Festus Imarhiagbe: Good practice: Privatinitiative für landwirtschaftliche Entwicklung in Liberia


© Imarhiagbe

DI Festus Imarhiagbe wurde in Nigeria geboren und lebt seit 1985 in Österreich. Er ist Agraröko- nom und arbeitet bei Agrarmarkt Austria. Dort beschäftigt er sich mit Bauernförderungen. Seit 2009 führt er auf Eigeninitiative Entwicklungs- projekte in Liberia durch, die er mit eigenen Mitteln und Spenden finanziert. Das Interview führte Nadja Schuster (VIDC).

Inwiefern wird das Potential der afrikanischen Diaspora von der Entwicklungszusammenarbeit aus deiner Sicht wahrgenommen und gefördert?

Festus: Die Entwicklungszusammenarbeit mit der afrikanischen Diaspora in Österreich ist aus meiner Sicht nicht klar definiert. Die Fähigkeiten und das Potential der AfrikanerInnen werden nicht wirklich erkannt und wahrgenommen und deshalb nicht optimal gefördert.

Wie lässt sich das begründen? Wo liegen die größten Hindernisse?

Festus: Es gibt keine gemeinsame Richtung der verschiedenen NGOs. Jede Organisation verfolgt ihre eigene Politik und meistens werden persönliche Interessen in den Vordergrund gestellt.

Siehst du durch den neuen ADA Schwerpunkt Migration und Entwicklung Chancen, dass es verstärkt zur Kooperation zwischen NGOs und Diaspora-Organisationen kommt und daraus gemeinsame Projekte entstehen, die von der OEZA gefördert werden?

Festus: Es sollten eine Vertrauensbasis und eine Kommunikationsplattform zwischen NGOs und Diaspora-Organisationen aufgebaut werden. Für eine gute Zusammenarbeit sind Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt sehr wichtig. Hier können gemeinsame Projekte entstehen.

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Hast du versucht, eine EZA-Förderung für deine Initiativen zu erhalten?

Festus: Nein, es war mir nicht bewusst, dass es eine Förderung für solche Initiativen gibt.

Wie gelingt er dir, Gelder für deine Entwicklungsaktivitäten zu lukrieren? In welchem finanziellen Rahmen bewegen sie sich?

Festus: Für die Durchführung meiner Projekte brauche ich nicht nur Geld, ich muss auch meine Urlaubszeit investieren. Wenn ich genug Geld für den Flug gesammelt habe, rede ich mit Freunden der christlichen Organisation Christliche Internationale Gemeinde (CIG). Für meine letzte Projektreise im Februar 2012 habe ich ca. 6.000 Euro gebraucht, wovon der Großteil für Baumaterial ausgegeben wurde.

Was sind deine Erfahrungen im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit österreichischen NGOs?

Festus: Meine Erfahrungen stammen aus den 90er Jahren und die waren eher negativ. Ich hatte damals vermittelt bekommen, dass du nur als ÖsterreicherIn oder als KatholikIn für eine mögliche Projektkooperation (auch in Afrika) in Betracht gezogen wirst.

Wie groß ist das Interesse der afrikanischen Diaspora, Entwicklung in den Herkunftsländern zu fördern?

Festus: Das Interesse ist groß, doch die Hilfe ist nicht koordiniert. Besonders im landwirtschaftlichen Bereich in vielen Ländern Afrikas ist auch der Bedarf groß. Eine Projektplanung für bestimmte Zielgruppen oder eine konkrete Aktivität ist immer willkommen.

Kann man von der „afrikanischen Diaspora“ sprechen, oder gibt es mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Beziehungen zu den Herkunftsländern?

Festus: Eine gute Frage. Ich habe gezeigt, dass man helfen kann wo Bedarf ist. Ich habe keine Beziehung zu Liberia gehabt. Es gab die Möglichkeit zu helfen, und ich habe mich zur Verfügung gestellt. Die afrikanische Diaspora in Österreich arbeitet nicht aktiv zusammen. Es sollte eine gut strukturierte Vernetzung unter den in Österreich lebenden AfrikanerInnen geben. Die gibt es de facto nicht.

Inwiefern findet ein Austausch zwischen den in Österreich lebenden afrikanischen Diaspora-Gruppen im Hinblick auf ihr EZA- und entwicklungspolitisches Engagement statt?

Festus: So ein Austausch findet meiner Meinung nach in Österreich nicht statt. Jedes Land hat wohl seine eigene Diasporagruppe aber diese Gruppen kommunizieren nicht untereinander. Da müsste auch die Afrika Vernetzungsplattform (AVP) mehr arbeiten und transparenter sein.

Was war deine Motivation, dich in Liberia im Bereich der Landwirtschaft zu engagieren?

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Festus: Ein amerikanischer Freund aus der CIG hat mir von einem Projekt erzählt, an dem er beteiligt ist. Er ist im Rahmen der Organisation „Water of Life“ nach Liberia gegangen, um dort mit der Christian Revival Church Association (CRCA) zusammenzuarbeiten und Wasserbrunnen zu errichten. Er hat mich im Jahr 2008 gefragt, ob ich im Bereich Landwirtschaft mithelfen möchte. So bin ich einmal mitgeflogen und habe gesehen, wie viel Armut dort herrscht. Die landwirtschaftliche Produktion wurde durch den langjährigen Krieg weitgehend zerstört. Ich habe einige Ideen entwickelt und mit dem Leiter der CRCA einen Plan erarbeitet. Meine Hilfe ist gut angekommen. Seither reise ich jedes Jahr dorthin.

Hast du dafür Unterstützung erhalten?

Festus: Ja, es hat sich ein Team von UnterstützerInnen gebildet. Jede/r im Team musste für die Flugkosten aufkommen. Die Freunde der CIG haben uns teilweise unterstützt. Das Team besteht mit mir aus drei Personen. Die zwei anderen sind junge Österreicher, die auf der Technischen Universität in Wien studieren. Daniel Kolensky studiert Architektur und Simon Fluch Maschinenbau. Sie nutzen die Ferien und ich meinen Urlaub für unsere Projekte.

Nehmen wir Liberia als Fallbeispiel: Wie kann man die Situation im Agrarbereich nach dem jahrelangen Bürgerkrieg beschreiben?

Festus: Liberia ist ein sehr armes, bürgerkriegsgeschütteltes Land. Es hat 4,13  Millionen EinwohnerInnen. Die Lebenserwartung liegt bei 56 Jahren (2010) und die Kindersterblichkeitsrate der unter 5-Jährigen bei 103 (von 1000 Geburten; 2010). Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf (PPP) beträgt 520 US Dollar (World Bank, 2012). Der langjährige Krieg hat nicht nur die Landwirtschaft zerstört, auch Bauern, die in den Dörfern gelebt haben, sind, ausgerottet worden. Die Dörfer sind fast total zerstört worden, die meisten jungen Menschen haben keine Ahnung von nachhaltiger und ertragreicher Bewirtschaftung, denn sie waren Kindersoldaten. Meine Projekte haben zum Ziel, den jungen Leuten einen praktischen Umgang mit Arbeitsgeräten statt mit Waffen zu ermöglichen. Mit einem Ab-Hof-Verkaufssystem von landwirtschaftlichen Produkten sollen die Dörfer erneuert werden. Mit den Projekten wird eine Rückwanderung der jungen Menschen ermöglicht. Das Projektziel „Dorferneuerung“ wird langsam aber nachhaltig erreicht. In Kpondey´s Town greift das Projekt schon. Aus Monrovia kommen potenzielle Käufen hierher.

Wie kam es zur Errichtung des Trainingscenters?

Festus: Die Idee des Trainingscenters ist bereits im Jahr 2010 entstanden. Errichtet wurde es 2011 und es hatte vor allem die Verbesserung der Einkommenssituation zum Ziel. Die MitarbeiterInnen des Trainingscenters sind hauptsächlich StudentInnen der neuen Universität für Liberia. Allerdings gibt es keine Kooperation mit der Universität. Die Organisation CRCA unterstützt diese StudentInnen, die wiederum in dem Trainingscenter ihre praktischen Erfahrungen sammeln. Einmal im Jahr fliege ich hin, um sie zu beraten und Neuigkeiten mit ihnen auszuprobieren.

Inwiefern war die lokale Bevölkerung in die Projekterstellung eingebunden? Wie findet Partizipation statt, und wie werden die Maßnahmen aufgenommen?

Festus: Auf der Farm werden teilweise Leute aus der lokalen Bevölkerung als ArbeiterInnen engagiert. So sehen sie, wie man mit wenigen Hilfsmitteln eine Plantage errichten kann. Durch die Ab-Hof-Verkaufsidee müssen sie nicht kilometerweit gehen, um ihre Produkte zu verkaufen. Weiter plane ich bereits mit einigen eine Verkaufsgenossenschaft zu gründen.

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Wie steht es um die Nachhaltigkeit der Projekte?

Festus: Die Bewirtschaftung, das Management und die Vermarktung der Produkte liegen in den Händen der LiberianerInnen. Meine Aufgabe war und ist es, sie zu motivieren, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und ihre Fähigkeiten wahrzunehmen.

Welche Auswirkungen hat das Projekt? Inwiefern trägt es zur Armutsreduktion und Existenzsicherung bei?

Festus: Im Moment beobachte ich bei den jungen Menschen eine gewisse Selbstsicherheit; auch die Motivation steigt und neue Ideen entstehen. Ich bekomme Anrufe und sie wollen wissen, wann ich wieder kommen kann.

Welche Empfehlungen kannst du abgeben? Einerseits für die OEZA und die im EZA-Bereich tätigen NGOs und andererseits für die afrikanische Diaspora in Österreich.

Festus: Schwierig. Dafür muss man sich die Tätigkeitsbereiche der EZA genau anschauen. Ich weiß auch nicht, ob es eine aktive afrikanische Diaspora in Österreich gibt und wenn, funktioniert sie in meinem Augen nicht richtig. Eine sinnvolle Maßnahme wäre beispielsweise die Errichtung einer Datenbank mit ExpertInnen aus der Diaspora, die für Projekte und entwicklungspolitische Aktivitäten eingesetzt werden können. Ich bin jederzeit bereit mich mit OEZA-VertreterInnen an einen Tisch zu setzen, um gemeinsam die Basis für eine auf Partnerschaft und Eigenverantwortung beruhende Entwicklungszusammenarbeit zu erarbeiten (13. September 2012).

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