Riskante Rückkehr

von Stephan Dünnwald

© Stephan Dünnwald

Der Ethnologe Stephan Dünnwald arbeitet am Centro de Estudos Africanos in Lissabon. In zwei Projekten forscht er zu Auswirkungen von Migration auf Herkunftsgesellschaften sowie den Effekten und Intersektionen von Global Flows in Westafrika. Weiters forschte er zu Rückkehrern in Mali, den Kapverden und Kosovo.

Rückkehr hat auch in Zeiten zunehmender Mobilität und Transnationalität nicht an Bedeutung verloren. Im Gegensatz zur Emigration, die in die Fremde führt und, insbesondere bei nicht autorisierter Migration von Afrika nach Europa, als riskantes Unterfangen eingeschätzt wird, werden die der Rückkehr innewohnenden Risiken häufig niedriger bewertet, ja fast vernachlässigt. Dies hat sicherlich mit dem Gegensatz zu tun, dass ein Aufbruch in die Fremde mit Ungewissheit, die Rückkehr jedoch als Ankunft im sicheren Heimathafen betrachtet wird.
In Mali wird die Migration  als „aventure“ bezeichnet und oft als Teil der Transition vom Jugendlichen zum Mann betrachtet. Was nach dem Abschluss der Migration und der Ankunft zu Hause passiert, ist dagegen unbedeutend. Allerdings wird in zunehmendem Maße von malischen Migranten erwartet, dass sie erfolgreich sind und neben Erfahrung auch Wohlstand mitbringen. Hier hat sich, akzentuiert durch das Wohlstandsgefälle zwischen Afrika und Europa, in Mali eine Erwartungshaltung durchgesetzt, durch Migration am Wohlstand des Westens teilhaben zu können und auch die Familie teilhaben zu lassen. Obwohl Migration in Mali zu gut 90% in der Region stattfindet, setzte die Migration nach Europa und ihre Imagination den Maßstab.


© Stephan Dünnwald

Dieses Modell hat so lange gut funktioniert, wie afrikanische Migranten in Europa gebraucht wurden. Der erfolgreiche Migrant, der reich an Geld und Erfahrungen zurückkehrt und seiner Familie Ehre bereitet, wurde in vielen malischen Liedern besungen. Schon in den 1970er Jahren aber wurde der Bedarf Europas an billiger Arbeitskraft geringer, Visa wurden eingeführt, und sukzessive Verschärfungen des Aufenthaltsrechts und der Grenzkontrollen, Ausweitung von Abschiebungen, und die Auslagerung der europäischen Migrationskontrollen auf den Maghrebraum haben eine Migration fast unmöglich gemacht.
Nicht nur die Migration, auch die Rückkehr hat damit an Risiken gewonnen. Während schon seit Mitte der 1990er Jahre die Zahl der vor allem aus Frankreich abgeschobenen Malier zugenommen hatte, addierte sich dazu seit etwa 2005 noch eine erheblich größere Zahl derjenigen Migranten, die an marokkanischen, mauretanischen oder libyschen Küsten aufgehalten und durch die Wüste an die malischen Grenzen deportiert wurden. Der erfolgreiche Migrant blieb weiterhin das Ideal, doch in der Realität gesellte sich ihm der gescheiterte Migrant hinzu. Häufig fürchteten sich die Abgeschobenen aus Angst vor Spott und Verachtung in ihr Dorf, zu ihrer Familie zurückzukehren. Viele blieben in den Städten, unsicher, ob sie es noch einmal wagen sollten zu migrieren. Während Erfolg den Migranten einen Platz in der Gesellschaft sichert, individuiert das Scheitern und führt zu einer Randposition, häufig zum Ausschluss.
Mit der Schließung der Grenzen wurde auch die Rückkehr zum Instrument der europäischen Migrationspolitik. Neben die Abschiebung trat das Modell der geförderten Rückkehr, das auf diejenigen Migrant_innen abzielt, deren Aufenthalt nicht gesichert ist. Diese sogenannte „freiwillige“ Rückkehr ist deshalb eher eine angeordnete, mit der Androhung der Abschiebung unterfüttert. Teils von Aufnahmeländern, teils von Organisationen wie der Internationalen Organisation für Migration (IOM) durchgeführt, umfassen Rückkehrprogramme meist Beratung, die Übernahme der Flugkosten und eine meist kleine Summe nach der Rückkehr, gedacht als Unterstützung zur Reintegration und bisweilen auch in Sachleistungen vergeben. Im letzten Jahrzehnt hat sich zu dieser Figur des Rückkehrers eine weitere gesellt: im Rahmen gestiegenen Interesses am Beitrag von Migrant_innen an der Entwicklung ihres Herkunkftslandes rückte neben den Rücküberweisungen auch die Rückkehr in den Fokus. Verschiedene Programme sollten die Migrant_innen und ihr Geld in entwicklungsfördernde Bahnen lenken. Bezüglich Mali ist es vor allem das französische Modell des codéveloppement, das Migrant_innen bei der Rückkehr und Investitition in Projekte berät, und ausgewählte Projekte auch finanziell unterstützt.


© Stephan Dünnwald

Es war dem Erfolg dieses Modells aber nicht zuträglich, dass in Frankreich sowohl die angeordnete Rückkehr als auch die Förderung von freiwilligen Rückkehrer_innen im gleichen Programm zusammengefasst wurden. Innenpolitisch motivierte Migrationssteuerung und außen- bzw. entwicklungspolitisches Förderinteresse harmonieren nicht. Unter der malischen Diaspora in Frankreich sorgte diese Verbindung für Mißtrauen, auch gegenüber potentiell positiven Elementen des Programms. Verhältnismäßig wenige geförderte Projekte stehen im Gegensatz zu einem euphemistischen politischen Diskurs. Und schließlich nimmt die Unterstützung auch nicht das Risiko. Schon 2004 stellte eine Studie (Ndione & Lombard) fest, dass geförderte Projekte keineswegs besser abschneiden als von Rückkehrer_innen eigenständig organisierte Geschäftsgründungen. So übersieht die Verbindung von Migrationskontrolle und Entwicklungsförderung, dass insbesondere die Bereitschaft und das Vorbereitetsein zur Rückkehr ausschlaggebend für eine erfolgreiche Rückkehr sind. Wer administrativ zur Rückkehr gedrängt wird, läßt in der Regel beides vermissen. Während sich das codéveloppement erfolgreiche Projekte zugutehält, weist man bei gescheiterten Rückkehrer_innen von sich, für deren Reintegration verantwortlich zu sein. Das Risiko verbleibt wieder bei dem/der Rückkehrer_in. Eine Bestandsaufnahme der unter Migration und Entwicklung gefassten Projekte muss beim Monitoring und bei den Risiken der Rückkehr ansetzen, um zu einer realistischeren Wahrnehmung zu gelangen. (14. Juni 2013)

Anmerkung des Autors: Weil es sich bei der breiten transkontinentalen Migration in Mali fast ausschließlich um junge Männer handelt und sich auch die Rollenerwartungen auf sie beziehen, benutze ich entsprechend auch die männliche Form. Die transkontinentale Migration von Frauen vollzieht sich meist im Rahmen von Heiratsstrategien. Lediglich in den oberen Schichten gleichen sich die Migrationsmuster an (14. Juni 2013).

Weiterführende Literatur

Dougnon, Isaie (2012): Migration as coping with Risk: African Migrants’ Conception of Being far from Home and States’ Policy of Barriers. In: Abdoulaye Kane & Todd H. Leedy (Eds.), African Migrations: Patterns and Perspectives (pp. 35-58): Indiana University Press.

Dünnwald, Stephan (2010): Politiken der 'freiwilligen' Rückführung. In: Sabine Hess & Bernd Kasparek (Eds.), Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa (pp. 179-200). Berlin Hamburg: Assoziation A.

Cassarino, Jean-Pierre (2008): Conditions of Modern Return Migrants: Editorial Introduction. International Journal on Multicultural Societies (IJMS) UNESCO, 10(2), 95-106.

Ndione, B., Lombard, J. (2004) 'Diagnostic des projets de réinsertion économique des migrants de retour: étude de cas au Mali (Bamako, Kayes)'. Revue européenne des migrations internationales 20:169-95.

Markowitz, Fran /Anders H. Stefansson (2004) : Homecomings: Unsettling Paths of Return Lexington Books, Lanham.

Buchempfehlung

Abdoulaye Kane & Todd H. Leedy (Eds.), African Migrations: Patterns and Perspectives, 2012.