Wer baut das Guggenheim Abu Dhabi?

von Natascha Sadr Haghighian

Natascha Sadr Haghighian ist Mitglied der Kernarbeitsgruppe der Gulf Labor  Koalition. Ihre eigene künstlerische Praxis ist recherche-basiert und beinhaltet die Arbeit mit einer Vielfalt an Formen und Medien. Unter anderem beschäftigt sie sich mit den sozialen und politischen Implikationen der Produktionsverhältnisse in der Kunst. Die Ergebnisse ihrer Recherchen teilt sie in Form von Installationen, Video und Text.

Auf einer einst unbewohnten Sandbank vor der Küste von Abu Dhabi entstehen zur Zeit Satelliteninstitutionen des Louvre, des Guggenheim Museums und ein Campus der New York University als ambitionierte Prestigeobjekte von Saadiyat Island – übersetzt Insel des Glücks – eines 27 Milliarden Luxus-Projekts auf eben dieser Sandbank. Für die Umsetzung des Projekts, das außer den genannten kulturellen Leuchttürmen unter anderem zwei Golfplätze, drei Yachthäfen, mehrere Einkaufszentren sowie Luxusimmobilien und 29 Hotels inklusive eines "Sieben Sterne"-Resorts beherbergen wird, wurden internationale Stararchitekten wie Frank Gehry, Jean Nouvel und Zaha Hadid gewonnen.


© Human Rights Watch

Ein Bericht von Human Rights Watch im Jahre 2009 und eine darauf folgende Untersuchung legten offen, dass die Infrastruktur auf Saadiyat Island zu fast 90 Prozent von männlichen Arbeitsmigranten gebaut wird, die einem speziellen System   unterstehen, das für ausländische Arbeitnehmer in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zur Anwendung kommt. Es beinhaltet, dass die Arbeiter für mindestens 2 Jahre an ihre/n Arbeitgeber_in gebunden sind. In dieser Zeit dürfen sie das Land nicht verlassen und in vielen Fällen wird auch ihr Pass konfisziert. Viele der jungen Männer die aus Pakistan, Indien und Bangladesch rekrutiert werden, sind schon bei Vertragsbeginn hoch verschuldet durch die Rekrutierungs- und Umsiedlungsgebühren, die sie an die Vermittlungsagenturen zahlen müssen und für die sie nicht selten Haus und Hof verpfänden. Zusätzlich werden sie oft falsch informiert über die Lohnhöhe und andere Vertragsbedingungen. Bei Rekrutierungsgebühren von 1.000 - 3.900 US$ und Monatslöhnen von 177 - 245 US$ dauert die Rückzahlung durchschnittlich 2 Jahre – genau die Dauer eines VAE Arbeitsvisums. Obwohl es in den VAE gesetzliche Regelungen für die Übernahme der Umsiedlungs- und Visakosten durch die Baufirmen gibt, werden diese in den seltensten Fällen befolgt.
Als Reaktion auf den Human Rights Watch Bericht gründete sich 2010 Gulf Labor, eine Koalition von Künstler_innen, Autor_innen, Kurator_innen und Anderen, die sich dafür einsetzt, dass internationale Arbeits- und Menschenrechte während des Baus und der Instandhaltung der kulturellen Institutionen auf Saadiyat Island in Abu Dhabi eingehalten werden. Nachdem eine Reihe von Gesprächen mit der Guggenheim Stiftung ergebnislos blieben, initiierte Gulf Labor einen Künster_innen-Boykott. Der Boykott wurde von 43 Erstunterzeichner_innen und inzwischen über 2.000 weiteren Personen unterstützt. Er bezieht sich auf den Ankauf für die Sammlung des Museums in Abu Dhabi, sowie die Beteiligung an Ausstellungen oder anderweitige Zusammenarbeit. Die Hauptforderungen von Gulf Labor sind der Schutz der Arbeiter vor 1. den Rekrutierungs- und Umsiedlungsgebühren, 2. vor Konfiszierung ihrer Pässe, 3. vor ungenügender und unsicherer Unterbringung und menschenrechtsverletzenden Lebensbedingungen, 4. vor der Unmöglichkeit die/den Arbeitgeber_in zu wechseln oder sich gewerkschaftlich zu organisieren, 5. vor Sanktionen und Bestrafung bei Bericht von Missbrauch oder Problemen, 6. vor Unterbezahlung. Für die Umsetzung forderte Gulf Labor das Einsetzen einer unabhängigen Beobachter_innen-Organisation.
Die Aktivitäten von Gulf Labor führten 2011 schließlich dazu, dass das Tourismus, Entwicklung und Investition Unternehmen (TDIC) in Abu Dhabi, das für die Konstruktion des Gebäudes verantwortlich ist, die Firma PricewaterhouseCoopers als Monitor einsetzte, um die Arbeitsbedingungen zu überwachen. Gulf Labor stellt jedoch die Unabhängigkeit dieser beobachtenden Instanz infrage, da PricewaterhouseCoopers durch ihre intensiven Geschäftsbeziehungen zum Golfstaat auf das Wohlwollen der emiratischen Behörden angewiesen ist.


© Gulf Labor

Im März 2014 besuchten Mitglieder von Gulf Labor selbst verschiedene Unterkünfte auf Saadiyat Island, um mit den Arbeitern zu sprechen. Der umfassende Bericht, der daraus resultierte, zeigt unter anderem auf, dass von fast allen Arbeitern Rekrutierungsgebühren bezahlt wurden und er machte deutlich, dass durch Verschuldung und Immobilität durch Passentzug und Unterbringung im isolierten Saadiyat Accomodation Village, ein höchst abhängiges Arbeitsverhältnis entsteht, das vielleicht mit dem überkommenen Begriff der Fronarbeit zu bezeichnen wäre.
Während der Protest gegen die Arbeitsbedingungen eine immer breitere Öffentlichkeit erreichte und auch in den Medien hohe Wellen schlug, gab es wenig Bewegung bei den verantwortlichen Institutionen, die Zustände auf Saadiyat Island grundsätzlich zu verändern. Die Verantwortung wird von der Leitung des Guggenheims zu der Geschäftsführung von TDIC hin und her geschoben. Das Guggenheim Museum, das von Abu Dhabi beträchtliche Summen für die Verwendung seines Namens erhält, zeigt sich betroffen, habe jedoch laut der Direktion keine Beeinflussungs- und Steuerungsmöglichkeiten. Betroffen ist die Leitung vor allem von der Medienwirksamkeit des Protests, der sich neuerdings ausweitete, unter anderem in Form der "52 Weeks" Kampagne, die im Oktober 2013 gestartet wurde. Im Rahmen dieser Kampagne werden ein Jahr lang wöchentlich wechselnde Künstler_innen Stellung nehmen oder durch die 2014 gegründete Aktionsgruppe Global Ultra Luxury Faction (G.U.L.F.), die im Sommer mit mehreren Aktionen im Guggenheim Museum in New York City Aufmerksamkeit erregte. Während des Eröffnungswochenendes der Ausstellung „Italian Futurism“ entfaltete die Gruppe Banner und warf Flugblätter in die mit Besucher_innen gefüllte Rotunde, während sie in wiederholten Sprechchören die Frage stellten: "Wer baut das Guggenheim Abu Dhabi?"
Die Gulf Labor Koalition sieht die Ausbeutung auf Saadiyat Island oder in den VAE nicht als einzigartiges Phänomen, sondern als Teil globaler Kämpfe und stellt die Frage nach den Arbeitsbedingungen auf Abu Dhabi daher in einen globalen Zusammenhang. Die Kämpfe um Menschenrechte, faire Löhne, menschenwürdige Lebensbedingungen und das Recht sich zu organisieren gelten weltweit und beschränken sich natürlich nicht auf die Golfstaaten. Gulf Labor hat seine Aktivitäten nur deshalb auf den Bau dieser kulturellen Institutionen beschränkt, weil die Koalition glaubt dort am effektivsten wirksam sein zu können und die Frage stellen möchte, was es eigentlich bedeutet ein Museum oder eine Universität zu globalisieren (17. September 2014).