Katharina Muhr: Dramatisches Niveau der Jugendarbeitslosigkeit - Der europäischen Union droht eine "lost generation"


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Katharina Muhr ist Ökonomin und Politikwissen- schafterin in Wien. Sie studierte Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Wien und Buenos Aires. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind europäische Wirtschafts- politik und Arbeitsmarktpolitik. Sie ist Mitglied des Beirats für gesellschafts-, wirtschafts- und umwelt- politische Alternativen (BEIGEWUM).

Die weiterhin dramatische Lage für Jugendliche und junge Erwachsene am europäischen Arbeitsmarkt verdeutlicht sich an den aktuellen Ar- beitslosenzahlen. Die aktuellen Vergleichswerte vom September 2012 liegen für die EU 27 bei 22,8% und für den Euroraum bei 23,3%. Spanien und Griechenland melden sogar Werte von 54,2% bzw. 55,6%. Zum Vergleich: Im April 2008 lag der Wert für die EU 27 bei 15,1% und den Euroraum bei 15,2%. Es gab nur drei EU-Mitgliedstaaten die damals Werte von über 20% hatten: Spanien, Italien und Griechenland. Werden von der Politik keine entsprechenden Gegenmaßnahmen ergriffen, die zu einer Verbesserung der Integration junger Menschen in den Arbeits- markt führen, dann droht der EU tatsächlich eine „lost generation“    bzw. eine „abgehängte Generation“ (Die Zeit, 16. Mai 2012). Stefano Scarpetta (OECD) findet sehr deutliche Worte für die Gefahr, die der Europäischen Union derzeit droht „Wir kommen unserer gesellschaft- lichen Verantwortung nicht mehr nach. Werde nichts gegen die Situation unternommen steige die Gefahr von sozialen und politischen Unruhen massiv.“ (Die Zeit, 23. Oktober 2012). Auf individueller Ebene besteht für die Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen zudem die Gefahr, dass sie bei fehlender Anbindung an den Arbeitsmarkt auch im späteren Berufs- leben Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt haben werden. Besonders dra- matisch an der aktuellen Entwicklung ist, dass nicht nur Jugendliche bzw. junge Erwachsene mit niedrigem Qualifikationsniveau von Arbeits- losigkeit betroffen sind, sondern insbesondere in den „Staaten des Südens“ auch jene mit hohen Ausbildungsniveaus zunehmend Schwie- rigkeiten beim Finden einer entsprechenden Beschäftigung haben. Eine aktuelle Studie von EUROFOUND kommt zu dem Ergebnis, dass die Euro- päische Union im Jahr 2011 durch mangelnde Arbeitsmarktintegration junger Menschen bereits 153 Mrd. € eingebüßt hat. Das entspricht 1,2% des europäischen BIP (EUROFOUND 2012).

© Die Zeit
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Die Ursachen für das hohe Niveau bzw. die steigende Jugend- arbeitslosigkeit sind multidimensional. Die Jugend- arbeitslosigkeit reagiert generell sensi- bler auf den Konjunk- turzyklus als die Ar- beitslosenquote der Erwachsenen (Blanch- flower and Freeman 2000, Jemeneo und Rodriguez-Polenzil 2002, OECD, in: Dietrich 2012). Aus diesem Grund ist die Arbeitslosenquote für Ju- gendliche in den meisten EU Staaten doppelt so hoch wie die normale Arbeitslosenquote. Die mangelnde bzw. nicht den Jobanforderungen entsprechende Qualifikation ist ein weiteres Hindernis für die Integration der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt. Hinzu kommen die Effekte durch die Ausgestaltung der aktiven Arbeitsmarktpolitik, arbeitsrechtlicher Be- stimmungen und der nicht entsprechenden Ausgestaltung der  Bildungs- und Ausbildungssysteme auf individueller Ebene der Mitgliedstaaten.
 

Wie reagieren Jugendliche und junge Erwachsende auf die Arbeits- losigkeit?

Die 33-jährige Portugiesin Helena Gomes, die nach ihrem Studium der Veterinärmedizin in den USA gearbeitet hat und dann im nordportu- giesischen Braga ein Hostel eröffnet hat, überlegt auszuwandern. Zehntausende ihrer Generation haben Portugal bereits den Rücken gekehrt. Bevorzugte Zielländer sind wegen der gemeinsamen Sprache Ex-Kolonien wie Angola, Brasilien oder Mosambik (Der Standard, 4. Oktober 2012). Xavier Bernat Rodes aus Spanien hat lange in der boomenden Bauindustrie des Landes gut verdient, heute ist er über- schuldet und arbeitslos und fürchtet sich auf Dauer keine Arbeit mehr   zu finden (Die Zeit, 16. Mai 2012). Junge Menschen wie der Schulab- brecher Yassine aus der Pariser Banlieue, die Slowakin Nikoletta, die voller Hoffnung Kulturwissenschaft studiert hat oder Jessica aus Rom, die noch immer bei ihren Eltern wohnt. Jeder von ihnen hat seine Hoff- nung und Handicaps. Alle haben sie den Wunsch endlich anfangen zu können. Endlich ihr eigenes Leben zu beginnen (Die Zeit, 7. Juni 2012).

Doch wie hat die Europäische Union bisher auf diese Situation reagiert?

© Die Zeit
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Auch wenn aufgrund der Beson- derheiten der nationalen Arbeits- märkte und der Ausbildungs- systeme viele Initiativen auf Ebene der Mitgliedstaaten ge- setzt werden müssen, gibt es seit Dezember 2011 doch einen Anstieg der Aktivitäten auf europäischer Ebene um das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in den Griff zu bekom- men. Im Dezember 2011 hat die Europäische Kommission ihre Mitteilung „Chancen für die Jugend“ veröffentlicht, in der sie zu Sofortmaßnahmen gegen die europäische Jugendarbeitslosigkeit aufruft. – Im Laufe des Jahres 2012 wurde die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit - auch basierend auf einer österreichischen Initiative für eine europäische Jugendgarantie - verstärkt zu einem Thema der Treffen der europäi- schen Staats- und Regierungschefs. Die europäische Kommission wid- mete sich in ihrem im April veröffentlichten Beschäftigungspaket intensiv dem Thema Jugendarbeitslosigkeit und hat im  Dezember 2012 ein ambitioniertes  Jugendbeschäftigungspaket veröffentlicht. Ausgehend davon kam es zur Initiative der „Action Teams“ in den Mitgliedstaaten mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit. In einer Kooperation zwischen der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten wurden Mö- glichkeiten gesucht, die noch unverplanten Mittel des Europäischen Sozialfonds für Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit einzusetzen. Besonders hervorzuheben sind auch die Bemühungen zu einer Verankerung einer europäischen Jugendgarantie, die es ihnen ermöglichen soll wenige Monate nach Beendigung der Schulpflicht einen Arbeitsplatz oder einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz zu erhalten. Zudem wird versucht, das System der dualen Ausbildung, das ein wesentlicher Faktor für die relativ guten Jugendbeschäftigungszahlen u.a. in Österreich und Deutschland ist, in anderen Mitgliedstaaten zu implementieren. Die Mobilität der Jugendlichen bzw. jungen Erwachse- nen soll durch Initiativen wie „Your First EURES“ Job, mit dem Ziel einer verbesserten Nutzung des europäischen Jobportals EURES durch junge Menschen, erhöht werden. Auch an einem Qualitätsrahmen für Praktika und einer „Europäischen Ausbildungsallianz Ausbildungssysteme“ wird gearbeitet. – Doch sind diese Initiativen ausreichend, um eine nachhal- tige Verbesserung der Arbeitsmarktsituation für junge Menschen zu erzielen? Dies wird sich im Zuge der Umsetzung der geplanten Maß- nahmen zeigen.

Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen zeigen ein anderes Bild. Derzeit scheint noch eher das Bild von Europas abgehängter Generation zu- zutreffen. Gianni Rossas , der für Jugendliche zuständige Experte der ILO formuliert es folgendermaßen: „Wir befinden uns in einer Situation    in der es unseren Kindern schlechter geht als uns vor 20 Jahren. Wir bewegen uns rückwärts (Die Zeit 2012, 16. Mai 2012). Aus diesem Grund haben Forderungen nach intensiveren Anstrengungen zur Be- kämpfung der Jugendarbeitslosigkeit auf europäischer Ebene weiter-   hin ihre Berechtigung. (7.12.2012)

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