Marie-Roger Biloa: Cote d'Ivoire: Sarkozy macht die Afrikaner verrückt!

© M.R. Biloa
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Die Journalistin Marie-Roger Biloa, geboren in Kamerun, ist Germanistin und Absolventin der Diplomatischen Akademie in Wien. Sie lebt in Yaoundé und Paris und ist Herausgeberin der Zeitschriften „Africa International“, „ICI les Gens du Cameroun“ und „ICI les Gens du Gabon. Sie leitet den „Club Millenium“ in Paris, einen Think Tank für die Förderung Afrikas, und den „Millenium Ladies Club“, der das Ziel hat, das Engagement der Frauen in der Politik zu verstärken. Sie tritt häufig in Funk und Fernsehen als Kommentatorin auf.


Als die CEI, die unabhängige Wahlkommission, Alassane Ouattara als Sieger über den amtierenden Präsident Laurent Gbagbo - unter der strengen Überwachung der UNO - erklärte, herrschte im Land höchste Spannung. Trotz der heftigen Proteste des Verlierers, der sich selbst am nächsten Tag von dem unterwürfigen Verfassungsgerichtsvorstand als Wahlsieger prompt einweihen ließ, hielt dies die Afrikanische Union, die westafrikanische Gemeinschaft, die Europäische Gemeinschaft, die Vereinigten Staaten und die UNO nicht davon ab, den ehemaligen Premierminister Ouattara als das demokratisch gewählte Staatsoberhaupt anzuerkennen. Weit und breit stimmten die demokratisch gesinnten Afrikaner zu und hofften nur noch, dass der aufsässige Laurent Gbagbo ohne allzu viel Schaden den Platz rasch räumen würde. Soviel Einstimmigkeit hatte man nur selten auf der Weltbühne erlebt.

Da passierte etwas, das die Gewissheiten zutiefst zerrüttete.

Irgendwann im vergangenen Dezember und vor laufenden Kameras in Brüssel erlaubte sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy dem Ivorer Gbagbo ein Ultimatum zu setzen: „Wenn Gbagbo nicht vor dem Wochenende seinen illegal besetzten Posten  verlässt, setzt er sich und seine Verbündeten schweren Konsequenzen aus“. 

Ngoh Yom, ein kamerunischer Journalist, saß vor dem Fernseher in Yaoundé und zwinkerte mit den Augen. “Da stand der oberste Vertreter der ehemaligen Kolonialmacht, der sich wieder berechtigt fühlte, einen Afrikaner öffentlich herum zu befehlen! Die hirnrissige Arroganz von Sarkozy hat auf seine dröhnende Unterstützung von Alassane Ouattara negativ abgefärbt. Seither bin ich dafür, dass Gbagbo weiterbleibt“. Abgesehen von seiner totalen Wirkungslosigkeit hat das Sarkozy-Diktat nur bewirkt, dass Tausende von Afrikanern Blogs und Internet-Kommentare mit Hassreden gegen Frankreich füllen und - last but not least - Alassane Ouattara als seinen Schergen darstellen. Skurriler­weise defilieren im staatlichen Fernsehsender RTI ausländische Befürworter von Gbagbo. Die Einstimmigkeit, die kurz nach der Wahl von Dakar bis nach Nairobi herrschte, ist geradezu durch das neokolonialistische Getue von „Sarko“ torpediert worden.

Dabei sind die Fakten kaum anfechtbar. Als Schlussakt eines Wahlvorgangs, der die Rückkehr des Friedens in die Côte d’Ivoire nach einem Jahrzehnt Unruhen und Krieg besiegeln sollte, erhielt Alassane Ouattara mit über 54% eine klare Stimmenmehrheit. Ein  Sieg, der zunächst auf der Unpopularität von Gbagbo im bevölkerungsstarken Norden beruhte, wo Ouattara ein Held ist, und auf der politisch wirksamen Allianz mit dem ehemaligen Präsidenten Henri-Konan Bédié, dessen Wählerschaft im Zentrum und im Süden des Landes stark ist. Beim ersten Wahlgang wurde Bédié mit 25% der Stimmen Dritter.

Ganz pragmatisch schätzten viele, dass der weltgewandte Financier Ouattara besser imstande sei, das Land wieder Richtung Wachstum zu regieren und die langwierigen Diskriminierungen gegen die Bürger aus dem Norden wieder gutzumachen. In der Gbagbo-Propaganda heißt es, dass er kaum regieren konnte, da er nur zwei Jahre nach seiner höchst kontroversiellen Wahl im Jahr 2000, Opfer eines Putschversuchs und Bürgerkriegs wurde. Tatsache ist, dass Gbagbo in seinem bitteren Machtkampf gegen Alassane Ouattara und durch seine damit verbundene brutale Diskriminierung der „Nordisten“, der muslimischen Einwohner des nördlichen Teil des Landes, den Bogen so sehr überspannt hatte, dass er sich Millionen Feinde eingeheimst hatte. Wobei die meist muslimischen Nachbarländer nur zu gern gegen Gbagbo mitmischten.

Als die Rebellen dabei waren die wirtschaftliche Hauptstadt Abidjan zu erobern, wurden sie von der französischen Streitkraft „Licorne“ aufgehalten. So blieben sie hinter einer Linie, die das Land praktisch in zwei teilte. Die Rebellen - in „Neue Kräfte“ umbenannt - verfügten über einen bedeutenden Teil der landwirtschaftlichen Produktion, nämlich über Kakao und Kaffee, die durch den Norden aus dem Land geschafft wurden, um ewig Krieg führen zu können. Nach zahlreichen Friedens-verhandlungen im In- und Ausland kam es endlich zu einer Reihe von Maßnahmen, die in eine „free and fair election“ unter der Obhut der UNO mündeten.

Die hartnäckige Ablehnung Gbagbos zurückzutreten, hat jedoch die Côte d’Ivoire in eine tiefere Krise gestürzt. Der rechtmäßige Sieger ist buchstäblich in dem nun berühmten Hotel du Golf in Abidjan-Cocody eingesperrt, wo er mit seiner ganzen Regierung unter UNO-Schutz steht. Unzählige Friedensmissionen haben zu nichts geführt. Die letzte aber seriöse Hoffnung, Gbagbo wegzukriegen, ist der wirtschaftliche Druck. Die Westafrikanische Zentralbank (BCEAO) akzeptiert seine Unterschrift nicht mehr und hat somit eine wesentliche Finanzierungsquelle für sein Regime abgeschafft. Doch Gbagbo-Kommandos hatten als Folge Banken überfallen und die lokale Filiale der BCEAO besetzt. Verunsichert sperren internationale Banken nach und nach zu. Mitte Februar meldete der UNO-Vertreter, Choi Yong-Jin, dass die Sanktionen schon ihre Wirkung zeigen: Das Exportverbot auf Kakao und Kaffee, der Ladeboykott der europäischen Transportschiffe, die nicht mehr von oder nach ivorischen Häfen (Abidjan und San Pedro) Waren befördern dürfen. Die Folge ist bereits Mangel an Treibstoff und sonstigen Importwaren.

Diese friedlichen Druckmittel scheinen die umstrittene „Militärlösung“ unnötig zu machen. Es wird geschätzt, dass Gbagbo nur in ein paar Wochen oder Monaten nicht mehr imstande sein wird, die Gehälter der Beamten und vor allem seiner kriminellen Miliztruppen zu zahlen. Dann wird für Alassane Ouattara die Präsidentschaft in Reichweite sein. Aber die heftige Hasskampagne, die Gbagbo und seine radikalen Anhänger gegen Ouattara und die „Nordisten“ entwickelt haben, sowie die nachgewiesenen Massaker, werden tiefe Spuren hinterlassen. Alassane Dramane Ouattara („ADO“) ist sich dessen bewusst und will „Frieden und Einheit“ als ersten Programmpunkt. (18.2.2011)

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