Peter Jankowitsch: 50 Jahre VIDC – Die Anfänge des Wiener Instituts für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit

© Österreichisches-Französisches Zentrum
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Als einer der engsten MitarbeiterInnen Bruno Kreiskys hat Peter Jankowitsch an Gründung und Aufbau des Wiener Instituts teilgenommen und seinen verschiedenen Leitungsorganen angehört. Heute ist er Kuratoriumsmitglied.

Bruno Kreisky & Jawahrlal Nehru © VIDC
Bruno Kreisky & Jawahrlal Nehru © VIDC

Das „Wiener Institut“, heute einer der ältesten und renommiertesten Nord-Süd Think Tanks und ent- wicklungspolitischen Einrichtun- gen Österreichs, verdankt seine Gründung 1962 einer Initiative Bruno Kreiskys, damals als Außenminister des Landes auch für seine Einbindung in die in diesen Jahren anlaufende sogenannte „Entwicklungshilfe“ der OECD Staaten für die gerade erwachte und unabhängig gewordene „Dritte Welt“ zuständig. Offen für die Anliegen dieser neuen Nationen pflegte er den Dialog mit ihren führenden Persönlichkeiten, besonders mit Pandit Nehru, dem ersten Premierminister des freien Indien, mit dem ihn ein enges Nahverhältnis verband. Aus seinen Gesprächen mit Nehru entstand die Idee eines Instituts, das mit inter- nationaler Beteiligung und in Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd für den Gedanken der Entwicklungszusammenarbeit werben und dabei auch neue Ideen ins Spiel bringen sollte, die nicht nur den Vorstellungen der Industriewelt entsprechen sollten.

So entstand nach langen Vorbereitungen auf einer Konferenz in Salz- burg 1962 eine neue Einrichtung des Nord-Süd Dialogs, die mit einer großen Erklärung einer „Zusammenarbeit zur Förderung der wirtschaft- lichen Entwicklung“ abgeschlossen wurde. Eine der neuen Ideen, die von der Salzburger Gründungskonferenz des Instituts ausgingen, war der Vorschlag, in Hinkunft 1 % des BNP der entwickelten Länder der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zu widmen. Diese Idee sollte später auch von der Gruppe der 77 (G77) auf einer ihrer ersten Konferenzen aufgenommen  werden, wenngleich dann nur mehr von 0,7 % des BNP die Rede sein sollte.

© Fred Bayer
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Für sein neues Institut und seine Arbeit konnte Bruno Kreisky schon in den ersten Jahren glänzende internationale Persönlichkeiten und bewährte Entwicklungspolitiker- Innen aus Nord– und Süd gewin- nen. Das waren neben Willy Brandt, damals noch Oberbürgermeister von Berlin oder dem amerikanischen Gewerkschaftsführer Walter Reuther , Jean Rous aus Frankreich, Leiter von UN Agenturen wie Paul Hoffmann, dem Gründer des UNDP und andere Führer der „Dritten Welt“ wie Tom Mboya aus Kenya und Ahmed Ben Salah aus Tunesien oder Bischof Helder Camara aus Brasilien. In Österreich waren es Persönlichkeiten wie der viel zu früh verstorbene Peter Strasser, die dieses Projekt förderten. Damit wurde das „Wiener Institut“ zur ersten internationalen Einrichtung, auf denen sich Vertre- terInnen des Nordens wie des Südens auf gleicher Augenhöhe gegen- überstehen und mit einander diskutieren und arbeiten konnten.

In seinen internationalen Konferenzen, die besondere Aufmerksamkeit erweckten, begleitete das Institut in diesen Jahren große Vorhaben der Vereinten Nationen, insbesondere jene der UNCTAD, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den Fluss von Ressourcen in die „Dritte Welt“ zu be- schleunigen. Aus den Diskussionen und Konfrontationen des „Wiener Instituts“ schöpfte Bruno Kreisky auch die Anregung, einen „Marshall Plan“ für die „Dritte Welt“ zu fordern und fand für diese Idee breite internationale Zustimmung. Wichtige Vorarbeiten für dieses Projekt, vor allem zum Ausbau der Infrastruktur vernachlässigter Kontinente dieser Jahre, wurden im „Wiener Institut“ von seinen MitarbeiterInnen ge- leistet. Aus dieser Sicht erscheint es auch durchaus berechtigt, einen   der Ursprünge und eine der Motivationen für die Gipfelkonferenz von CANCUN – die bisher einzige Konferenz dieser Art, die Entwicklungs- fragen zum Gegenstand hatte – in den Ideen zu sehen, wie sie vom „Wiener Institut“ über viele Jahre hinweg vertreten wurden.

© Votava
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Ohne Zweifel hat also das „Wiener Institut“ damit immer wieder sein ursprüngliches Ziel und seine Grundaufgabe erfüllt, nämlich die öffentliche Meinung in Österreich und anderen westlichen Demokra- tien für den Gedanken des inter- nationalen Dialogs und der gleich- berechtigten Partnerschaft zu sen- sibilisieren und damit dem west- lichen Mainstream, wie er sich in den 1980er Jahren von Washington aus entwickelt hatte, entgegenzutreten.

Die Methode, die es dabei seit seinen Anfangsjahren gewählt hatte, nämlich einem echten Nord-Süd Dialog zu suchen, ohne dem Süden westliche Entwicklungsmodelle aufzudrängen, hat dabei nach und nach Verbreitung gefunden.

Hat das „Wiener Institut“ in den letzten Jahren neue Aufgaben über- nommen und neue Arbeitsmethoden gefunden, etwa auf dem Gebiet des Sports oder der Kultur, wo es darum geht, den hohen Stellenwert anderer Kulturen zu dokumentieren und damit die Einheit der Welt und die Nähe zu anderen Zivilisationen sichtbar zu machen, so hat es gerade auch unter den österreichischen Organisationen, die sich der Entwick- lungszusammenarbeit verschrieben haben, seine ursprüngliche Origi- nalität erhalten. Nach wie vor versteht es sich auch als ein Forum, das den Problemen und Herausforderungen der Nationen des Südens brei- ten Raum gibt und wo auch viele Stimmen aus diesem Raum gehört werden können, ohne der oft verzerrten Wiedergabe durch die Medien und InterpretInnen des Nordens zu bedürfen. Nach wie vor setzt es sich mit Vorurteilen und klischeehaften Bildern auseinander, die Ländern und Völkern des Südens immer wieder begegnen, heute oft verstärkt durch einen neuen Rassismus, wie ihn Ränder des politischen Spektrums pflegen.

Das findet auch im übrigen Europa hohe Anerkennung. Die Bedeutung auch seiner heutigen Aufgabe wird dadurch sichtbar, wenn nach Bruno Kreisky Persönlichkeiten wie Franz Vranitzky und heute Barbara Prammer seine Führung übernommen haben. (18. Juni 2012)


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