Helmuth Hartmeyer: Migration und Entwicklung – ein Themenschwerpunkt der Austrian Development Agency


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Helmuth Hartmeyer ist Leiter der Abteilung Förderungen Zivilgesellschaft in der Austrian Develpment Agency (ADA). Er ist Vorsitzender der Strategiegruppe Globales Lernen, des UNESCO Beirates Bildung für Nachhaltige Entwicklung sowie des Global Education Network Europe (GENE). Er lehrt Globales Lernen und Bildung für Nachhaltige Entwicklung am Institut für Inter- nationale Entwicklung der Universität Wien.

Die vielfältigen internationalen Verflechtungen, die immer schneller voranschreitende Globalisierung vieler Lebensbereiche und die gegenwärtigen multiplen Krisen bewirken eine zunehmende inner-       wie zwischenstaatliche Migration. Menschen wandern unfreiwillig oder aus eigenen Stücken, sie fliehen, sie hoffen auf neue Perspektiven. Die Folgen für die Aufnahmegesellschaften sind vielschichtige. Wirtschaft- liche, soziale und kulturelle Räume und Grenzen verschieben sich. Dies hat Auswirkungen auf Lebensmittelpunkte von Menschen und ganze Gesellschaftsgruppen und beeinflusst Arbeitsmärkte sowie Bildungs-  und Gesundheitssysteme. Die Kluft zwischen urbanen und ländlichen Gebieten erweitert sich und tiefgreifende Veränderungen im sozialen Gefüge werden spürbar.

Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit finden vor diesem Hintergrund statt und das Thema sollte von allen AkteurInnen ernst genommen werden. Migration ist oft ein wesentlicher Bestandteil von Entwicklungsprozessen, da Wanderbewegungen  beträchtliche Effekte auf die Entwicklung eines Landes haben. Durch unterschiedliche Maß- nahmen, wie etwa Unterstützung des wirtschaftlichen und demokra- tischen Aufschwungs von Staaten, kann Migration verlangsamt oder    gar gestoppt werden.

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Migration birgt einerseits Risiken, wie negative ökonomische Effekte in den Herkunftsländern oder auch die soziopolitische Überforderung der Zielländer, eröffnet jedoch andererseits  Potenziale, wie Erfahrungs- und Wissenstransfer oder interkulturellen Dialog. Die Kooperation mit Migrationsge- meinschaften ermöglicht neue gesellschafts- und demokratiepolitische Beziehungen und Perspektiven. Durch ein Miteinander im Lernen und Tun kann soziale und ökonomische Integration erfolgen, ohne dass eine Gruppe ihre eigene Identität einseitig aufgeben muss. Positiven Rollenbildern und Beispielen kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn wir zu einer auf Vielfalt aufbauen- den und Vielfalt wertschätzenden Weltgesellschaft beitragen wollen.

Insgesamt steht das Thema Migration und Entwicklung in der öster- reichischen Entwicklungspolitik noch auf schwachen Beinen. Es gibt weder einen institutionell-rechtlichen Rahmen noch umfassende strate- gischen Überlegungen oder Lösungsmodelle. Auch in den aktuellen Dreijahresprogrammen der österreichischen Entwicklungspolitik findet    es keinen relevanten Niederschlag. Dabei bräuchte es breite politische Handlungskonzepte, die sowohl die Lebensbedingungen in den Her- kunftsländern verbessern als auch die Bedingungen für eingewanderte Menschen optimieren. Eine Vielzahl von AkteurInnen und Gruppen versucht, dahin gehenden Einfluss auf die Migrations- und Entwick- lungspolitik zu nehmen. Nicht selten entsteht daraus ein Zielkonflikt zwischen Bereichen wie Migrationskontrolle versus Entwicklungs- förderung. Während die einen Mittel der Entwicklungszusammenarbeit dafür einsetzen wollen, um politischen Druck auf Herkunfts- und Durchreisestaaten auszuüben, betonen die anderen die Kraft von Migrationsgemeinschaften im Einsatz für Entwicklung.

Von allen wird ein kohärenter Politikansatz gefordert, um die Ursachen für Migration, allen voran Armut und fehlende Zukunftsperspektiven, abfedern zu können. Die Europäische Kommission verabschiedete 2005 den „Global Approach to Migration“, um mehr Kohärenz zwischen der Arbeitsmarkt-, Handels-, Finanz-, Sicherheits-, Entwicklungs-, Menschen- rechts- sowie Integrationspolitik zu erreichen. Österreich wäre gefor- dert, sich diesem Prozess proaktiver anzuschließen.

© ke nako afrika
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Die ADA lädt deshalb im Herbst 2012 und im Frühjahr 2013 zur Einreich- ung von Projekten der entwicklungspolitischen Kommunikation und Bildung ein, die dem Themenbereich Migration und Entwicklung auf den Grund gehen wollen, die zur kritischen Reflexion von Entwicklungen in diesem Arbeitsfeld anregen und in denen Lösungsvorschläge für ein zukunftsfähiges Miteinander erarbeitet werden. Bevorzugt gefördert werden Projekte, welche die Kooperation mit Bereichen außerhalb des entwicklungspolitischen Umfeldes erschließen, die Beteiligung anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen, die in diesem Themenbereich tätig sind, ermöglichen, und die sich den angeführten Fragestellungen in inhaltlicher, strategischer und methodischer Vielfalt kooperationsüber- greifend annähern. (03. August 2012)

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