Elisabeth Förg: Schlechte Zeiten in Mali

© Hinnerk Wienke
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Elisabeth Förg ist Entwicklungsexpertin und lebte von Oktober 2010 bis März 2012 in Bandiagara, Mali. Als Projektmanagerin der GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) war sie gemeinsam mit dem malischen Landwirtschaftsministerium für ein Projekt zur Kleinbewässerung im Dogonland verantwortlich.


Am 21. März 2012 brach in der Garnison Kati, ein Vorort von Bamako, eine Meuterei aus. Anlass war der Besuch des Verteidigungsministers, der auf die drängenden Fragen der Soldaten bezüglich Sicherheit, Versorgung und Ausstattung der malischen Armee, die im Norden des Landes die Tuareg-Rebellen bekämpfen sollte, unzureichende Antworten gab und sich bald aus dem Staub machte. Eine Gruppe junger Offiziere plünderte das Waffenlager, machte sich auf den Weg zum Präsiden- tenpalast, verjagte binnen Stunden den Präsidenten Amadou Toumani Touré, in der Bevölkerung ATT genannt, dessen Amtszeit einige Wochen später geendet hätte. Noch in derselben Nacht war das nationale Rundfunkgebäude erobert, aus der Meuterei wurde ein Staatsstreich, spontan und improvisiert.

Am nächsten Morgen verkündete die Handvoll junger Soldaten, die sich mit dem Namen CNRDRE „Nationaler Rat für die Wiedererrichtung der Demokratie und die Sanierung des Staates“ vorstellten, im Staatsfern- sehen den Sturz der Regierung. Grund dafür sei die Unfähigkeit und mangelnde Entschlossenheit des Präsidenten, gegen die Rebellion im Norden vorzugehen. Sie wollten die Integrität des Landes wieder herstellen und nach Erfüllung ihrer Aufgabe wieder abtreten.

Bereits in den Wochen vor dem Putsch gärte die Unzufriedenheit in der malischen Gesellschaft. Als ATT im Februar sich geweigert hatte, mit einem massiven Gegenschlag auf das Massaker von Aguelhoc, einer Stadt zwischen Timbuktu und Kidal, zu reagieren, bei dem an die 100 unbewaffnete Soldaten niedergemetzelt worden waren, betrachtete ihn der Großteil der Bevölkerung als Verräter, der heimlich mit den Tuareg gemeinsame Sache machen würde. Die Frauen der Soldaten gingen in Kati auf die Straße, der Protestmarsch eskalierte.  Es kam zu hässlichen Überfällen auf Tuareg und hellhäutige AfrikanerInnen, Geschäfte und Häuser wurden geplündert und zerstört, Familien flüchteten aus der Hauptstadt. Zutiefst schockiert riefen alle politischen Kräfte und einfluss- reichen religiösen Führer des Landes zu einem Ende der Gewalt, zu Harmonie, Toleranz und Respekt auf. Die Popularität ATTs war im freien Fall begriffen, zu oft hatte er von Verhandlungen gesprochen, ohne sichtbare Ergebnisse.

© Hinnerk Wienke
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Und niemand glaubte, dass sich mit den bevorstehenden Präsidentenwahlen viel geändert hätte, sondern dass sich bloß die abgehobene politische Elite, die Freunderln und Vettern von ATT, die Futter- tröge neu aufgeteilt hätten, egal, welcher Kandidat siegreich aus den Wahlen hervorge- gangen wäre. Der lange Zeit höchst populäre Präsident hatte kläglich versagt, die grassierende Korruption in einem der ärmsten Länder der Welt zu bekämpfen. Selbst ein früherer Premierminister, der wegen Missbrauch und Korruption vor Gericht gestellt werden sollte, konnte sich als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat präsentieren.

Die internationale Gemeinschaft verurteilte unisono den Putsch, die multi- und bilaterale Kooperation wurde ausgesetzt, die Regional- organisation ECOWAS verhängte Sanktionen, in der Bevölkerung machte sich hingegen Zustimmung breit. Wurde Mali im Westen als Vorzeige-Demokratie gehandelt, erscheint sie im Land selbst als formal und hohl. In den Augen vieler ist demokratisch gewählt zu sein weder eine not- wendige noch ausreichende Bedingung, um als legitimes Staatsober- haupt angesehen zu werden. Viele sind erleichtert, dass ATT nicht mehr an der Macht ist. Sie beschuldigen ihn für alle Übel ihrer Gesellschaft, Armut, Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, ein brachliegendes Schulsystem, mangelnde gesundheitliche Grundversorgung. Beispiels- weise gibt es im gesamten Dogonland, eine abgelegene Region im Osten Malis, keine/n ZahnärztIn, keine/n GynäkologIn und keine/n RöntgenärztIn für ein Einzugsbereich von etwa 250.000 Personen. Der Ausbau der Basisgesundheitsversorgung hat nicht unbedingt Priorität, im Auftrag des Gesundheitsministeriums hat vor kurzem die österreichische Firma Vamed in Bamako ein Hightech-Zentrum für Strahlentherapie errichtet.

Die Macht von Hauptmann Amadou Sanogo, dem Anführer der Putschis- ten, wird hingegen nicht von vorneherein als illegitim angesehen, obwohl er sie mit Waffengewalt errungen hat. Viel mehr zählt, dass er nicht in irgendeiner Verbindung mit der herrschenden politischen Klasse oder Partei steht. Politische Unerfahrenheit wird assoziiert mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Also besser von zwei Übeln das wählen, das man nicht kennt (Whitehouse, 2012).

Die Ironie der Geschichte ist, dass bedingt durch das Machtvakuum in der Hauptstadt die Rebellion im Norden in Schwung gekommen ist, das Gegenteil dessen, was die Putschisten wollten. Die MNLA (Mouvement Nationale de Liberation de’l Azawad) rief eine unabhängige Republik aus, effektiv ist das Land zweigeteilt. Im Moment hat die MNLA allerdings kein großes Gewicht, sondern die mit ihr während der Eroberung ver- bündeten islamistischen Gruppen haben die Vorherrschaft und sind dabei, die Scharia einzuführen. Unter diesen Umständen können die Wahlen, die der Premierminister der Übergangsregierung organisieren soll, natürlich nicht regulär durchgeführt werden.

Der Kampf in der Sahara kann auch als Kampf um die Vorherrschaft über Schmuggelrouten – es floriert seit langem das Geschäft mit Drogen-, Waffen-, Medikamente-, Öl- und Menschenhandel – gelesen werden. Hinzu kommt, dass im Norden Malis Ölvorkommen vermutet werden. Möglicherweise versuchen sich die verschiedenen Akteure in Stellung zu bringen, um Zugang zu den erwartenden Einnahmen zu haben (siehe dazu: Lohmann, 2012).
Es ist zu erwarten, dass die Lösung des Konflikts Jahre dauern wird. (29. Mai 2012)


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