Rita Schäfer: Männer als Täter und Opfer in kriegerischen Konflikten

© Rita Schäfer
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Dr. Rita Schäfer ist freiberufliche Wissenschaftlerin und Gutachterin. Sie hat diverse Studien zu Gender-Themen und Männlichkeitskonzepten in Nachkriegsgesellschaften (Südafrika, Simbabwe, Namibia und Sierra Leone) durchgeführt und ist Autorin der Bücher „Frauen und Kriege in Afrika“ (2008), „Im Schatten der Apartheid“ (2008).


Nach Kriegen und gewaltsamen Konflikten sind lokale Gesellschaften und Entwicklungsorganisationen vielerorts mit massiven geschlechtsspezifischen Gewaltproblemen konfrontiert. Die Gewalt richtet sich vor allem gegen Frauen und Mädchen, jedoch werden häufig auch Männer und Knaben Opfer gewaltsamer Übergriffe. Für Entwicklungsorganisationen ist es sehr ratsam, sich dieser Probleme bewusst zu werden, denn davon hängen der Projekterfolg und die nachhaltige Friedenssicherung ab.

Umso wichtiger sind innovative Ansätze lokaler Organisationen, die Präventionsstrategien entwickeln. Sie arbeiten an Einstellungs- und Verhaltensänderungen von Knaben, Jugendlichen und Männern. Ihr Ziel ist der Abbau von Gewalt, die Verwirklichung von Geschlechtergerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit sowie die Verbesserung der Gesundheitssituation, zumal die Reduzierung von Vergewaltigungen auch die Verbreitung von HIV und Geschlechtskrankheiten einschränkt. Viele dieser Organisationen verstehen sich als zivilgesellschaftliche Kräfte, die friedvolle Formen der Konfliktlösung verbreiten und zur Verwirklichung der Menschenrechte sowie zur Demokratisierung beitragen möchten. Sie fordern von ihren Regierungen Maßnahmen gegen Gewalt und die Umsetzung von Gesetzes- und Rechtsreformen – insbesondere zum verbesserten Gewaltschutz und zur Bestrafung geschlechtsspezifischer Gewaltübergriffe. Deshalb ist ihre Stärkung durch die Entwicklungszusammenarbeit sinnvoll.

Die Anfang 2012 erscheinende VIDC Studie „Männer als Täter und Opfer in kriegerischen Konflikten - innovative Projekte zur Überwindung männlicher Gewalt“ zeigt die Potenziale und Herausforderungen solcher Projekte und Ansätze von Organisationen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Südosteuropa auf. Bei der Auswahl vorbildlicher Fallbeispiele (sogenannter „best practices“) wird auf die Schwerpunkt- und Kooperationsländer der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) eingegangen. Der Fokus liegt auf afrikanischen Nachkriegsländern, zumal dort in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Organisationen entstanden ist und die Folgen von Gewalt und Kriegen in vielen dieser Länder besonders gravierend sind.

Diese Studie illustriert die gewaltsame Männlichkeitsprägung von Knaben und Jugendlichen vor und während Kriegen; sie zeigt detailliert Ansätze zur Überwindung auf; dabei geht sie auf die Problematik der Kindersoldaten ein. Hier ist festzustellen, dass es bislang kaum spezielle Projekte für Kindersoldaten gibt, die sich explizit mit deren Männlichkeits- und Gewaltsozialisation sowie deren eigenen Gewalterfahrungen auseinandersetzen. Umso wichtiger ist eine Analyse von Projekten, die ihre Zielgruppen weiter fassen. Sie beachten die unterschiedlichen Interessen und Probleme von Jugendlichen und erwachsenen Männern und versuchen, Generationenkonflikte konstruktiv aufzuarbeiten. Es handelt sich um Pilotprojekte zur Bildungs- und Bewusstseinsarbeit über die männliche Geschlechtsidentität und gewaltfreie Männlichkeitsbilder.

© Rita Schäfer
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Ein weiteres Thema ist die verantwortungsvolle Vaterschaft; die Auseinandersetzung damit ist nicht nur für Teenager-Väter, sondern auch für erwachsene Männer wichtig. Des Weiteren tragen Kultur- und Sportprogramme zur Überwindung von Gewalt und zur Gemeinschaftsbildung von Knaben und Jugendlichen bei; zudem werden ihr Zusammenhalt und der soziale Rückhalt gefördert. Auf diese Weise werden sie motiviert, eigene Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Gender wird in einem umfassenden Sinn verstanden, vielfach werden Frauen und Mädchen oder ganze Gemeinden in weiterführende Dialoge einbezogen, denn nur wenn sie den Verhaltens- und Einstellungswandel der männlichen Bevölkerung akzeptieren und mittragen, sind nachhaltige Veränderungen möglich.

Zwar gibt es einzelne Konferenzberichte, die exemplarisch verschiedene Organisationen vorstellen und zur Vernetzung dienen, der Fokus der neuen VIDC-Studie auf Kriegs- und Nachkriegskontexte sowie die Berücksichtigung der lokalen, nationalen und internationalen Ebenen ist jedoch innovativ.

Wegen der Verabschiedung der Resolution 1998 des VN-Sicherheitsrats zum Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten im Juli 2011 hat die Studie auch hohen Aktualitätsbezug. Weiter zeigt sie Verbindungen zur Umsetzung der Leitlinien zu Kinder-, Frauen- und Menschenrechten und zur Friedenssicherung in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit auf. Mit Blick auf die Gewaltreduzierung weist sie zudem auf die Umsetzung des nationalen Aktionsplans zur Resolution 1325 des VN-Sicherheitsrats zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ hin. Sie zielt auf die Verknüpfung der Themenbereiche ab, zumal sie auch Bezüge zum Wiener 3C-Appell zur Verbindung von Friedens- und Staatsbildung herstellt, konkret zur konfliktpräventiven Entwicklungszusammenarbeit und zur Stärkung zivilgesellschaftlicher Organisationen im Rahmen einer kohärenten Entwicklungs- und Sicherheitspolitik.

Die Studie baut auf die bisherige Gender-Arbeit des VIDC auf; dazu zählen Projekte, Veranstaltungen und Studien zu „Kinder und bewaffnete Konflikte“, zu den Gender-Boxen mit Fokus auf Nachkriegsgesellschaften und zu Frauen- und Landrechten in Nachkriegsländern. Die Ergebnisse werden im Rahmen einer VIDC Diskussionsveranstaltung am 31.1.2012 von mir vorgestellt. Am Podium sitzen außerdem internationale ExpertInnen wie Dean Peacock (Sonke Gender Justice Network, Südafrika) und Professor Dr. Ruth Seifert (Hochschule Regensburg). (16.12.2011) 

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