Michael Fanizadeh: Über Diaspora Engagement in Österreich


© VIDC

Michael Fanizadeh studierte Politikwissen- schaft in Wien und arbeitet am VIDC - Wiener Institut. Momentan leitet er das transnationale EU-Projekt „CoMiDe – Initiative für Migration & Entwicklung“, welches im April 2011 als drei- jähriges Projekt von VIDC, Südwind und PartnerInnen in Italien, Slowenien und der Slowakei gestartet wurde.

Dass die Thematik von „Migration & Entwicklung“ immer mehr in den entwicklungspolitischen Focus rückt, wurde an dieser Stelle schon ausführlich diskutiert (siehe die Beiträge von Thomas Faist und Helene Trauner im VIDC-Newsletter 19). Auch das vom VIDC und Südwind etablierte Projekt „CoMiDe – Initiative für Migration & Entwicklung“   greift diesen Trend auf und versucht die Teilhabe von MigrantInnen       in der Entwicklungspolitik zu erhöhen und vor allem Kooperationen zwischen entwicklungspolitischen und Diaspora-Organisationen zu forcieren.

Außer Frage steht, dass Diaspora Communities in der Entwicklungspolitik als MitarbeiterInnen in den professionellen Einrichtungen oder bei Pro- jekten unterrepräsentiert sind. Zudem werden die oftmals ehrenamt- lichen Leistungen von der entwicklungspolitischen Szene nicht erkannt und dementsprechend auch nicht gefördert. Dies führt und führte zur Verbitterung vieler Diaspora-Organisationen und Initiativen, die sich mit ihrem Knowhow in der österreichischen EZA-Landschaft nicht ernst ge- nommen und schon gar nicht ausreichend unterstützt fühlen. Aktivist- Innen wie der Leiter des Chiala Afrika Zentrums in Graz Kamdem Mou Poh à Hom fordern daher eine Veränderung: „Ich würde mir eine Dis- kussion über eine Neuausrichtung der EZA in Österreich wünschen mit der Ambition, alle Interessierten und v.a. natürlich Menschen, die aus diesen Ländern gekommen sind, einzubeziehen. (…) Wir wollen Teil dieser Geschichte sein. Uns nach unserer Meinung zu fragen, ist für mich zu wenig. Schon in der Anfangsphase wollen wir mitgenommen werden. Menschen mit Migrationshintergrund würden eine neue Dynamik in die Entwicklungszusammenarbeit hineinbringen“ (Ngo Tam/Joschika, 2012).

© Patrizia Gapp
© Patrizia Gapp

Beim CoMiDe-Projekt geht es nicht darum, Diaspora Communities als „bessere“ AkteurInnen der Entwicklungspolitik zu präsentieren, sondern paternalistische Tendenzen bei den Süd- und Osthilfeprojekten zu hinterfragen und bei Kom- munikations- und Bildungsprojekten zumindest abzumildern sowie Kooperationen zu ermutigen. Die Leistungen der Diaspora-Organisationen und Initiativen sollen anerkannt werden. Wobei es schwierig ist, den Umfang dieser Leistungen zu beziffern. Zumeist wird in der Diskussion darüber auf die Rücküberwei- sungen (Remittances) von MigrantInnen für ihre Herkunftsländer verwiesen: im Jahr 2008 flossen global 243 Milliarden USD dieser Remittances an niedrige- und mittlere Einkommensländer, das ist doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum weltweit für Entwicklungszusammenarbeit und -hilfe zur Verfügung gestellt wurde (vgl. de Haas, 2012). Wie viele dieser Rücküberweis- ungen von Diaspora-Gruppen dann wirklich zur Unterstützung von sozialen, menschenrechtlichen oder bildungspolitischen Initiativen geleistet werden, lässt sich kaum erfassen, da viele dieser Projekte     als Privatinitiativen informell organisiert sind. Sie schließen sich in sogenannten „Hometown Associations“ zusammen, leisten individuelle und kollektive Rücküberweisungen in die Herkunftsländer und unter- stützen damit private Gesundheitsversorgung, Bildung und weitere vergleichbare Leistungen der EZA.

Dass dieses Engagement der Diaspora Communities im informellen bleibt, hat auch damit zu tun, dass es manchmal als Hinweis auf Des- integration missverstanden wird. Integrationsstaatsekretär Sebastian Kurz kritisierte beispielsweise die bosnischen MigrantInnen in Österreich für ihre Transferleistungen: „51 Millionen Euro überweisen allein die österreichischen Gastarbeiter jedes Jahr nach Hause. Kurz (…) gereicht das nicht zur Freude. Er könne diese Transfers nicht gutheißen. Es wäre besser, sagt er, wenn sich die bosnisch-stämmigen Migranten eine Eigentumswohnung in der neuen Heimat kauften, anstatt ein Haus zu bauen in der alten. ‚Das wäre uns Österreichern gegenüber loyaler‘“ (Die Presse, 8.10.2011).

Einige europäische Staaten haben das Potential der MigrantInnen für die Entwicklungspolitik zumindest einmal erkannt und eigene Förder- strukturen für Diaspora-Organisationen geschaffen. Als ein Beispiel sei hier das deutsche Centrum für internationale Migration (CIM) genannt, welches als Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Inter- nationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Bundesagentur für Arbeit einen Schwerpunkt im Bereich Diaspora Engagement in der Entwicklungszu- sammenarbeit gesetzt hat (Keusch/Schuster, 2012). Dass jetzt auch die Austrian Development Agency im Bereich der „Entwicklungspoliti- schen Kommunikation und Bildung“ nachzieht und 2013 bevorzugt Projekte fördern möchte, die sich mit dem Themenbereich „Migration & Entwick- lung“ auseinandersetzen, ist als erster Schritt zu begrüßen. Wichtig wäre allerdings auch die Öffnung für Süd- und Ostprojekte, sowie eine Bürokratie, die auf Community-Projekte vorbereitet ist und auch Platz für kleinere Privatinitiativen lässt.

© Patrizia Gapp
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Ein weiterer Ansatz wäre es, vermehrt auf Koope- rationen zwischen entwicklungspolitischen NGOs und Diaspora Organisationen zu setzen. Bei solchen Tandemprojekten könnten beide Seiten ihre Stärken einbringen. Die Projekterfahrung, Kapazität und internationale Vernetzung der ent- wicklungspolitischen NGOs könnte sich mit der politischen, kulturellen und sprachlichen Expertise der Diaspora Communities verbinden. Vor allem aber würde es zu einem Wissenstransfer zwi- schen den beiden Communities kommen, was zu einer kritischen Reflexion der entwicklungspoli- tischen Projekte und Initiativen führen sollte (13. September 2012).

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