Franz Schmidjell: Auslandskulturtagung 2008: Kultur und Entwicklung

Warum gibt es kaum Kunst in der Entwicklungszusammenarbeit?

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Redebeitrag von Mag. Franz Schmidjell  für den Workshop 4  der Auslandskulturtagung, die am 4. September 2008  in Wien stattgefunden hat. Franz Schmidjell ist langjähriger Experte in der vidc-Abteilung Kulturen in Bewegung. Er organi­siert inter­kulturelle Kulturfestivals, Austauschprogramme, Tourneen, Ausstellungen und Workshop.

‚Kultur& Entwicklung‘ hat in der internationalen entwicklungspolitischen Diskussion der letzten Jahre an Bedeutung gewonnen. Dabei waren es nicht nur kulturelle Institutionen wie die UNESCO aktiv. Die Europäische Kommission und der Europäische Rat, Weltbank und OECD und vor allem nationale Entwicklungsagenturen haben dieses Thema mit unterschiedlicher Intensität aufgegriffen. Die Vielfalt der AkteurInnen führte zu unterschiedlichen Zugängen zu Kultur und Entwicklung. In der entwicklungs­politischen Praxis hat sich heute ein erweiterter Kulturbegriff herauskristallisiert, wie er bei Weltkonferenz MONDIACULT in Mexiko City 1982 gewählt wurde. Verkürzt ausgedrückt, Kultur ist die „software“ einer Gesellschaft. Kunst spielt in diesem Kontext eine zentrale Rolle. Aber Sprache, Ethnizität, Religion und Geschlechter- und Machtbeziehungen gehören ebenso dazu. 

Das Zauberwort vom interkulturellen Dialog läuft ebenfalls Gefahr, leichtfertig und wenig reflektiert verwendet zu werden. Die Praxis des „Europäischen Jahres des interkulturellen Dialog“ betont das Kulturelle im engeren Sinne. Sie klammert strukturelle Benachteiligungen und reale Machtverhältnisse aus. Gerade diese Asymmetrien machen einen Dialog auf gleicher Augenhöhe unmöglich. Eine zweite Kritik am interkulturellen Dialog liegt im reduktionistischen Umgang mit Differenzen. Meist erfolgt eine Einengung auf die Herkunftsdifferenz. Soziale, bildungsbedingte, altersmäßige oder geschlechterspezifische Differenzen bleiben unbeachtet. 

Bei „Kultur& Entwicklung“ gehen wir in der praktischen Arbeit von vier ineinander verwobenen Ebenen aus:

  • Kultur als Dimension von Entwicklung, also die systematische Intergration von kulturellen Einflußfaktoren in die Entwicklungszusammenarbeit.     
  • Kultur als relevanter Sektor (Kunst) bildet die zweite Ebene. Hier ist vor allem die zeitgenössische Kunst aber auch das materielle wie immaterielle Kulturerbe von Bedeutung.   
  • Kultur als Prozess der Zusammenarbeit ist ein unterbelichteter, aber in der Praxis sehr relevanter Bereich. Das Scheitern bzw. der geringen Effizienz bei Kooperationen liegt oft in diesem Bereich.       
  • Die vierte Ebene bildet den eigentlichen Kern der heutigen Tagung, nämlich der Kulturaustausch und interkultureller Dialog.

Warum gibt es kaum Kunst in der Entwicklungszusammenarbeit? Die Ursachen dafür sind vielfältig. Historisch wurde die Entwicklungszusammenarbeit als Hilfsleistungen gesehen, die Kunst hatte völlig andere Prioritäten. Erst als die klassischen „Entwicklungshilfe“-Ansätze in Frage gestellt wurden, entstand eine Offenheit für neue Methoden. Die Forderung, messbare oder feststellbare Resultate mit jeder Intervention zu erzeugen, entspricht nicht der Arbeitsweise in der Kunst. Das ist eine große Barriere. Die Kunst trägt zwar nachhaltig, aber eben nur indirekt zu Entwicklungszielen bei.

Eine weitere Ursache ist in einer berechtigten Skepsis bei KünstlerInnen zu spüren, dass ihre Autonomie eingegrenzt wird.  Die Gefahr der Instrumentalisierung, wenn auch für eherne Ziele, lässt viele KünstlerInnen zur Entwicklungszusammenarbeit auf Distanz gehen. Zudem verwendet die Entwicklungszusammenarbeit eine Sprache, die mit dem Kunstbetrieb wenig kompatibel ist.

Ein nicht zu vernachlässigender Grund liegt in dem forcierten und wenig reflektierten ‚local ownership‘, das heißt, der Übertragung der Verantwortung für die Aktivitäten auf so genannte Entwicklungsländer.  Im Prinzip eine gute Sache. Doch an wen wird sie übergeben? Viele lokale Eliten sehen in Kultur und Kunst einen Unterhaltungscharakter ohne gesellschaftspolitische Bedeutung. Daher fehlen meist formulierte Kulturpolitiken, Mittel für Kunsterziehung, Kulturinstitutionen oder Kulturindustrien.

Eine Perspektivendiskussion sollte einerseits die Nutzung der Potentiale und Synergien zwischen Entwicklungszusammenarbeit und Auslandskultur, beispielsweise die gegenseitige Nutzung der Einrichtungen in den Partnerländern. Andererseits ist ein neuer Anlauf für einen strukturierten und ergebnisorientierten Diskurs notwendig. Dieser sollte unter anderem folgende Fragestellungen beinhalten: Wie kommen wir zu einer gemeinsamen Begriffsklärung und Sprache? Welche Orientierungsfragen und Qualitätskriterien braucht der Kulturaustausch? Wie können wir in der  der schnelllebigen, eventorientieren Kulturindustrie einen dialog- und prozessorientierten Kulturaustausch verankern? Welche strukturellen/finanziellen Voraussetzungen braucht es, um das wachsende Interesse heimischer Kulturschaffender zu beherbergen? Wie erfolgt die Erfolgskontrolle? Welche kreativen Methoden zu Monitoring und Evaluierung haben wir? Eine Weiterentwicklung muss auch die Reflexion konkreter Praxisfelder beinhalten. 

Angesichts sehr unterschiedlicher Begrifflichkeiten, Sprachen und Betriebssyteme zwischen Entwicklungszusammenarbeit und Auslandskultur stellt sich die Frage, ob nicht der wahre interkulturelle Dialog zwischen diesen beiden Akteuren stattfinden muss.

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Zum Weiterlesen: Langfassung des Redebeitrags von Franz Schmidjell

Auslandskulturtagung 2008

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