Helene Trauner: Migration und Entwicklung: Erfahrungen und Beisspiele aus dem Senegal

© Helene Trauner
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Mag.a Helene Trauner ist Kultur- und Sozialanthro- pologin und Lektorin an der Universität Wien. Seit 2008 ist sie beim Verein Zeit!Raum beschäftigt. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Migration, Migration und Entwicklung, Antidiskriminierung, Arbeitsmarkt, Diversität. Derzeit forscht sie zu Migration und Entwicklung im Senegal und Mali.


In den letzten Jahren steht die Verknüpfung von internationaler Migration und Fragen der Entwicklungspolitik mehr und mehr im Zentrum von Debatten. In diesem Zusammenhang treten vermehrt auch MigrantInnen als AkteurInnen der Entwicklungszusammenarbeit in den Vordergrund. Es lohnt sich ein Blick auf den westafrikanischen Staat Senegal, wo sich in den letzten Jahren der Fokus auf die Beziehung zwischen Migration und Entwicklung besonders heraus kristallisiert hat: Zum Einen ist es das erste afrikanische Land, welches 2006 ein Abkommen zur Migrationssteuerung mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich abgeschlossen hat, zum Anderen ein ernstzunehmender Akteur des „Co-développement“, dessen über Jahrzehnte gewachsene Diaspora auf heute 2-3 Millionen MigrantInnen (bei einer Gesamtbevölkerung von 12 Millionen) geschätzt wird. 

Senegal ist eines der Pionierländer bei der Einbindung der Diaspora in die nationale Entwicklungspolitik zur Armutsreduktion. Schon 1983 wurde das erste Mal ein Minister bestellt, der für EmigrantInnen zuständig wurde. Seit 1995 gibt es – auf Forderungen der Exil-SenegalesInnen hin – ein beratendes Organ auf ministerieller Ebene, um den Dialog mit dem senegalesischen Staat aufrecht zu erhalten. Dieses Beratungsorgan besteht aus 75 Delegierten aus den 5 wichtigsten Diasporaregionen (Subsahara-Afrika, Europa, USA, arabische Länder, Asien).

2003 führt die Zusammenarbeit mit der Diaspora schließlich zur Schaffung eines eigenen Ministeriums für AuslandssenegalesInnen. Dessen Aktionen konzentrieren sich auf die drei klassischen Sektoren im Migrations- und Entwicklungskontext: die „Remittances“ der Exil-SenegalesInnen (2007: 880 Mio. € oder 12% des BIP), die Investitionen der v.a. zurückgekehrten MigrantInnen, und die Problematik des Brain Drain von HochschullehrerInnen und ÄrztInnen. Erwähnenswert ist beispielsweise der „Unterstützungsfonds für Investitionen der AuslandssenegalesInnen“, der diese bei der Finanzierung ihrer Projekte begleitet. Mit einer Summe von umgerechnet 245.000 € wurden 2010 31 Projekte von MigrantInnen finanziert. Eine Herausforderung für die afrikanischen Staaten ist nach wie vor, die finanziellen Rückflüsse und Investitionen ihrer EmigrantInnen in wirtschaftliche Produktion und Schaffung von Arbeitsplätzen zu leiten. Denn es gehen nur 5% der Remittances in den produktiven Sektor. Das Geld der MigrantInnen wird vorwiegend für die Haushalte und für den Immobiliensektor verbraucht. So verschreibt sich auch die bilaterale Kooperation der Mobilisierung der Ressourcen der Diaspora.

Nennenswert ist die Plattform PLASEPRI, eine senegalesisch-italienische Kooperation zur Förderung des Privatsektors und der Wertschätzung der senegalesischen Diaspora in Italien, und das franco-senegalesische Programm zur Förderung solidarischer Initiativen für die Entwicklung. Mit Letzterem wurden zwischen 2006-2009 265 private Investitionsprojekte und 69 lokale Entwicklungsprojekte gefördert und begleitet. Schließlich gibt es gezählte 275 senegalesische MigrantInnenorganisationen in Frankreich. Der Plan REVA des senegalesischen Landwirtschaftsministeriums, mitfinanziert von der spanischen Entwicklungszusammenarbeit, ist dagegen Ausdruck einer klassischen „Development instead of migration“ Politik. Mit diesem Plan „Zurück zur Landwirtschaft“ sollen v.a. für „emigrationswillige“ Jugendliche Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten geschaffen werden, um Landflucht und in Folge illegale Emigration zu verhindern.

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Neben den staatlichen Strukturen arbeitet eine Reihe von nicht-staatlichen Akteuren und Entwicklungs- organisationen im Bereich Migration und Entwicklung. Ein interessantes Projekt ist DIAPODEDiapora für Entwicklung der senegalesischen Süd-NGO ENDA in Dakar. Neben konkreten Projekten wurde ein umfassender Forschungs- bericht erstellt, der erstmals die senegalesische Diaspora von einer Nord- und einer Süd-Perspektive her analysiert.

Im Rahmen des Projektes wird, neben den konkreten Möglichkeiten für MigrantInnen, als EntwicklungsakteurInnen aktiv zu werden, auch die Frage nach den Grenzen dieser Einbindung gestellt. Denn MigrantInnen sind in erster Linie BürgerInnen ihrer Aufnahmeländer und handeln freiwillig im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie können die Verantwortung für die Entwicklung ihrer Herkunftsländer nicht alleine tragen, wie das oft erwartet wird. Auch die nachkommenden Generationen lehnen es ab, anstelle des Staates „zur Kasse“ gebeten zu werden. DIAPODE möchte die verschiedenen Akteure des „Co-développement“ sensibilisieren und die Diasporaorganisationen konkret bei der Realisierung ihrer Projektideen unterstützen. Dazu gehört v.a. die Information über Finanzierungsmöglichkeiten, die nach wie vor innerhalb der Diasporagruppen zu wenig bekannt sind. 

Auch eine andere senegalesische NGO, die „Union pour la Solidarité et l´Entraide“ (USE) in Dakar, orientiert und unterstützt MigrantInnen, v.a. diejenigen, welche in den Senegal zurückkehren möchten, bei der Realisierung ihrer Projekte. Dazu führt sie beispielsweise Sensibilisierungstage in Frankreich durch und organisiert Ferienkolonien für MigrantInnen und ihre Kinder. Vor allem im Zusammenhang mit der restriktiven und selektiven europäischen Migrationspolitik und dem Auftreten des Phänomens der illegalen Auswanderung vieler junger Menschen mittels Pirogen unter dem Motto „Barça ou Barsakh“ (Barcelona oder der Tod) haben seit 2005 zahlreiche NGOs und Organisationen der Zivilgesellschaft Fragen des Rechts auf freie Mobilität und des Rechts auf Entwicklung in ihre Aktivitäten integriert. USE organisiert dazu ein eigenes Forum-Atelier zum internationalen Tag der MigrantInnen und ist in zahlreichen internationalen Netzwerken zu Migration und Entwicklung aktiv.

Was das „Recht auf Entwicklung“ anbelangt, sieht Abdoulaye Seck v.a. bei der Einbindung der lokalen Bevölkerung und der Resultate der Projekte noch einige Defizite. Seck ist Mitbegründer der „Fondation des Emigré Sénégalais“ (FES), die SenegalesInnen aus den Niederlanden, Frankreich, Spanien, Marokko, den USA, der Elfenbeinküste und anderen afrikanischen Ländern vereint. Seck hat 12 Jahre in Spanien gelebt und war Präsident des Dachverbands senegalesischer Organisationen in Katalonien, die mehrere Entwicklungsinitiativen im Norden Senegals unterstützen. Seiner Erfahrung nach sei es das Wichtigste, die lokalen Autoritäten und die Bevölkerung von Anfang an in das Projekt einzubinden. Denn die Projekte müssen in den Händen der Leute vor Ort sein. Er plädiert für mehr Evaluierungen, denn gerade im Senegal gibt es unüberschaubar viele Entwicklungsprojekte, doch die traurige Wahrheit ist, dass häufig die positiven Auswirkungen für die Bevölkerung und auch die Evaluierungen  fehlen. Hier muss eine neue Debatte stattfinden. (16.12.2011)

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Weiterführende Links und Informationen

Das Projekt DIAPODE möchte Diasporas zu Akteuren der EZA machen. 

Die „Union pour la Solidarité et l´Entraide“ (USE) ist eine seit über 50 Jahren bestehende senegalesische NGO. USE führt ein urbanes Projekt (ophtalmologisches Zentrum) und Jugendprojekte in Dakar sowie mehrere Entwicklungsprojekte im Norden Senegals durch. 

Die „Fondation des Emigré Sénégalais“ (FES) ist ein vor kurzem von ExilsenegalesInnen gegründeter Fonds, der EZA Projekte der Diaspora unterstützen möchte.