Sexarbeit in Österreich: stigmatisiert, reguliert und kontrolliert

von Helga Amesberger

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Helga Amesberger, Sozialwissenschafterin, arbeitet als Forscherin am Institut für Konfliktforschung in Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Rassismus, Nationalsozialismus und Holocaust, Gewalt gegen Frauen und Prostitutionspolitik. Sie ist Mitglied der österreichischen “Arbeitsgruppe Länderkompetenzen Prostitution” des Ministeriums für Bildung und Frauen sowie des EU-COST-Forschungsnetzwerkes zur Prostitutionspolitik.

Meine im November 2014 veröffentliche Publikation „Sexarbeit in Österreich“ fokussiert auf die Arbeitsbedingungen und Erfahrungen von Sexarbeiter_innen im Spannungsfeld von Migration, Stigmatisierung und politisch-administrativer Interventionen. Zwei wesentliche Schlussfolgerungen lassen sich aus der Analyse der zahlreichen Gespräche mit Sexarbeiter_innen (82) und informierten Außenstehenden (29) aus den Bereichen der Sozialarbeit, Verwaltung, Exekutive und Politik ziehen. Erstens: der Bereich der Sexarbeit ist auffallend politikresistent und in besonderem Maße von moralischen und pragmatischen Überlegungen geformt. Exogene Einflüsse wie Arbeitsmigration und Entwicklungen der Kommunikationstechnologien minimieren die Gestaltungskraft von Prostitutionspolitik ebenso wie die Strukturen eines Wirtschaftsbereiches, der durch Restriktion, Verbot und Stigmatisierung jahrhundertelang im Schattenbereich operierte. Zweitens: Prostitutionspolitik hat dennoch Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen, die mannigfaltigen Stigmatisierungen und gesellschaftliche Wahrnehmung von Sexarbeit.
Angesichts der vielfach stereotypen Darstellung und Einengungen im medialen Diskurs auf Straßenprostitution und Gewalt sowie allzu häufiger eindimensionaler Lösungsvorschläge für Missstände muss vorausgeschickt werden, dass Sexarbeit nicht gleich Sexarbeit ist. Die Arbeitsbedingungen (zeitliche Flexibilität, Verdienstmöglichkeiten, Fixkosten, etc.) variieren nach Sektoren (z.B. Bordell, Laufhaus, Straße, Escort), ebenso der Grad der Autonomie der Sexarbeiter_innen. Die Gruppe der Sexarbeiter_innen ist heterogen in Bezug auf fast alle sozialen Dimensionen – Alter, Bildung, Beruf, Familienstand, sexuelle Orientierung, politische Einstellung –, sowie auch in Bezug auf die Motivation zur Migration und Ausübung von Sexarbeit. Sexarbeiter_innen können nicht auf ihre Tätigkeit reduziert werden. Die größten gemeinsamen Nenner sind das Geschlecht und die Erfahrung der Migration.


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Aus dem hohen Anteil an Migrantinnen unter den registrierten Sexarbeiter_innen (rund 90 Prozent) schlussfolgern viele, dass die Ausübung der Sexarbeit nicht auf eigener Entscheidung beruht. Tatsache ist, dass Sexarbeit ein Eintrittstor zum österreichischen Arbeitsmarkt ist und eines der wenigen Arbeitsmarktsegmente ist, das im Vergleich zu anderen bessere Verdienstmöglichkeiten für Frauen bietet. Der Großteil der Frauen beschreitet den Weg in die Sexarbeit aus ökonomischen Abwägungen, die eine Bandbreite von Existenzsicherung bis hin zur Anschaffung von Luxusgütern umfassen. Dies mit Zwang und Wahllosigkeit gleichzusetzen, dafür gibt es keine empirische Evidenz. Die Interviewten haben sich  in den meisten Fällen für diese Tätigkeit entschieden, sie haben eine Wahl getroffen vor dem Hintergrund der individuellen Perspektiven, Wünsche und Bedürfnisse. Das im öffentlichen und politischen Diskurs so präsente Menschenhandelsopfer habe ich unter den Sexarbeiter_innen in seiner zahlenmäßigen Dimension nicht gefunden.
Meine Analyse der Arbeitsbedingungen bewegt sich im Spannungsfeld von Ausbeutung und Selbstbestimmung. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Arbeitsbedingungen suboptimal sind: die wöchentlichen Arbeitszeiten sind meist überdurchschnittlich lang, häufige Nachtarbeit, es bestehen Bekleidungsvorschriften, Gäste sollen zum Alkoholkonsum animiert werden, Verdienste sind nicht immer zufriedenstellend. Dazu kommen hohe Mieten bzw. Abgaben an Bordellbetreiber_innen. Erfahrungen sexueller Ausbeutung, wie etwa jeden Kunden bedienen zu müssen oder die Verpflichtung zu bestimmten sexuellen Praktiken, machten die interviewten Sexarbeiter_innen, wenn überhaupt, vorwiegend zu Beginn dieser Tätigkeit. Der Grad der Selbstbestimmung und Ausbeutung variiert nach der Dauer der Ausübung der Sexarbeit, dem Arbeitsort und dem Bordellmanagement. Hinsichtlich dieser Faktoren scheint sich Sexarbeit nicht von anderen Berufssparten zu unterscheiden.


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Wenn betriebliche Strukturen nicht den Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechen, haben Sexarbeiter_innen die Möglichkeit – vorausgesetzt es gibt eine ausreichende Vielfalt von legalen Arbeitsorten – mit ihren Füßen abzustimmen. Gesetzliche Rahmenbedingungen, wie Registrierungspflicht und die wöchentliche Untersuchungspflicht auf Freisein von bestimmten Geschlechtskrankheiten für Sexarbeiter_innen, gestalten die Arbeitsbedingungen ebenfalls in hohem Maße mit, lassen sich aber nur zum Preis der Illegalität und Bestrafung manipulieren. Obwohl gerade die in den letzten Jahren verabschiedeten Prostitutionsgesetze in Wien und in Oberösterreich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen verfolgten, sind die Erfolge bescheiden. Sie beschränken sich vorwiegend auf Verbesserungen in der Ausstattung der Bordellbetriebe. Vielmehr trugen einige Maßnahmen dazu bei, dass der Handlungsspielraum von Sexarbeiter_innen minimiert wurde. Die Genehmigungsverfahren – die Betreiber_innen wie die Örtlichkeiten müssen bestimmte Auflagen erfüllen – haben zum Rückgang von legalen Arbeitsplätzen geführt, bei gleichzeitigem Anstieg registrierter Sexarbeiter_innen. In Wien hat zudem die Verbannung der Straßenprostitution aus dem Wohngebiet zu gravierenden Verschlechterungen in puncto Autonomie, Sicherheit und Einkommen geführt. Es finden sich in beiden neuen Prostitutionsgesetzen nur wenige Maßnahmen, die in Richtung Stärkung der Autonomie und Rechte von Sexarbeiter_innen gehen; es gibt etwa nun mehr Beratungsangebote für Sexarbeiter_innen. Maßnahmen, die eine Abhängigkeit von Bordellbetreiber_innen reduzieren würden, wie etwa die Legalisierung von Sexarbeit außerhalb von Bordellbetrieben, finden sich nicht. Im Gegenteil, die Gesetzgeber haben die Befugnisse der Bordellbetreiber_innen durch Kontrollpflichten noch ausgeweitet; ebenso die Befugnisse der Polizei. Die Bundesländer setzen also weiterhin auf starke Regulierung und Kontrolle des „Rotlichtmilieus“. Damit bleibt das Sexgewerbe auch künftig außerhalb der „normalen“ Wirtschaftssphäre (es gelten eine Vielzahl von Sonderregelungen) und von einer tiefen sozialen Ambivalenz geprägt. Die pragmatische Zugangsweise von Seiten der Politik und Administration ist von der Ansicht getragen, dass Prostitution nicht durch ein Verbot aus der Welt geschafft werden könne, aber leider gibt es kein ernsthaftes Bestreben, Sexarbeit als „normale“ Erwerbstätigkeit im Sinne einer vollen sozial-, arbeits- und gewerberechtlichen Inklusion zu etablieren. Diese Ambivalenz spiegelt sich im weitgehenden Ausschluss von Sexarbeiter_innen aus dem Gesetzausarbeitungsprozess und in der Vielzahl an restriktiven Sonderregelungen wider (1. Dezember 2014).

Literaturempfehlungen

Helga Amesberger (2014) Sexarbeit in Österreich. Ein Politikfeld zwischen Pragmatismus, Moralisierung und Resistenz, November 2014. New Academic Press, Wien.

Wagenaar, H., Altink, S., Amesberger, H. (2013) Final Report of the International Comparative Study of Prostitution Policy: Austria and the Netherlands. Platform31, The Hague.

Greif, E. (Hrsg.) (2012) Amesberger, H. (2012) SexWork(s). Verbieten – erlauben – schützen?, Linzer Schriftenreihe zur Frauenforschung 51 (edited by Ursula Flossmann). Trauner Verlag, Linz.

Sauer, B. (2008) An der Front des westlichen Patriacharts. Sexarbeit, Frauenhandel und politische Regulierungen in Wien, in: Nautz, J., Sauer, B. (Hg.) (2008) Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Weitere Publikationen der Autorin

Amesberger, H., Halbmayr, B (2008) Das Privileg der Unsichtbarkeit. Rassismus unter dem Blickwinkel von Weißsein und Dominanzkultur. Wilhelm Braumüller Verlag, Wien.

Amesberger, H., Auer, K., Halbmayr, B. (2004) Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen im Konzentrationslager. Mandelbaum Verlag, Wien.