Mali: zwischen Militarisierung und traditioneller Dialogkultur

von Franz Schmidjell und Helene Trauner

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Franz Schmidjell studierte Handelswissen- schaften an der Wirtschaftsuniversität Wien, von 1996-2011 war er der Koordinator von Kulturen in Bewegung am VIDC und betreute Kultur-(austausch)projekte in und mit Afrika; seit 2011 ist er Afrika Referent am VIDC.


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Helene Trauner ist Projektkoordinatorin am VIDC und arbeitet zum Themenschwerpunkt Migration und Entwicklung. Sie studierte Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und arbeitete in EU Projekten zu politischer Partizipation von Flüchtlingen/MigrantInnen, Antidiskriminierung sowie zu den Themen Arbeitsmarkt und Chancengleichheit.

"Eine Militärintervention bedeutet auch immer ein Scheitern", kommentierte Souhayr Belhassen, Präsident der Fédération Internationale des Ligues des Droits de l'Homme (FIDH) den Beginn der französischen Luftangriffe auf Islamisten im Norden Malis. Zum einen versagte die politische Elite Malis unter Präsident Amadou Toumani Touré (ATT). Zum anderen wurde der Sahelstaat von regionalen Entwicklungen überrollt, die die internationale Staatengemeinschaft mit zu verantworten hat. Dabei könnte der Westen statt auf weitere Militarisierung auf die vielfältige Dialogkultur vor Ort setzen.

Der "War on Terror" im Sahel

Der vom ehemaligen US-Präsidenten George Bush ausgerufene "war on terror" hat auch in der Sahel Region zur Militarisierung beigetragen, ohne das Anwachsen von radikal islamistischen Gruppen zu verhindern. 600 Millionen Dollar stellt die US Administration zur Terrorbekämpfung in der Sahel Region bereit. Mit fragwürdigem Erfolg: Heute ist nicht nur die vorwiegend aus Algeriern und Mauretaniern bestehende AQMI (Al Kaida im islamischen Maghreb) aktiv, sondern es entstanden eine Reihe weiterer islamistischer Gruppen wie Ansar Dine und Mujao. An Geld scheint es den Dschihadisten nicht zu mangeln. Neben den Einnahmen aus Drogen-, Waffen- und Menschenhandel zählten die Entführungen von AusländerInnen zur wichtigsten Finanzierungsquelle. Laut der ehemaligen US Botschafterin in Mali, Vicki Huddleston, sollen die Entführer zwischen 2004 und 2011 89 Millionen Dollar an Lösegeldern kassiert haben (Kurier, 10. Februar 2013). Zudem scheint es einige Förderer in Katar bzw. Saudi Arabien zu geben.

Die Folgen des Libyen Krieges

Während die verschiedenen, meist salafistischen Gruppen die Sharia in der Region verankern wollen, verfolgt die laizistische MNLA (Mouvement National de la Libération de l'Azawad) das Ziel, einen unabhängigen Staat im Norden Malis zu errichten. Der libysche Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi vermittelte und finanzierte immer wieder Friedensgespräche. Die NATO Angriffe auf Libyen hatten für die Region katastrophale Folgen. Zum ersten kam Gaddafi als Vermittler abhanden. Zweitens zwang der Krieg in Libyen hunderttausende Tuareg und Angehörige anderer ethnischer Gruppen zur Flucht in ihre ehemaligen Heimatländer, wo es für sie keine Arbeit gab. Drittens setzten die NATO Angriffe ein großes Potential an "arbeitslosen" und gleichzeitig schwer bewaffneten Soldaten frei, unter ihnen viele Tuareg. Diese brachten beträchtliche Waffenarsenale mit.
Während der Eroberung Nordmalis durch die MNLA kam es zu temporären Allianzen mit den Islamisten. Doch die finanziellen Ressourcen der MNLA, die wohl auch am Menschen- und Drogenhandel beteiligt ist, gingen zur Neige. Die islamistische Gruppierung Ansar Dine soll MNLA Kämpfern bis zu 300 Dollar pro Monat geboten haben, damit diese überlaufen. Den Machthabern in Bamako wird vorgeworfen, das Auftreten der Islamisten anfangs durchaus mit Wohlwollen verfolgt zu haben, führte es doch zur Schwächung der MNLA.

Die EU Sahel Strategie

Auch Europa reagierte auf die Entwicklungen im Sahel. 2001 wurde die "Strategy for Security and Development in the Sahel" vom EAD (Europäischer Außenpolitischer Dienst) verabschiedet. Der EU Experte und Lehrbeauftragte an der Universität Wien und Salzburg, Stefan Brocza, sieht darin eine weitere Militarisierung der Entwicklungszusammenarbeit. Zwar werden  in der Strategie die Grundprobleme der Region wie extreme Armut, wiederkehrende Hungersnöte, fragile Regierungstätigkeiten oder innere Spannungen aufgelistet, doch als vorrangiges Ziel werden sicherheitspolitische Aspekte wie Terrorismusbekämpfung, die Abwehr der illegalen Einwanderung und Energiesicherheit genannt (iz3w Jän/Feb 2013). Für die Umsetzung dieser Ziele werden 650 Millionen Euro aus dem "Europäischen Entwicklungsfonds" (EEF) und dem "Instrument für Stabilität" (IfS) bereitgestellt.

Friedensarbeit und politischer Dialog

Im Dezember 2012 organisierte Burkina Faso's Präsident Blaise Compaoré Friedensgespräche zwischen der MNLA, Ansar Dine und der malischen Regierung in Ouagadougou. Zu weiteren geplanten Gesprächen im Jänner kam es nach dem Vormarsch der Islamisten und der französischen Militärintervention nicht mehr.


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Historische Ressentiments, starke soziale Gegensätze und Vertrauensverlust in den Staat sind tief in der Gesellschaft verwurzelt. Gleichzeitig jedoch verfügen Mali und Westafrika über eine vielfältige Dialogkultur. Auf lokaler Ebene gilt es, Formen der traditionellen Dialogkultur zu fördern. Ein Beispiel dafür ist die in Westafrika weit verbreitete Scherzbeziehung. In Mali wird sie 'senankuya' genannt, eine Beziehung zwischen ethnischen oder sozio-professionellen Gruppen, die sich in irgendeiner Weise "verwandt" ansehen. Diese Verbundenheit basiert oft auf mythischen oder historischen Tatsachen. Treffen sich zwei VertreterInnen solcher in einer Spaßbeziehung stehenden Gruppe, z.B. die Familien der Traoré und der Koné, dann gibt ihre Begegnung Anlass zu ausgelassenen Scherzen, die keine Tabus kennen, inklusive die Benennung des anderen als seinen Sklaven/ihre Sklavin oder "BohnenfresserIn". Sinn und Zweck dieser Beziehungen sind das Herstellen von gegenseitigem Vertrauen und Harmonie sowie das Akzeptieren von Unterschieden in der Gesellschaft.
In den westlichen Medien gehen jedoch alle zivilgesellschaftlichen Anstrengungen im Zuge der Krisenberichterstattung unter. Das Bündnis aus Oppositionellen, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Gruppen (COPAM - Coordination des Organisations Patriotiques du Mali) forderte bereits vor der französischen Intervention die Abhaltung der sogenannten "Concertations Nationales", eine Art große Nationalkonferenz aller gesellschaftlichen Gruppen in Mali mit dem Ziel, einen Fahrplan für den politischen Übergang und für die Lösung der Krise im Norden zu verabschieden, aber auch die Aufarbeitung der Korruption voranzutreiben (Wiedemann, 2012).
Einen weiteren Schlüssel zur Konfliktbewältigung stellt die Jugend dar. Sie braucht Zugang zu Bildung und  Wissen über landwirtschaftlichen Anbau, Handel und touristische Dienstleistungen. Viele lokale, junge Kämpfer liefen nicht aus Überzeugung zu den Dschihadisten über, sondern weil sie ihnen Geld angeboten hatten. Jugendliche im Norden waren und sind nicht nur Objekt islamistischer Rekrutierungspraktiken, sondern haben auch Widerstand gegen die Dschihadisten geleistet, welcher von der Regierung in keiner Weise dokumentiert wurde (Wiedemann, 2012).
Auch wenn die französische Intervention von großen Teilen der Bevölkerung willkommen geheißen wurde, stehen doch viele Intellektuelle und oppositionelle Gruppen dieser ambivalent gegenüber und suchen nach anderen Lösungsmodellen. So fordern zivilgesellschaftliche Basisinitiativen, dialogorientierte Lösungen der Krise und planen einen viertägigen Friedensmarsch (Marche Blanche) von Mopti nach Douentza. Mit anderen Worten, es gäbe genügend Anknüpfungspunkte für internationale Kooperationen abseits der militärischen Logik (1. März 2013).