Antiziganismus in Österreich

von Andrea Härle und Ferdinand Koller

© Andrea Härle

Mag.a Andrea Härle studierte europäische Ethnologie in Wien. Von 2006-2007 war sie Modulleiterin im Equal-Projekt Thara. Seit 2007 ist sie Geschäftsführerin des Romano Centro und arbeitet derzeit v.a. an der Ausstellung „Romane Thana - Orte der Roma“ in Kooperation mit der Initiative Minderheiten, die im Februar 2015 im Wien Museum und 2016 im Burgenländischen Landesmuseum gezeigt wird.


© Ferdinand Koller

Mag. Ferdinand Koller MA studierte katholische Theologie in Wien und Menschenrechte in Budapest und Venedig. Seit 2011 ist er pädagogischer Leiter im Romano Centro und verantwortlicher Redakteur des Antiziganismus-Berichtes. Das Romano Centro bietet Lernhilfe für Roma-Kinder und Roma-Schulmediation in Wien an.

„Antiziganismus“ bezeichnet Rassismus gegen Personen, die als „Zigeuner“ bzw. „Zigeunerinnen“ fremdidentifiziert werden. Wesentliche Elemente des Antiziganismus sind folgende stereotype Zuschreibungen: 1. mangelnde Identität (kein Vater- oder Mutterland, keine eigene Religion), 2.  „parasitäre“ Lebensweise (betteln, stehlen, handeln) und 3. Leidenschaft, Wildheit, Disziplinlosigkeit. Zusammengefasst unterstellen diese Komponenten einen grundsätzlichen Mangel an Integrationsbereitschaft wie -fähigkeit (Definition laut Markus End).
Viele Menschen meinen etwas über Roma und Sinti zu „wissen“, kennen aber nur rassistische Stereotype (z.B. „die kennen kein Privateigentum“, „Bildung hat bei Roma-Familien keinen hohen Stellenwert“). Wir müssen davon ausgehen, dass Antiziganismus die Regel ist, nicht die Ausnahme.


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Romano Centro beschäftigt sich seit seiner Gründung 1991 auch mit Roma-Feindlichkeit und Antiziganismus. Aufklärung über und Kampf gegen Rassismus gegen Roma ist Teil des Vereinsprogramms. Im Dezember 2013 haben wir mit Unterstützung anderer Organisationen erstmals eine Dokumentation antiziganistischer Vorfälle herausgegeben (siehe Literaturempfehlung). Die hier dokumentierten 82 Fälle lassen sich den Bereichen Medien, Politik, Zugang zu Dienstleistungen und Gütern sowie Internet/Cyber Hate zuordnen und liegen maximal fünf Jahre zurück. Sie zeigen in vielen Bereichen vermutlich nur einen Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert ist. Dies trifft insbesondere auf jene Fälle rassistischer Diskriminierung zu, bei denen Personen direkt betroffen sind, etwa beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, am Arbeitsmarkt oder in der Schule. Diese Vorfälle können nur dann erfasst werden, wenn sie von Betroffenen oder Zeug_innen gemeldet und in der Folge dokumentiert werden. Antiziganismus in der Öffentlichkeit, in Politik, Medien und Internet lässt sich vergleichsweise leicht recherchieren, da hier Protokolle, Medienberichte und Internetseiten zur Verfügung stehen. Der Bereich Internet sprengt jedoch die Kapazität einer kleinen Redaktion: Es gibt tausende Postings mit antiziganistischem Inhalt, deren Dokumentation Bücher füllen würde. Die Fallzahlen in den einzelnen Bereichen dieses Berichts lassen deshalb keine Schlüsse darüber zu, in welchen Bereichen Antiziganismus besonders häufig ist.
Roma/Romnja und Sinti/Sintize sind in Österreich tagtäglich von Diskriminierung betroffen, seien es Beleidigungen, Benachteiligungen oder seltener gewalttätige Übergriffe. Antiziganistische Stereotype sind in Österreich weit verbreitet; es gibt in der Bevölkerung, in öffentlichen Einrichtungen, in Politik und Medien wenig Sensibilität für diese Form des Rassismus. Wie schnell es jedoch auch hier zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt, hat ein Vorfall im September 2013 in Bischofshofen gezeigt: Junge Menschen hetzen sich im Internet gegen eine Gruppe durchreisender Roma auf und gehen unmittelbar zum tätlichen Angriff über. Glücklicherweise konnte die Polizei rechtzeitig einschreiten und die Roma schützen.


© Andrea Härle

Romano Centro plant, in Zukunft regelmäßig alle zwei Jahre eine Dokumentation antiziganistischer Vorfälle in Österreich zu publizieren. Anlass gibt es leider weiterhin genug, wie ein schwerwiegender Fall im Medienbereich zeigt. Die Geschichte beginnt mit einer Fotoreportage mit dem Titel „Die reichen Roma“, welche im September 2012 in der deutschen Ausgabe des National Geographic erschienen ist. Die Reportage zeigt das Leben einer wohlhabenden Roma-Community in der rumänischen Stadt Buzescu, wo sich viele Familien prächtige Häuser gebaut und teure Autos geleistet haben. Reich geworden sind die Kalderaš-Familien mit dem Metallhandel und der Herstellung von Destillierapparaten, von kriminellen Aktivitäten oder Bettelei ist nicht die Rede. Ivan Kashinsky und Karla Gachet, die Fotograf_innen des Beitrags sagen über ihre Recherche: „Wir wollten das Bild von Roma in Frage stellen, die auf den Straßen bei stehenbleibenden Autos betteln, stehlen, was immer sie in die Finger bekommen und in absoluter Armut leben“. (New York Times – Lens, 4 April 2013)
Interessant ist, was die Kronen-Zeitung in Österreich daraus machte. Am 20.01.2014 erschien in der Salzburg-Ausgabe ein Artikel mit dem Titel „Villen in Rumänien, mieses Geschäft in unserer Stadt“. Der Untertitel zeigt, worum es der Krone geht: „US-Magazin deckt Masche von Bettler-Hintermännern“ auf. Was folgt verstößt gegen jeden journalistischen Ehrenkodex: Die Krone erfindet zu den Bildern von National Geographic eine andere Geschichte. Der Artikel beginnt mit der Recherche der „Reporter der deutschen Ausgabe der renommierten National Geographic“, die in Rumänien auf „prunkvolle Villen“ gestoßen seien. Doch sofort wird manipuliert: Die Besitzer wären „Roma-Clans“, die „Menschen zum Betteln ins reiche Westeuropa schicken“. Am 31.1. erschien ein fast identischer Artikel in der Krone Steiermark, ein ähnlicher Artikel fand sich am 22.1. in der Oberösterreich-Ausgabe.
Romano Centro erstattete eine Meldung beim Österreichischen Presserat, die Entscheidung soll Ende März veröffentlicht werden (27. März 2014).

Weiterführende Literatur und Links

Romano Centro Website

Kings of the Roma, the New York Times - Lens, by Jesse Newman, 4. April 2013. New York City.

Fundamental Rights Agency (2012) Die Situation der Roma in 11 EU-Mitgliedstaaten – Umfrageergebnisse auf einen Blick. UNDP, EC. Luxembourg.


Kurz-Bericht der FRA

Seniorenbund-Kalender: 'Roma und Sinti sind skrupellos'. Die Presse. Wien.

Die reichen Roma, in: National Geographic, deutsche Ausgabe, September 2012, p. 68-83, Text: Tom O’Neill, Fotos: Karla Gachet und Ivan Kashinsky.

End, Markus; Herold, Kathrin; Robel, Yvonne (2009) Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments. Münster.

Bartels, Alexandra; von Borcke, Tobias; End, Markus; Friedrich, Anna (2013) Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse. Münster.

Bogdal, Klaus- Michael (2011) Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Berlin.

Uerlings, Herbert / Patrut Iulia-Karin (2008) „Zigeuner“ und Nation: Repräsentation – Inklusion – Exklusion. Frankfurt am Main.