Brigitte Reisenberger: Hunger auf dem Holzweg – Land Grabbing in Mosambik


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Mag.a Brigitte Reisenberger ist Kultur- und Sozialanthropologin und leitet das Programm "Zugang zu Land" bei FIAN Österreich, einer internationalen Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung.

Holzplantagen für Biomasseenergie sind weltweit ein stark boomender Sektor. Dieser Trend bedeutet zusätzlichen Druck  auf Land und Ernähr- ungssicherheit in den ärmsten Ländern und Gemeinschaften der Welt. Laut der FAO sind die Flächen von Planted Forest im globalen Süden von 1990 mit 95 Millionen Hektar auf 2012 153 Millionen Hektar gestiegen. Zwischen 2004 und 2009 wurden laut Weltbank in Mosambik 2,7 Millio- nen Hektar Land vergeben, etwa zu gleichen Teilen an ausländische und inländische Investoren.

Die ausländischen Unternehmen investierten zu 73% in die Holzwirt- schaft, gefolgt von 13 % in die Rohstoffproduktion für Agrartreibstoffe. Niassa, eine Provinz im Norden des Landes, ist besonders betroffen. Laut aktuellen Darstellungen haben sich dort sechs Firmen ein Gebiet von 550.000 Hektar Land gesichert. Eine dieser Firmen ist Chikweti Forests of Niassa, eine Tochter des schwedischen Global Solidarity Forest Fund (GSFF).

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Hinter GSFF stehen Investo- ren aus den Niederlanden, Schweden, Norwegen und anderen Ländern. Chikweti begann 2005 mit seinen Arbeiten und hat mittler- weile rund 45.000 Hektar Land in den Distrikten Lago, Lichinga und Sanga aufge- kauft. 13.000 Hektar wurden bereits mit Eukalyptus und Kiefern bepflanzt. Der ursprüngliche Wald musste den Holzplantagen Platz machen. Chikwetis Aktivitäten haben gravierende Auswirkungen auf die bäuerlichen Gemeinschaften in der Region, die zum Großteil familiäre Landwirtschaft betreiben. Viele haben den Zugang zu ihrem Ackerland verloren, denn auf dem Land, das sie zum Anbau ihrer Nahrungsmittel brauchen, wachsen jetzt Bäume. „Es betrifft jeden, aber vor allem Frauen“, berichtet Rita João Rezuane, eine Repräsentan- tin der Bauern. „Die Frauen erfüllen alle Arbeiten im Haushalt und auf den Feldern, sie sind verantwortlich für die Besorgung des Wassers und das Kochen. Die Plantagen sind von Zäunen umgeben, die den Men- schen keinen Zugang erlauben. Deshalb müssen die Frauen komplett um sie herum laufen, damit sie Feuerholz und in Zukunft auch Wasser sam- meln können. Sie müssen dann viel größere Distanzen zurücklegen.“

Beständige Jobs auf der Plantage: Fehlanzeige

Chikweti versprach neue Jobs, aber diese sind de facto rar, unsicher und schlecht bezahlt. Die Arbeit auf den Plantagen bietet daher keine alter- native Einkommensquelle. Des Weiteren wird der Baumanbau höchst- wahrscheinlich zu Wasserknappheit und Wasserverschmutzung führen. Schließlich sind die Projekte auch aus Umweltaspekten kritisch zu be- werten: sie führen zur Zerstörung von Ökosystemen und der Arten- vielfalt sowie zur Verschlechterung der Bodenqualität. Die großflächige Plantagenwirtschaft in Niassa hat große, negative Auswirkungen auf die Menschenrechte der lokalen Bevölkerung, und führt insbesondere zu Verletzungen des Rechts auf Nahrung und des Rechts auf Wasser. Eine Untersuchung der Regierung von Mosambik aus dem Jahr 2010 bestätig- te die Beschwerden der Bevölkerung. Es wurden dennoch keine angemessenen Maßnahmen getroffen.

Energie aus Biomasse: ein weiterer Grund für Land Grabbing?

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Mehr und mehr Regierungen schmieden Plänen für den Ausbau von Biomassekraft- werken zur Elektrizitätsge- winnung. Das beflügelt die Nachfrage nach Holzschnit- zel und Holzpellets. Italien, Japan, die Niederlande, Schweden und Großbritannien importieren bereits steigende Mengen. Es ist davon auszugehen, dass europäische Länder in Zukunft vermehrt auf Flächen im globalen Süden zusteuern werden, um ihr vermeintliches Biomassedefizit zu stopfen. Es wurden bereits einige Verträge unterzeichnet, die Holzschnitzelexporte nach Europa betreffen – indem man zum Beispiel alte Kautschukplantagen in Ghana oder Liberia wieder neu gepflanzt. Aber auch der Ausbau neuer Plantagen schreitet voran. Auch hier ist Afrika besonders attraktiv, einerseits wegen des Mythos des leeren Lands und auch wegen der vorteilhaften klimatischen Bedingungen. Die Wachstumsgeschwindig- keit der Holzplantagen und damit auch die finanziellen Gewinne sind   um einiges höher als in unseren Breitengraden.
Die Bioökonomie wird in Europa als ein Schlüsselelement für intelligen- tes und grünes Wachstum propagiert. Das Problem dabei ist, dass  die Umsetzung auf dem Rücken der Ärmsten durchgeführt wird, denn die Grundlage der Bioökonomie ist Ackerland. Viele Baumplantagen – wie auch jene in Mosambik – verfolgen verschiedenste ökonomische Akti- vitäten: Holzprodukte, Zellulose, Biomasseenergie oder auch Carbon Credits. Die VerliererInnen der daraus resultierenden Konflikte sind in vielen Fällen Bauern und Bäuerinnen, KleinfischerInnen, Indigene oder NomadInnen, die die Kontrolle über den Zugang zu Land, Wald oder Wasserquellen verlieren – so wie in Niassa in Mosambik.

Schweden trägt Verantwortung

In Mosambik ist Schweden in vielerlei Hinsicht in die Forstprogramme in Niassa involviert: So hat die schwedische Regierung die großflächigen Forstgebiete durch seine Entwicklungshilfeagentur SIDA mitfinanziert. Schweden ist Sitz des GSFF und einer seiner Investoren, der Diözese Västerås. Auch wenn die Hauptverantwortung der Verletzung des Rechts auf Nahrung beim mosambikanischen Staat liegt, steht Schweden in der Pflicht: Der Staat Schweden gehört zu den Unterzeichnern des Internationalen Abkommens für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Dadurch ist er an die Pflicht gebunden, Menschenrechte zu respektieren, zu fördern und zu garantieren. Das gilt insbesondere für das Recht auf Nahrung und Wasser. Diese Verpflichtung beinhaltet auch außerstaatliche Aufgaben. Demnach müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Menschenrechte in anderen Ländern zu respektieren und zu schützen. Die Regierung Schwedens hat die Baumplantagen in Mosambik gefördert und finanziert und hat bislang keine ausreichenden und wirkungsvollen Maßnahmen zur Regulierung des GSFF ergriffen. Im Oktober 2012 war eine Delegation aus Mosambik in Europa, unter anderem auch in Wien, um auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen und die Einhaltung der Menschenrechte einzumahnen.  „Es war gut, dass wir unsere Botschaft persönlich übermittelt haben“, sagt Júlio Dos Santos Pêssigo. Er ist Kleinbauer in Niassa und Mitglied der Delega- tion. „Es ist jetzt von äußerster Wichtigkeit, dass sich auch die Öffen- tlichkeit an die schwedischen Behörden wendet.“ Die von FIAN gestar- tete Briefaktion an die zuständigen schwedischen Behörden kann unter www.fian.at/niassa unterstützt werden. (12.12.2012)

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Weiterführende Links und Literaturverweis

Hintergrundinformationen von FIAN zu Land Grabbing

FIAN (2012): Study: The Human Rights Impacts of Tree Plantations in Niassa Province, Mozambique.

The European Union and the Global Land Grab

República de Moçambique/Ministério da Agricultura/Direcção Nacional de Terras e Florestas, 2010
Ministério da Agricultura/Direcção Nacional de Terras e Florestas, 2010