Schritte machen“, sei es der große Schritt der Menschheit.Professionalisierung hat Platz gegriffen und sie macht Sinn. Doch sie kann auch Vielfalt und Kreativi-tät bedrohen; Organisationen berechnend werden lassen, zum Verlust von Sympathie, Idealismus und Erneuerung führen. Die eigene EZA-Praxis deshalb immer wieder selbstkritisch zu betrachten bleibt ein Erfordernis. 

Dambisa Moyo fordert die EZA komplett einzustellen, weil sie mehr schadet als hilft. Dieser Funda-mentalkritik begegnen andere wie Jeffrey Sachs mit Radikaloptimismus. Gibt es dazwischen einen Weg für differenzierte Kritik? Darüber müsste geredet werden. Die EZA hat ihre Verdienste und sie hat Potenzial. Wenn sie aber nicht eingebettet ist in eine kohärente Gesamtpolitik, trägt sie nicht entscheidend zur grundlegenden Veränderung der Ursachen für grassierende Armut und weltweite Ungerechtigkeit bei. Es reicht nicht, die EZA der Außenwirtschaftspolitik unterzuordnen und bloß nach Parametern des Wachstums auszurichten. Prioritär wäre, sie in Anerkennung der Schlüsselfragen soziale Gerechtigkeit, Friede und Umwelt und der Unteilbarkeit der Menschenrechte zu gestalten.

Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung

Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung kann den Weg weisen. Sie veränderte sich von entwicklungspolitischer Information (in den 1960er und 1970er Jahren) hin zur entwicklungspoliti-schen Bildung (in den 1980er und 1990er Jahren) und nunmehr weiter zum Globalen Lernen. Sein Ansatz ist die Integration aller global relevanten Themen. Es baut auf ein Konzept von Reflexion, Partizipation und Dialog und rückt die Anliegen und Interessen der Menschen, die es anspricht, in den Mittelpunkt. Wer die Zukunft in den Blick nehmen möchte, ist gefordert, die Welt lesen und verstehen zu lernen, eine sich verändernde Gesellschaft wahrzunehmen und auf den Wandel in Arbeit, Lebensweisen und Freizeit angemessen reagieren zu können.

Die Herausforderungen im Arbeitsfeld der entwicklungs-politischen Kommunikation sind groß: Wie kann der Anschluss an die Lebenswirklichkeiten der Menschen gefunden werden? Wie kann die Komplexität in der Welt verständlich gemacht und dennoch nicht entstellt werden? Wie können wir uns mit der Unsicherheit des scheinbar sicheren Wissens vertraut machen? Wie können Neugier geschaffen und Verständnis geweckt werden? Wie kann Handlungsfähigkeit hergestellt werden? Welche Haltungen und welche Kompetenzen brauchen wir heute, welche morgen? Dazu gehört auch, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein auf der Suche nach der Zukunft. Vergessenheit und Über-Bord-Werfen von Erfahrungen und Einsichten sind gerade in der Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungs-politik ein markantes Problem.

Ein anderes Verständnis von öffentlichem politischem und sozialem Dialog wäre notwendig. Kom-munikation und Zusammenarbeit sind jene zwei Kulturtechniken, die wir gar nicht oft genug erpro-ben können. Es sollte zu guter Praxis werden, auch seitens der entwicklungspolitischen Akteure Brücken zu anderen gesellschaftlichen Bereichen zu bauen. Dafür ist entwicklungspolitische Kommunikation entscheidend. (16.2.2011)

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