Alexandra Toth: Internationale Entwicklung und universitäre Realitäten

© Alexandra Toth
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Alexandra Toth studiert Internationale Entwicklung mit Schwerpunkt Gender im Diplom. Sie ist seit 2010 am VIDC für Gender Fragen zuständig, u.a. für den Themen- schwerpunkt Menschen- und Frauenhandel, und als Projektassistenz tätig.
 


Kritisch werden in den jüngsten Tagen die Diskussionen um die Ab- schaffung des Bachelorstudiums Internationale Entwicklung (IE) sowie die hinzu aufkommende Protestbewegung der inskribierten IE-Student- Innen betrachtet. Auf universitärer Ebene werden von Seiten des Rektorats Fianzierungsschwierigkeiten als Hauptgrund für die geplante Streichung des Bachelorlehrganges genannt. Dem schließt sich das Wissenschaftsministerium nahtlos an, während Studierende der Inter- nationalen Entwicklung zur universitätsweiten Protestwoche ausriefen und Solidaritätsbekenntnisse von österreichischen Entwicklungsorgani- sationen, entwicklungspolitisch engagierten AktivistInnen und anderen Studienrichtungen erfuhren.

Im Fokus des „WIEderstandes“ steht jedoch nicht nur die Ausfinan- zierung des äußerst beliebten Studiums sondern auch die Forderung nach verstärkter Transparenz und Demokratie bei universitären Ent- scheidungsfindungen und Beschlüssen. Die Proteste werden demnach nicht nur aufgrund eines kritischen Studiums, das sich seine Existenz nicht nehmen lassen will geführt sondern umfassen auch die Hinter- fragung grundlegender Universitätsstrukturen und politischer Interessen an österreichischen Hochschulen.

© Reuters
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Wer den Studiengang der Internationalen Entwicklung heute betrachtet ist zu Recht verwundert, dass dieser Studienzweig bereits seit mittlerweile zehn Jahren in der österreichischen Hochschullandschaft zu finden ist. Im Jahre 2002 noch als Projekt betitelt etabliert sich die Internationale Entwicklung zwei Jahre später als transdisziplinäres und individuelles Diplomstudium, welches politik-, sozial- und wirtschafts- wissenschaftliche Zugänge verbindet, um globale Ungleichheitsverhält- nisse zu analysieren. Trotz stetig wachsender Anzahl der Studierenden und sehr viel Engagement der Lehrenden um die Erhaltung des Studien- zweigs bleiben benötigte Räumlichkeiten sowie Gelder aus. Die prekäre Positionierung entwickelt sich zum Dauerzustand der Studienrichtung. Zudem kommt es im Zuge der Prozesse um die Schaffung eines euro- päischen Hochschulraumes zu ungeahnt andauernden Gesprächen um das Bestehen der Internationalen Entwicklung. War es im Jahre 2011 noch der Masterlehrgang, der keinen Platz mehr im universitären Budget haben sollte, ist es im Jahre 2012 der Bachelorlehrgang, der vor dem Aus stehen soll. Kaum verwunderlich, dass Proteste und Kritik lautstark werden, verwunderlich jedoch scheint der Umgang mit den protestierenden StudentInnen und deren Anliegen.

Wenn tatsächlich eine Finanzierungsproblematik vorliegen sollte, wäre es Aufgabe der Universität Wien sowie des Rektorats sich mit den Studierenden, der Studienprogrammleitung und den MitarbeiterInnen des Instituts zu solidarisieren, deren Anliegen ernst zu nehmen und in weiterer Folge Gespräche mit der österreichischen Regierung zu suchen. Ein jedoch autoritäres Verhalten seitens des Rektorats gepaart mit Polizeieinsatz, einer zweitägigen Schließung des Universitätshaupt- gebäudes und einer Schuldverschiebung bezüglich der fehlenden finanziellen Mittel auf das Wissenschaftsministeriums, wie es in den letzten Tagen stattgefunden hat, sollte abgelehnt werden.

Für viele Studierende stellt sich in diesem Zusammenhang vermehrt nicht nur die Frage nach fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten, sondern auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Transformation von Univer- sitätsbildung hin zu einer universitären „Berufsausbildung“, die dem österreichischen Arbeitsmarkt angepasst werden soll. Studienrichtungen wie die Internationale Entwicklung, dessen Verwertbarkeit für die öster- reichische Berufswelt unklar scheinen, unterliegen demnach einer unver- meidlichen Elimination. Eine adäquate und zufriedenstellende Lösung ist dies jedoch nicht. Aktuelle Vorgehensweisen des Rektorats und Debat- ten um die Abschaffung von Bachelor- und Masterlehrgängen müssen daher hinsichtlich der weiteren unklaren Ausrichtung der Universität Wien stark thematisiert und kritisiert werden. Schließlich könnten auch andere Studienrichtungen ähnlich prekäre Positionierungen und Kürz- ungen erfahren. (25.04.2012)

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