Feministische Korrekturen im Gezi Park - Unterschiede und gemeinsame Ziele

von Ayşe Dursun

© Ayse Dursun

Ayşe Dursun ist Projektmitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Politik- wissenschaft der Universität Wien. Sie forscht zum Thema soziale Bewegungen mit Fokus auf die Protagonistinnen der islamischen Bewegung in der Türkei. 2013 veranstaltete sie ein Seminar zum islamischen Feminismus.

Der Widerstand einer kleinen Gruppe von Umweltaktivist_innen gegen den geplanten Abriss des Gezi Parks in Taksim, Istanbul Ende Mai diesen Jahres entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem Massenprotest gegen die Regierung. Die unversöhnliche Haltung der Regierung, Polizeigewalt und Medienzensur trugen dazu bei, dass sich eine zunehmende Anzahl von politischen Gruppen und vormals nicht organisierte Individuen der Parkbesetzung angeschlossen haben. Mit der Anzahl stieg auch die Heterogenität innerhalb der Protestierenden und ging über eine reine linke Koalition hinaus. Neben den Feminist_innen, Sozialist_innen und Umweltaktivist_innen, wurden islamische und nationalistische Gruppen als auch Fußballfans zu Protagonist_innen der Besetzung.


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Das Zusammentreffen dieser und weiterer politischer, ethnischer und religiöser Gruppen stellte einen einzigartigen Oppositionsblock dar, dessen politische Inhalte und Formen nicht vorgefertigt waren, sondern erst während des Widerstandes verhandelt und formuliert werden mussten. Einige ursprüngliche Botschaften wie etwa die Verdammung der Polizeigewalt und Medienzensur als auch die Ablehnung der Kommerzialisierung dieser grünen, öffentlichen Fläche dienten als Motor für die Massenmobilisierung. Während der Besetzung im Juni haben sich die Grundannahmen, Problemstellungen und Lösungsvorschläge innerhalb der Bewegung vervielfältigt. Durch neue Inhalte entstanden wiederum neue Formen der Opposition. Als Beispiel können hier die autonomen Feminist_innen und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual) Aktivist_innen angeführt werden. Ihre Kritik an dem patriarchalischen, heterosexistischen Staat und seinen Allianzen in der Privatwirtschaft, welche durch Arbeitsverteilung, Einkommensdiskrepanz und propagierte Idealvorstellungen diese Strukturen konsolidieren, ist eine etablierte. Gezi Park bot den Feminist_innen und LGBT-AktivistInnen einen neuen Raum und Möglichkeit an, ihre Anliegen im Rahmen des größeren Protestes durch neue Protestformen sichtbar zu machen. Sie nutzten diese Gelegenheit, um den breiteren Gezi-Prozess zu gendern. 
Anfang Juni organisierte sich eine Gruppe von Frauen, um eine kollektive Stellungnahme zu den sexistischen Schimpfwörtern und Ausdrücken mancher Protestierender gegenüber den politischen Verantwortlichen und Streitkräften abzugeben. Diese Frauengruppe übermalte frauenfeindliche und homophobe Slogans auf den Wänden mit feministischen Parolen oder auch mit einfachen Blumen. Das Sozialistisch-Feministische Kollektiv, ein zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss sozialistischer Feminist_innen, veranstaltete am 8. Juni ein „Schimpfwörter-Atelier“ in dem feministischen Zelt im Gezi Park, mit dem Ziel nicht-sexistische Alternativen zu den Mainstream-Schimpfwörtern zu entwerfen. Aufkleber mit den Slogans „Beschimpfe nicht die Frau, die Schwuchtel und die Hure“ zirkulierten im Park. Das Kollektiv warnte vor der Aneignung maskuliner Denkmuster und sexistischen Vokabulars. Feminist_innen weigerten sich darüber hinaus aufgezwungene, gender-basierte Arbeitsaufträge im Sanitär- und Küchenbereich im Park zu übernehmen. Die Feminist_innen halfen den Muslim_innen, den Angriff einiger weniger Gezi-Park-Protestierender auf eine kopftuchtragende Frau zu skandalisieren und verhinderten in diesem Falle die Reproduktion der gängigen Binarität „säkular versus religiös“. Beide Aktionen wurden von Feminist_innen als unterschiedliche Manifestationen des gleichen Gender-Regimes verstanden.


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Während diese Aktionen als wichtiges Korrektiv zu den vorbelasteten Inhalten und Praktiken (auch wenn nur vereinzelt vorhanden im Park) fungierten, profitierten die Feminist_innen und LGBT-Aktivist_innen gleichzeitig von der überwiegend demokratischen Atmosphäre innerhalb der Protestbewegung. Die 21. Pride Parade am 30. Juni unter dem Motto „Widerstand“ war bis jetzt die größte LGBT-Parade in der Türkei. Eine Feministin beschreibt die bisherigen Verdienste der Protestbewegung folgendermaßen:
„Während des Widerstandes haben wir Menschen, die wir normalerweise nicht so einfach überzeugen könnten, in kurzer Zeit überzeugt. Menschen fingen an, mit sexistischen Schimpfwörtern kontrollierter umzugehen. Ein Grund, warum die Teilnahme an der diesjährigen Trans Pride Parade so groß war, ist dieser Lern- und Kennenlernprozess im Gezi-Park.“
Durch ihre Doppelkritik - einerseits nach außen (gegenüber den Staat) und andererseits nach innen (gegenüber manchen Praktiken innerhalb des Parks) - halfen die Feminsit_innen und die LGBT-Aktivist_innen, die Protestbewegung auf der richtigen Schiene zu halten und eine mögliche Entwicklung zu einem patriarchischen, zivilgesellschaftlichen Machtblock zu verhindern. Das zukünftige emanzipatorische Potenzial der Gezi-Bewegung hängt, so kann man sagen, unter anderem von den Inputs und Korrekturen kritischer, politischer Gruppen ab. Es war zum Beispiel politisch höchstbedeutend, dass der Parole „Wir sind die Soldaten von Mustafa Kemal“ der Nationalist_innen im Park seitens der Anti-Militarist_innen die viel lautere Parole „Wir werden nicht töten, wir werden nicht sterben; wir sind niemands Soldaten“ entgegen gehalten wurde.
Die Zukunft und Erfolge der Bewegung werden zusätzlich von dem Verhalten des autoritären Staates und seiner Allianzen mitbestimmt. Das wiederum verlangt ein besseres Verständnis des Staatsgefüges. Dafür muss das Entdecken der Gemeinsamkeiten über die liberale Rhetorik hinausgehen. Um gemeinsame Ziele formulieren zu können, müssen gemeinsame Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen identifiziert und überwunden werden. (19. September 2013)

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