Şevval Kılıç und Cihan Hüroğlu: Wir sind mehr geworden. Und mutiger.

© Şevval Kılıç
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Şevval Kılıç ist Mitbegründerin von Istanbul LGBTT (Lesbian, Gay, Bi-Sexual, Trans- gender, Travesti) und arbeitet als Freiwillige bei Kadın Kapısı in der Gesundheitsaufklärung, HIV/AIDS- Prävention und rechtlichen Beratung, insbesondere für SexarbeiterInnen.

© Berkay Bostan
© Berkay Bostan

Cihan Hüroğlu arbeitet beim Verein Sosyal Politikalar Cinsiyet Kimliği ve Cinsel Yönelim Çalışmaları Derneği (SPoD), der sich über Lobby- und Kampagnenarbeit auf den strukturell-rechtlichen Wandel in den Bereichen Anti-Diskriminierung und soziale Rechte für LGBT*s konzentriert.

Interview von Anne Steckner
Anne Steckner promoviert zum Thema Neoliberal-Islamische Synthese in der Türkei und arbeitet freiberuflich in der politischen Bildung.

A: Gibt es eine LGBT*-Bewegung in der Türkei oder trennt die Realität LGB-Probleme von Trans*-Kämpfen?

S: Wir demonstrieren zusammen, aber unsere Alltagswelt sieht ziemlich unterschiedlich aus. Der Trans*-Kampf bewegt sich noch auf einer sehr existenziellen Ebene: ‚Gewöhnt euch an uns. Tötet uns nicht!’. Es geht darum, erstmal das Recht auf unversehrtes Leben einzuklagen. Wir können nicht von Menschenrechten sprechen, solange man uns Trans* zuweilen die Menschlichkeit abspricht.

C: LBGs und Trans* kennen sich, wir haben Kontakte untereinander und an vielen Punkten eine gemeinsame Agenda. Übrigens anders als in Deutschland, wo ich die Welten als noch viel getrennter erlebt habe. Aber dass es bei SPoD zum Beispiel keine Trans*-AktivistIn gibt, ist eine Realität, die für sich spricht. Wir würden aber gern mehr kooperieren.

A: Unter welchen Bedingungen arbeitet ihr konkret?

S: 99% der Trans* in der Türkei sind SexarbeiterInnen. Das ist Fakt. Die Sexarbeit suchen wir uns nicht freiwillig aus. Dazu wird man gezwungen, wenn es keine anderen Möglichkeiten der Existenzsicherung gibt. Es gibt einfach null Möglichkeiten, sich ins System zu integrieren. Anders als viele Schwule und Lesben können wir uns nicht verstecken, nicht un- sichtbar machen.

© Anne Steckner
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A: Gibt es Organisierungsansätze?

S: Abgesehen von freundschaft- lichen Netzwerken, gegenseitiger Beratung und akuter Hilfe in Not- situationen arbeitet doch meistens jedeR für sich, individualisiert. Es gibt noch nicht viele Versuche sich zu organisieren. Viele Institutionen, auch linke, sind seit Jahren mit der Frage beschäftigt, ob Sexarbeit ein reguläres Gewerbe sein kann und darf oder nicht. Die tun sich schwer damit, unsere Erwerbsquelle offiziell anzuerkennen. So lange können wir nicht warten.

C: Ja, das ist ein Problem. Auch viele LBGs würden Sexarbeit nicht öffentlich verteidigen. Und linke Diskussionen über Sexarbeit bleiben an dem Punkt stehen, wo es um die Kommodizifierung des Körpers geht.

A: Welche anderen Gruppen unterstützen euch? Wo gibt es themen- übergreifende Bündnisse?

S: Im Grunde gibt es recht große gesellschaftliche Unterstützung für uns, das zeigt sich vor allem in der breiten Solidarität gegen Hassverbrechen, Diskriminierung und Polizeigewalt. Kurden und Migrationsgruppen, Feministinnen, Menschenrechtsaktive, die Antikriegsbewegung, 1.Mai-Zusammenschlüsse und andere mehr. Die kommen auf unsere Demos. Wir unterstützen sie auch. Also ein bunter Strauß...

A: Auch muslimische Vereine?

S: Um Gottes willen [lacht]. Nee, die natürlich nicht. Das geht gar nicht.

C: Linke Gruppen sind erstmals natürliche Bündnispartner für uns, dort gibt es jedenfalls die größte Neugier. Doch die meisten von ihnen setzen sich mit LBGT*-Themen nicht tiefer auseinander. Die gemeinsame Er- fahrung als Unterdrückte vereint andere Gruppen mit uns, aber sobald du mal nachhakst: ‚Was wenn die Tochter lesbisch wäre?’ oder wie sie zu Sexarbeit stehen, dann trennen sich die Welten. Auch von Gewerk- schaftsseite tut sich noch recht wenig.

A: Was hat sich seit Machtantritt der AKP mit Blick auf LGBT*-Kämpfe verändert?

S: Wir sind mehr geworden. Und mutiger. Jetzt fragen wir nicht mehr vorher, ob wir ne Demo veranstalten dürfen oder ne Aktion vor dem Gericht machen, um den diensthabenden Polizeichef öffentlich anzu- klagen. Aber die Hassmorde an Trans* haben zugenommen, das feindliche Klima wird von der Regierung noch verschärft: Wie kann jemand wie die ehemalige Familienministerin Aliye Kavaf behaupten, Homosexualität sei eine Krankheit, die man behandeln müsse?

A: Die neue Familienministerin der AKP, Fatma Sahin, bekundet indes, sie wolle sich für die Rechte von LBGT*s einsetzen...

C: Vordergründig schlägt Fatma Sahin einen anderen Ton an und be- müht sich um Kontakte zur Frauenbewegung. Aber das bleibt auf rein symbolischer Ebene. Ihr geht es darum, die Institution der hetero- sexuellen Kleinfamilie zu stärken, nicht primär um Gewaltprävention. Nichtsdestotrotz: Die Aussage von Aliye Kavaf hat großen Protest in oppositionellen Kreisen hervorgerufen. Sowas kann heute nicht mehr unkommentiert gesagt werden.

© Anne Steckner
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S: Vor der AKP waren Repression, Hass und Diskriminierung roh: Wir wurden regelmäßig von den Bullen zusammengeschlagen oder gefoltert. Jetzt hat die Gewalt subtilere Formen angenommen, über Diskurse in den Medien. Auch die Polizei behandelt uns nicht mehr so wie früher. Die trauen sich jetzt weniger, weil sie wissen, dass wir laut werden und uns juristisch wehren.

A: Keine Folter mehr auf den Polizeistationen?

S: Doch, aber spürbar weniger als früher. Die fassen uns nicht mehr an. Ist jedenfalls unsere Erfahrung. Ich glaube, das liegt auch daran, dass mehr Religiöse bei der Polizei arbeiten als früher. Anfassen ist tabu, denn wir sind ja besonders schlimme Sünder.

C: Mein Eindruck ist, die Gesellschaft wird insgesamt konservativer. Religion, traditionelle Werte und Moral spielen eine größere Rolle in den Fernsehprogrammen, gerade in den konservativen Kanälen. Du findest keine schwulen Charaktere in den TV-Serien. Wenn dann doch mal einer vorkommt, gibt es einen Aufschrei und er wird umgehend rausgenom- men. Dabei sah man in besagter Szene einfach nur zwei Männer neben- einander auf dem Bett. Mehr war nicht.

A: Was würdet ihr als euren größten Erfolg in den letzten Jahren bezeichnen?

S: Den Trans*-Pride! Es waren so viele verschiedene Menschen dabei, ein riesiges Fest. Und im Alltag: Wir werden von der Polizei nicht mehr dauernd mit routinemäßigen Geldbußen wegen angeblicher Störung der öffentlichen Ordnung schikaniert. Das hat etwas nachgelassen, weil wir begonnen haben, uns zu wehren.

C: Unsere neue Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Nach der verbalen Entgleisung von Aliye Kavaf [s.o.] gab es viele Anfragen an uns für TV-Diskussionen und Stellungnahmen. Wenn sie uns mit selbst ernann- ten Experten diskutieren lassen, deren Argumente auf der Linie von Kavaf sind, geht es auch darum, die Einschaltquoten zu erhöhen. Aber sie können unsere Position nicht länger übergehen. Auch bei einer Parlamentsdebatte um die neue Verfassung waren wir als LGBT* vor Ort und haben uns mit den stellvertretenden Parteivorsitzenden der pro- kurdischen BDP (Partei für Frieden und Demokratie), der islamischen AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) und der kemalistischen CHP (Republikanische Volkspartei) getroffen. Das ist alles offiziell dokumen- tiert. Auch wenn unsere Forderungen später wieder aus dem Katalog herausgenommen wurden, an der öffentlichen Präsenz von LGBT*s kommt man jetzt nicht mehr so leicht vorbei. (13. Juni 2012)

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Weiterführende Links

Istanbul LGBTT Solidarity Association

Auf dem Transparent: "Die Rechte von SexarbeiterInnen sind Menschenrechte. Die Bordelle können nicht geschlossen werden!" Unterzeichner: Istanbul LGBTT und Kadin Kapisi ('Frauentür')

‘Not an illness nor a crime‘. Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender People in Turkey Demand Equality. Amnesty International, 2011.