Arash & Arman Riahi: Wenn die Revolution zur Alltäglichkeit wird

© Joerg Burger
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Arash Riahi ist Regisseur und Dramaturg, stammt aus dem Iran und lebt seit 1982 in Österreich. Er ist Gründer der renommierten Golden Girls Film- produktion. Zu seinen inter- national vielfach prämierten Werken zählen der Dokumentarfilm „Exile Family Movie“ (2006) und der Spielfilm „Ein Augenblick Freiheit“ (2008).

© Heribert Corn
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Arman Riahi arbeitet als freier Regisseur und Autor in Wien. Für seinen ersten Kinodoku- mentarfilm „Schwarzkopf“ (2011) erhielt er den Publikumspreis der Diagonale und er- öffnete den Wettbewerb des 17. Sarajevo Film Festival. Derzeit arbeitet er mit seinem Bruder Arash an dem Dokumentarfilm „Everyday Rebellion“.


Als uns im Zuge der – vermeintlich – manipulierten iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 zum ersten Mal bewusst wurde, dass gewaltlos rebellierende Friedensbewegungen nicht nur einen Film, sondern noch viel mehr Aufmerksamkeit verdienen, waren wir uns der Tragweite der kommenden Entwicklungen selbstverständlich noch nicht bewusst. Aber das waren wohl nicht einmal diejenigen, die Einblick in die internen Demokratiebestrebungen der Zivilbevölkerungen Tunesiens oder Ägyptens hatten. Heute, knappe drei Jahre später, steht Mubarak aufgrund seiner Verbrechen vor einem ägyptischen Gericht, Tunesiens Diktator Ben Ali lebt im saudischen Exil, Gaddafi wurde von Aufständi- schen ermordet und Bashir al-Assad bereitet bereits sein Leben nach der Machtabgabe vor. Wer hätte das ein paar Wochen vor der Selbst- verbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizis   im Dezember 2011 in Sidi Bouzid geahnt?

Doch allen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Volksaufständen liegen jahrelange Demokratiebestrebungen der Zivilbevölkerung zugrunde. Ähnlich wie im Iran arbeiten in Ägypten viele verschiedene zivile Bewegungen bereits seit Jahren an der Stärkung der grundle- genden Menschenrechte des Landes. Durch das Internet und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten erlangten die Demokratiebewegungen prinzipiell eine grundlegende technologische Unterstützung. Es ist leichter denn je, mit Gleichgesinnten zu kommunizieren, der Bevölkerung seine Ziele und Ideale näherzubringen und vor allem auch über die Erfolge und Strategien anderer erfolgreicher Protestbewegungen zu lernen. Diese lange und mühsame Vorarbeit, das Säen des demokra- tischen Getreides sozusagen, welches erst den Boden der erfolg- reichen Revolutionen nährt, wird von den schlagzeilenverherrlichenden Mainstreammedien gerne übersehen oder zumindest vernachlässigt.

Diese Vorarbeit ist es jedoch, welche die nachhaltige Wirkung erfolg- reicher Bürgeraufstände möglich macht – sofern sie grundsätzlich gewaltlos bleiben. Eine bewaffnete Widerstandsbewegung braucht ihre Sache nicht lange vorbereiten, sie existiert sobald sie ihre Macht ent- weder durch eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Regime oder, im schlimmsten Fall, einen terroristischen Akt an der Zivilbevöl- kerung demonstriert. Eine neue wissenschaftliche Studie (Chenoweth & Stephan, 2011) aber zeigt, dass gewaltfreie Umstürze eine um ca. 40% höhere „Erfolgswahrscheinlichkeit“ haben als bewaffnete – sprich, die Chance, dass sie für nachhaltigen Frieden und Demokratie sorgen, ist ungleich höher. Tatsächlich kämpfen bewaffnete Widerstände ausge- rechnet dort gegen die Systeme, die sie zu stürzen versuchen, wo diese am Stärksten sind: in der militärischen Ausein- andersetzung. So weit, so einleuchtend. Wer aber glaubt, dass ein paar Massendemonstra- tionen reichen, um ein Regime zu stürzen, muss spätestens am Beispiel Ägyptens erkennen, dass die Wirklichkeit anders aussieht.  

Von der Diktatur zur Demokratie ist es meist ein langer und beschwer- licher Weg. Wenn ein demokratisch nicht legitimiertes Regime erst einmal mit Hilfe lange erprobter Strategien und Methoden von Pionieren wie Mohandas Ghandi, Gene Sharp oder der schwarzen Bürgerrechts- bewegung um Rosa Parks und Martin Luther King zur Aufgabe gezwun- gen wurde, beginnt der wohl beschwerlichste Teil der Reise. Den langsamen Mühlen einer am Anfang stehenden, sich formenden Demokratie beim Mahlen zuzusehen, kann mitunter zermürbender sein als das Stürzen einer Diktatur, wofür es ja mittlerweile zumindest Leitfäden gibt – wie etwa die Arbeit der serbischen NGO C.A.N.V.A.S. (Center for Applied Non-Violent Actions  and Strategies) erfolgreich beweist. Deren Leiter Srdja Popovic wird in unserem Kinodokumentar- film „Everyday Rebellion“ einer jener Veteranen der gewaltlosen Bewegungen sein, der anderen, sich  noch in den Kinderschuhen befindlichen Demokratieströmungen diese erfolgreichen Taktiken näherbringen wird.

© Shadi Yousefian
© Shadi Yousefian

Obwohl die modernen Kommunikations- technologien den Demokratiebewegungen vor allem bei der Mobilisierung von Menschen und der Verbreitung ihrer Message von großer Hilfe sind, handelt es sich bei den aktuellen Volksaufständen entgegen der Meinungen vieler AnalystInnen wie bei- spielsweise Asiem El Difraoui (Stiftung Wissenschaft & Politik) oder Peter Beaumont (The Guardian) nicht um Twitter-, Facebook- oder sonstige Social Media- Revolutionen. Tatsächlich gehen die Menschen vor allem dann auf die Straße, wenn ihnen der Zugang zu den üblichen Kommu- nikationswegen von den Regimen verwehrt wird. Zur notwendigen Veränderung gehört vielmehr, wie Popovic es in seinen Workshops passend beschreibt, die stete – friedliche – Bearbeitung der wichtigsten Säulen der Regimes. Es gilt, Säulen wie die Exekutive oder die Justiz, von der eigenen Sache zu überzeugen, auf die Seite einer neuen, besseren Zukunft zu bringen. Im gewaltlosen Kampf wiegt am meisten, wie viele Menschen sich gegen die Unterdrückung zusammentun. Nur wenn sich die Regime einer zahlenmäßig überwältigenden und einheit- lich handelnden Mehrheit gegenübersehen, könne man beginnen, ihre Macht auszuhöhlen.

Im Zentrum unseres Dokumentarfilmes „Everyday Rebellion“ stehen Beobachtung und Analyse der vielfältigen kreativen Methoden des gewaltlosen Protestes, die derzeit von einer rasant wachsenden Zahl von Menschen weltweit praktiziert werden. Menschen, die den derzeit- igen Zustand unserer Welt nicht mehr hinnehmen wollen und für neue Formen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusam- menlebens kämpfen. Zugleich gibt der Film einen tiefen Einblick in das Leben der AktivistInnen, die nicht selten ihr Leben riskieren, um für uns alle eine bessere Zukunft zu ermöglichen: ihre Arbeit begleitend erfahren wir von ihren Motivationen und Zielen, ihren Zweifeln und Überzeugungen, ihrer Wut und ihrem Glück. Aber in dem wir diese Menschen beobachten, lernen wir nicht nur Individuen kennen, sondern wir erfahren und erleben auch die tiefen, nicht mehr zu überdeckenden Verwerfungs- und Bruchlinien, die sich durch unsere heutige Welt und ihre sich derzeit auflösende „Ordnung“ ziehen.

Dazu gehören in den jeweiligen betroffenen Ländern lebende Aktivist- Innen genauso wie ExilantInnen oder  KünstlerInnen, die meist die Vorhut des alltäglichen Widerstandes bilden, verarbeiten doch viele von ihnen die mangelnden Menschenrechte in ihrem Land in ihrer Arbeit. Vor allem sind subversive Kunstrichtungen wie Street Art maßgeblich dafür verantwortlich, dass friedliche Demokratiebewegungen zu Beginn ihrer Geschichte eine Öffentlichkeit bekommen. Auf diesem Weg soll auch auf verbotene KünstlerInnen und Kunstrichtungen in vielen autoritär geführten Ländern hingewiesen werden. Da eine der wesentlichen Dynamiken des Films und seiner Erzählung darin besteht, dass sich die Hot Spots der Revolte mit einer großen Geschwindigkeit und völlig unberechenbar weltweit ausbreiten, kann niemand sagen, wo die nächsten friedlichen Proteste ausbrechen werden. Der gewaltlose Widerstand hat mittlerweile nicht nur die arabische Welt erreicht, sondern wird von vielen Bewegungen auf der ganzen Welt angewandt. Gewaltloser Widerstand wird zusehends Mainstream und das ist auch gut so! (16.04.2012)

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