Teresa Schweiger: Cyberbullying in der gendersensiblen Bubenarbeit


© Severin Koller

Teresa Schweiger ist seit 2012 Büroleiterin von poika - Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit in Unterricht und Erziehung und als Trainerin tätig. Sie ist promovierte Linguistin und studierte in Wien, Salzburg, Budapest und New York.

Eine Veränderung in der gewaltpräventiven gendersensiblen Arbeit stellen heute die sogenannten neuen Medien dar, mit denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. Unter dem Begriff Cybermobbing oder Cyber- bullying werden systematische Belästigungen, Beleidigungen und Erniedrigungen von anderen mittels „neuer Medien“ verstanden. Bei dieser Form von Bullying handelt es sich um kein absolut neues Phä- nomen, verändert haben sich jedoch die technischen Möglichkeiten, die andere Formen der Gewalt ermöglichen und damit die Profile von Täter- Innen und Opfern verändern. Dabei handelt es sich beispielsweise um eine Veränderung der zeitlichen und räumlichen Dimension: Mobbing ohne Beschränkung der Uhrzeit, gleichzeitig stattfindende Beschimpfung am Handy, in sozialen Foren (Facebook, Chat Rooms) u.a., sowie eine ungleich größere Zeugenschaft des Akts. Auch verändert sich die Selbst- wahrnehmung der TäterInnen. Diese haben die Möglichkeit, scheinbar anonym zu agieren bzw. sich anonym zu fühlen. So können reale Täter- Innen unter verschiedenen Pseudonymen auftreten und etwa mehrere Accounts gleichzeitig benutzen.

Für das Opfer bedeuten diese Veränderungen einen massiven Kontroll- verlust, da Cyberbullying noch tiefer in die Privatsphäre eindringt als traditionelles Mobbing. Er oder sie hat kaum einen Schutzraum. Daher muss Cyberbullying als soziale Aggression in der gewaltpräventiven Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ausreichend behandelt werden.

© poika
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Gender sensible Arbeit mit Buben und männlichen Jugendlichen im Alter von 6-18 Jahren versucht mit Gewaltphänomenen im Internet differenziert umzugehen. Weder lassen sich verallgemeinernde Aussagen über das Täterverhalten von Buben im virtuellen Raum treffen, noch können Erkenntnisse aus der gewaltpräventiven Arbeit, die sich beispielsweise mit körperlicher Gewalt beschäftigt, eins zu eins übernommen werden. Gerade im Cyberspace scheinen sich die Profile von TäterInnen und Opfern auszudifferenzieren, ohne sich von der „realen“, von einem hierarchischen Geschlechterverhältnis strukturierten Welt völlig zu lösen.

Entscheidend für die gewaltpräventive Arbeit ist es, Cyberbullying nicht isoliert zu betrachten. Denn es gilt als relativ gesichert, dass TäterInnen im Internet auch zu einem sehr hohen Prozentsatz TäterInnen außer- halb des Netzes sind, und Personen, die Opfer von face-to-face-Bullying werden, auch häufig Opfer von Cyberbullying sind: „79% der Cybertäter treten auch als Schulbullies in Erscheinung“ (Katzer & Fetchenhauer 2007, zit. nach Work Package 4).

Was die Geschlechterverhältnisse betrifft, ist zu sagen, dass vergleich- ende Daten nach Art und Weise des Bullying sowie dem Medium nicht in ausreichendem Maße vorliegen, um genaue geschlechterspezifische Aussagen machen zu können. Studien ergeben ein unterschiedliches und teilweise auch widersprüchliches Bild (Vgl. für Europa “Work Pack- age 4: Transnational Comparative Analysis: The Situation in Europe”, EU-Projekt Cyber-Training 2008-2010 bzw. für die USA die Zusammen- fassung von Underwood & Rosen, 2011). So zeigt die Metaanalyse von Card et.al. (2008) keine nennenswerten Geschlechterdifferenzen, was die Ausübung von Cyberbullying als soziale Aggression betrifft. Demgegenüber merken Ortega et al. (2008) an, dass „trotz unterschied- licher Effekte, die mit Geschlecht in Verbindung stehen, geschlossen werden kann, dass mehr Mädchen Opfer von Cyberbullying sind als Burschen“. Hinudja & Patchin (2009) suggerieren, dass mehr Mädchen    in Cyberbullying involviert sind als in traditionelle Formen des Bullying.

© poika
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Klar scheint, dass physische Gewalt wie etwa in “Happy Slapping” (Filmen von Gewalt- angriffen und anschließendes Veröffentlichen des Gefilmten im Cyberspace) oder die Androhung körperlicher Gewalt unter Burschen verbreiteter ist als unter Mädchen. Trotzdem darf gewaltpräventive Arbeit mit Buben nicht Gefahr laufen, verbale bzw. mediale Formen des Bullyings als nicht-physische Gewalt zu trivialisieren. Gerade weil Cyberbullying zum großen Teil aus Verbalakten besteht, sind es auch Burschen, die z.B. über ge- ringe verbale Fähigkeiten verfügen, die Opfer von solchen Akten wer- den. Katzer (2007) schließt in einer der wenigen Risikostudien zum Thema, dass „Männlich-Sein“ in Verbindung mit anderen Parametern    wie etwa geringes Selbstbewusstsein, geringer schulischer Erfolg und Schwierigkeiten in der Familie zu einem hohen Risikofaktor zählt, Opfer von Cyberbullying in Chat-Rooms zu werden. Interessant ist, dass Katzer (2007) ein fast identes Profil für Cyberbullies entwirft. Hier muss die präventive Arbeit gleichermaßen ansetzen, Täter und Opfer-Werden zu verhindern, indem die Risikofaktoren vermindert werden.

Daher gilt es in der gendersensiblen gewaltpräventiven Arbeit neben dem Fokus auf Geschlecht auch andere (Risiko)faktoren wie soziale Herkunft, familiäre Verhältnisse oder Bildung mit einzubeziehen. Denn   all diese haben Einfluss darauf, zu welchen Ausdrucks- und Handlungs- möglichkeiten Buben und männliche Jugendliche finden. Hier muss insbe- sondere berücksichtigt werden, dass einige Gruppen verwundbarer sind als andere und zwar sowohl offline als auch online. (17.12.2012)

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Weiterführende Links und Literatur

www.poika.at

www.saferinternet.at

www.cybertraining-project.org

Card et al. (2008). Direct and indirect aggression during childhood and adolescence: A meta-analytic review of gender differences, intercorrelations and relations to maladjustment. Child Development, 79, 1185-1229.

Hinduja, S. & Patchin, J.W. (2009). Bullying beyond the schoolyard: Preventing and responding to cyberbullying. Thousand Oaks, CA: Sage Publications.

Underwood, M. K. & Rosen, L. H. (2011). Gender and Bullying: Moving Beyond Mean Differences to Consider Conceptions of Bullying. Processes by which Bullying Unfolds, and CyberBullying. In: Espelage D.L & Swearer, S.M. (Eds). Bullying in North American Schools. 2nd Edition. 13-23.

Katzer, C. (2007). Tatort Chatroom: Aggression, Psychoterror und sexuelle Belästigung im Internet. In: Innocence in Danger, Deutsche Sektion e.V. und Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V. (Hrsg.), Mit einem Klick zum nächsten Kick. Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace. Köln: mebes & noack. 11-27.

Ortega R., Calmaestra J. & Mora-Merchan, Q.A. (2008). Cyberbullying. International Journal of Psychology and Psychological Therapy, 8, 183-192.

Cyber Training Project 2008-2010. ProjektpartnerInnen: Zentrum für empirische pädagogische Forschung (zepf), Universität Koblenz-Landau (Deutschland), Infoart Plovdiv (Bulgarien), Fachbereich Entwicklungspsychologie und Bildungsforschung, Universität Sevilla (Spanien), Anti-Bullying Centre, School of Education, Trinity College Dublin (Irland), Fakultät Psychologie und Erziehungswissenschaften, Universität Coimbra (Portugal), University of Surrey (Großbritannien), Ynternet.org (Schweiz), BarneVakten – Kids and Media (Norwegen).Work Packages 4 & 5. Project N° 142237-LLP-1-2008-1-DE-LEONARDO-LMP.

Qing L. et al. (Eds.) 2012. Cyberbullying in the Global Playground: Research from International Perspectives. Chichester: Blackwell Publishing.

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