Die globale Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf Entwicklungsländer


„Wir stecken mitten in einer Finanzkrise, wie es sie seit der Großen Depression in den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hat“, so Investor und Spekulant George Soros in seinem neuen Buch „Das Ende der Finanzmärkte - und deren Zukunft“. Begonnen hat es Mitte 2007 in den USA, als die Hypothekenkrise begann und dann in die internationale Banken- und Finanzkrise überging. Die Krise griff auf Europa über. Und auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern, bei denen  es bis vor kurzem den Anschein hatte, dass sie weniger von den Auswirkungen betroffen sein könnten, sind die Währungen unter Abwertungsdruck geraten, gibt es Liquiditätsengpässe und Kurseinbrüche. Bisher hat die weltweite Krise nach Einschätzung der britischen Notenbank 2.800.000.000.000 Dollar gekostet (www.spiegel.de vom 28.10.08).  

Wie massiv die Krise die Entwicklungsländer treffen wird, ist noch schwer abzusehen und länderspezifisch sehr unterschiedlich. In Asien kann sich das Wachstum insbesondere wegen rückläufiger Exporte verlangsamen. Lateinamerika leidet unter rückläufiger Nachfrage aus den USA, vor allem Mexiko wird in den Sog der US-Krise gezogen. Bei den osteuropäischen Transformationsländern ist eine deutliche Verlangsamung des Wachstums zu erwarten. In Subsahara Afrika bleibt das Wachstum zwar hoch, das den Gewinnen infolge hoher Rohstoffpreise zu verdanken ist, allerdings mit großen regionalen Unterschieden.

Insgesamt stellt sich die Situation der Entwicklungsländer bei genauerem Hinsehen weniger günstig dar als die nackten Wachstumsraten vermuten lassen. 42 von 113 Entwicklungsländer konnten in den letzten Jahren ansehnliche Devisenüberschüsse anhäufen, doch die übrigen sind nach wie vor Defizitländer und auf Auslandskredite angewiesen (fast alle afrikanischen Länder, die keine Erdölexporteure sind). Bei einer weltweiten Kreditverknappung würden die armen Entwicklungsländer im Zuge steigender Risikoprämien explodierende Refinanzierungskosten zu tragen haben (Jörg Goldberg: „Von der globalen Finanzkrise zur Rezession“, www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org, Oktober 08).

Krisenprodukte wie Derivate spielen in armen Ländern eine eher geringe Rolle, da afrikanische Geldinstitute kaum im  globalen Bankenkasino mitgespielt haben, doch ist ein Einbruch des Wirtschaftswachstums im Süden zu befürchten, bedingt durch den Abzug der Investitionen der Industrieländer. Ein zu erwartender Produktions- und Konsumrückgang in USA und EU wird zu Exporteinbrüchen und Wachstumsabschwächungen in Entwicklungs­ländern führen. Und es gibt bereits einen Rückgang der Rücküberweisungen von den im Ausland lebenden Verwandten. 

Lange mussten sich die Schwellenländer die Ratschläge aus dem Westen anhören. Nun sind es gerade Staaten wie China und Brasilien, auf denen die Hoffnungen in der Finanzkrise ruhen. Während die alten Industrieländer in den Abschwung rutschen, tragen die Schwellenländer die Weltkonjunktur: Ihr Wirtschaftswachstum verringert sich im kommenden Jahr zwar von 7 auf 6%. Doch der IWF prognostiziert der Weltwirtschaft insgesamt für 2009 eine Rate von nur 3%. Dahinter „verbergen sich erhebliche Unterschiede zwischen den entwickelten Ländern einerseits und den Schwellen- und Entwicklungsländern andererseits“, so IWF-Chefvolkswirt Oliver Blanchard. Ohne die stabilisierende Wirkung von China, Russland, Brasilien und Indien würde eine Überwindung der Finanzkrise deutlich länger dauern. China exportiert hauptsächlich Konsumgüter für den täglichen Gebrauch, Dinge, die Leute kaufen müssen, auch wenn es Ihnen wirtschaftlich schlechter geht. China verfügt bereits über Devisenreserven von 1.800 Milliarden US-Dollar! (www.ftd.de vom 13.10.08).

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Finanzkrise: Armut und Hunger nehmen zu

Armut und Hunger werden als Folge der Finanzkrise zunehmen. Allein im heurigen Jahr leben 100 Millionen Menschen mehr in absoluter Armut und leiden an den Auswirkungen der Nahrungsmittelkrise. Die Finanzkrise wird auch auf die Weltwirtschaft einwirken und es ist zu befürchten, dass einige Länder in Verschuldungskrisen geraten bzw. dass der Agrarsektor wegbrechen kann. Die Kreditkrise könnte die Zahl der Hungernden weltweit ansteigen lassen, warnt auch Abdolreza Abbassian von der FAO (Die Presse vom 28.10.08). Denn Bauern kommen immer schwerer an Kredite, die sie für die laufende Produktion brauchen. In Brasilien dürfte 2009 um 20% weniger Mais produziert werden, weil die Bauern keine Kredite für Dünger bekommen, so die Vereinigung der Nationalen Maisproduzenten. Mit dem Ernteausfall drohen höhere Preise und in Folge der Anstieg von Hungernden in Entwicklungsländern. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen (www.orf.at vom 28.10.08) werden 2009 mehr als eine Milliarde Menschen aufgrund steigender Lebensmittelpreise hungern.

Auch der Globalisierungskritiker Jean Ziegler warnt vor den Auswirkungen der Finanzkrise auf die armen Regionen der Welt, sieht aber in der Krise etwas Positives: „Die neoliberale Wahnidee ist endlich im Eimer“. Laut Ziegler trifft die Krise die Erste Welt: in den USA mussten 10.000 Familien ihre Häuser verlassen, weil die Kredite platzten, durch die börsengebundene Altersvorsorge haben viele PensionistInnen ihr Geld verloren. Schlimmer sind die Auswirkungen in den Armutsregionen der Welt wie Darfur, wo das Welternährungsprogramm  nur 1500 Kalorien pro Erwachsenen pro Tag (Existenzminimum laut FAO bei 2200 Kalorien) verteilen kann. Der Grund: die freiwilligen Beiträge der Staaten sind gestrichen worden. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Malaria-Impfkampagne unterbrochen, während in den USA Milliarden Dollar vernichtet wurden. Die Erste Welt muss die Krise als Chance zur Neubestimmung begreifen: Ziegler plädiert für einen planetarischen Gesellschaftsvertrag und will soziale Gerechtigkeit durchsetzen (www.fr-online.de vom 20.10.08).

Erstaunlicherweise schafften es die Regierungen in der EU innerhalb weniger Tage, riesige Summen für die Rettung des Finanzsystems aufzubringen, in Deutschland zB 500 Milliarden Euro. Im Jahr 2000 wurden die UN-Millenniumsentwicklungsziele mit dem Ziel die Armut bis 2015 zu halbieren, verabschiedet. Warum ist es seit acht Jahren nicht möglich, ähnlich ehrgeizige Ziele in der Bekämpfung der Armut, von Hunger und AIDS umzusetzen?

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Dirk Messner und Jörg Faust: Finanzkrise als Chance? Ordnungspolitiken für globale Entwicklung

D.Messner © DIE
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J.Faust © DIE
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Prof. Dr. Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg.

 

 

 

Dr. Jörg Faust ist Leiter der Abteilung „Governance, Staatlichkeit, Sicherheit“ am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

 

Die Kolumne ‚Die Finanzkrise als Chance? Ordnungspolitiken für globale Entwicklung“ erschien am 19. Oktober 2008 erstmals auf der Homepage des DIE (http://www.die-gdi.de/) und wurde uns freundlicherweise von den beiden Autoren zur Verfügung gestellt. 

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die internationale Finanzkrise nicht nur direkte Effekte auf die Entwicklungsländer haben wird, auf welche die Entwicklungspolitik kurzfristig reagieren muss. Darüber hinaus resultieren aus der Krise fundamentale Konsequenzen für das entwicklungsstrategische Auftreten der OECD-Welt gegenüber den Entwicklungsländern.

Denn mit den offensichtlichen Regulierungsdefiziten der OECD-Finanzmärkte schwindet auch die Legitimation eines entwicklungspolitischen Leitbildes, das in den vergangenen Dekaden maßgeblich von den USA, Großbritannien und den in der US-Hauptstadt ansässigen internationalen Finanzinstitutionen geprägt wurde. Zwar steht der im sogenannten Washington-Konsens als entwicklungspolitisches Leitbild definierte Minimalstaat und die daraus abgeleiteten Konditionalitäten für die Vergabe von Entwicklungsgeldern bereits seit einigen Jahren in der Kritik. Der Vorwurf lautet, dass durch die Umsetzung dieses einseitig auf Marktkräfte setzenden Leitbildes bestenfalls makroökonomische Stabilität und moderates Wirtschaftswachstum, kaum aber langfristig nachhaltige und inklusive sozioökonomische Entwicklung gefördert werden könne. Gleichwohl blieb die angelsächsische Version des Wirtschaftsliberalismus im Kern das Leitmotiv der diskursprägendsten entwicklungspolitischen Organisationen. „Alteuropäische Vorstellungen“ galten hingegen als globalisierungsuntauglich. Auch die im September 2008 von der Weltbank im „Doing Business-Report 2009“ propagierten wirtschaftspolitischen Empfehlungen setzten den Abbau staatlicher Regulierung per se in einen linearen Zusammenhang mit Wachstum und wirtschaftlicher Entwicklung. In dem Maße, in dem die aktuelle Finanzkrise auf massive Regulierungsdefizite und mangelnde Transparenz in denjenigen Staaten zurückzuführen ist, die jenes entwicklungspolitische Leitbild am vehementesten unterstützen, bricht dessen Legitimitätsbasis weg.

Was bleibt, ist ein hohes Maß an Unsicherheit über die ordnungspolitischen Grundlagen „guter“ entwicklungspolitischer Konzepte. Dies betrifft weniger die entwicklungsbegünstigenden Prinzipien transparenter und demokratisch partizipativer Regierungsführung. Denn der gegenüber den am meisten betroffenen Volkswirtschaften der asiatischen Währungskrisen der Jahre 1997/ 1998 geäußerte Vorwurf von Vetternwirtschaft und Intransparenz kommt nun als Bumerang zurück. Doch neben dem Gebot für transparentere und inklusivere Verfahren stehen grundsätzlichere Fragen nach dem angemessenen Verhältnis von Staat und Markt, die auf Grundlage des demokratischen Rechtsstaates inklusive sowie ökologisch nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung befördern. Man könnte nun der Ansicht sein, dass dieses aus der Finanzkrise resultierende entwicklungsstrategische Vakuum eher von nachrangiger Relevanz auf der aktuellen Prioritätenliste der OECD-Welt ist. Doch angesichts des rasanten Bedeutungszuwachses einer ganzen Reihe von Entwicklungsländern stellt sich die Frage, entlang welcher normativer Leitmotive die westlichen Demokratien zunehmend drängende regionale und globale Probleme verhandeln wollen. Denn ob Regulierung der internationalen Finanzmärkte, internationaler Klimaschutz, Reform der Vereinten Nationen, die Einhegung transnationalen Terrorismus oder die Lösung von Gewaltkonflikten: für die mit zunehmender Verhandlungsmacht ausgestatteten Ankerländer – allen voran China, Indien, Brasilien und Südafrika – sind diese internationalen Fragestellungen aufs engste mit originär entwicklungspolitischen Fragestellungen nach Wachstum und Wohlstand verknüpft. Gegenüber den Entwicklungsländern ohne einen überzeugenden Orientierungsrahmen über das Verhältnis von Staat, Markt und Demokratie gegenüber den Entwicklungsländern aufzutreten, hieße für die OECD-Welt nicht nur massiv an Überzeugungskraft in der Entwicklungszusammenarbeit zu verlieren. Das fehlen eines solch entwicklungspolitischen Orientierungsrahmens bedeutet angesichts der internationalen Machtverschiebungen zudem, erhebliches Gestaltungspotential bei drängenden multilateralen Problemen aufzugeben. 

Doch von wo sind international trag- und konsensfähige Konzepte für die Entwicklungspolitik bzw. für das Auftreten gegenüber Entwicklungsländern in internationalen Foren zu erwarten? Gegenwärtig wird vor allem mit drei Impulsgebern gerechnet, welche gleichsam die aktuellen Gravitationszentren des internationalen Systems repräsentieren.

Ein erster Hoffnungsträger ist die USA in der Gestalt einer von Barack Obama präsidierten Regierung. Von dem teils bereits als Heilsbringer stilisierten Präsidentschaftskandidaten wird erhofft, dass er im Falle seines Wahlsieges seine nach innen gerichteten Reformabsichten auch auf die Außenpolitik der Vereinigten Staaten projiziert. Ein sich in der Außenpolitik manifestierender „New Global Deal“ würde demzufolge nicht nur sozialstaatlichere und regulierungsintensivere Aspekte in die internationalen Organisationen der Entwicklungspolitik transportieren. Ein solcher Wandel würde zugleich eine Hinwendung zu kooperativen und damit kompromissbereiteren Formen des multilateralen Engagements bedeuten. Doch ein solches Szenario ist unsicher. Trotz aller dem Kandidaten zugeschriebenen Erneuerungskraft wird die innergesellschaftliche Bewältigung der desaströsen Hinterlassenschaften der Bush-Administration das Gros der politischen Ressourcen einer neuen US-Regierung aufzehren und den Spielraum für weitreichende Kompromisse in der US-Außenpolitik beschränken.

Ein zweiter Kandidat mit vermeintlich hohem normativen Gestaltungspotential ist China. Wenngleich skeptisch von den westlichen Demokratien beäugt, so bietet die rasante wirtschaftliche Entwicklung und die internationale Bedeutung der Volksrepublik doch für etliche Kommentatoren Anlass genug, von einem „Pekinger Modell“ für Entwicklungsländer zu sprechen. In dem Maße, wie die enormen Devisenreserven Chinas auch international zur Bewältigung der Finanzkrise eingesetzt werden, wird die Pekinger Regierung dazu in die Lage versetzt, deren Verwendung an bestimmte Bedingungen zu knüpfen und damit wirtschaftspolitische Vorgaben zu machen. Doch hieraus alleine und auch aus der Tatsache, dass wirtschaftliches Wachstum auch ohne repräsentative Demokratie generiert werden kann, erwächst noch kein entwicklungspolitisches Leitbild für das 21. Jahrhundert. Dies gilt umso mehr, als die politischen, sozialen und ökologischen Kollateralschäden des rapiden ökonomischen Wandels in China bestenfalls ambivalent ausfallen. Zudem entbrennt in China selbst eine zunehmend kontroverse innergesellschaftliche Diskussion um die angemessene Rolle von Staat, Markt und Demokratie. 

Der dritte Kandidat ist die Europäische Union. Erstens, weil zumindest die kontinentaleuropäischen Versionen der Marktwirtschaft lange Zeit die herausgehobene Rolle des Staates als Hüter und Garant funktionierender Märkte begriffen und hieraus ein deutlich stärkeres Regulierungsgebot abgeleitet haben. Dieser Fokus auf die Determinanten langfristiger wirtschaftlicher Entwicklung manifestierte sich zweitens darin, dass die kontinentaleuropäischen Ordnungspolitiken auch stärker die negativen sozialen und umweltpolitischen Externalitäten von Märkten einzuhegen versuchten. Diese „alteuropäischen“ Grundprinzipien könnten nun eine internationale Renaissance erfahren, wenn es der europäischen Politik gelänge, daraus nationale und globale Ordnungspolitiken zu entwickeln, die dem Zeitalter der Globalisierung entsprechen und zugleich auch die Interessen der Entwicklungsländer angemessen berücksichtigen. Hierfür ist jedoch eine intellektuelle und politische Kraftanstrengung notwendig, denn ein einfaches zurück zur national definierten sozialen Marktwirtschaft und der Planungseuphorie der 1970iger Jahre wird es nicht geben. 

Europa sollte die Chancen, die in der gegenwärtigen Krise für eine globale Neuordnung der Beziehungen zwischen OECD- und Entwicklungsländer liegt, nutzen, und sich nicht nur auf die Krisenbewältigung „nach Innen“ konzentrieren. Ermutigend ist, dass der derzeitige EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso an diesem Wochenende US-Präsident Bush davon überzeugen konnten, eine ganze Serie von Welt-Finanzgipfeln noch vor dem Amtsantritt des nächsten US-Präsidenten einzuberufen. Erste Vorschläge und Reaktionen der letzten Tage und Wochen können dabei als Versatzstücke für ein solches Vorhaben genutzt werden. Bundespräsident Horst Köhler fordert ein „Bretton Woods II“, Weltbankpräsident Robert Zoellick eine rasche Modernisierung der multilateralen Weltordnung, UNEP-Chef Achim Steiner bringt globale Initiative für klimaverträgliches Wirtschaften ins Spiel. Die Europäische Union könnte einen Unterschied machen, wenn sie in dieser Situation der globalen Weichenstellungen mit Verve eine Koalition zur Reform des internationalen Systems vorantreibt und diese mit ordnungspolitischen Konzepten versorgt. 

Die Neuordnung der Finanzmärkte müsste einhergehen mit Initiativen gegen die Hunger- und Ernährungskrise, Durchbrüchen in der Handels- und Klimapolitik sowie Weichenstellungen in Richtung einer nichtfossilen Weltwirtschaft verknüpft werden. Denn eine der wichtigsten Lehren aus dem gegenwärtigen Finanzdesaster lautet: globale Interdependenzprobleme sind in einer zunehmend multipolaren Welt eben nur durch multilaterale Kooperation und fairen Interessenausgleich zu bewältigen. Dies bedeutet für die OECD-Welt, dass Lösungen ohne die Beteiligung von Entwicklungs- und Schwellenländer nicht zukunftsfähig sind. 

Ob Europa die skizzierte Rolle tatsächlich wird einnehmen können, bleibt offen. Reflexartig blickt bereits ein Teil der europäischen Repräsentanten auf die USA in Gestalt von Barack Obama, in der Hoffnung, dass von dort erneut ein stabiler Handlungsrahmen für europäisches Experimentieren gesetzt würde. Da dies vermutlich kurz und mittelfristig nicht geschehen wird, bleibt zu hoffen, dass sich Europas Regierende der Herausforderung ihrer zunehmend globalen Mündigkeit bewusst werden, um das vorhandene Gestaltungspotential europäischer Ordnungs- und Entwicklungspolitik in der aktuellen Krise deutlich zu machen.

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Wie soll die Finanzkrise gelöst werden?

Dass die derzeitige Finanzmarktkrise globale Lösungen benötigt, ist unumstritten. Dass dafür ein Zusammentreffen der Staats- und Regierungschefs von Nöten ist, ebenso. Warum dieser Weltfinanzgipfel aber nicht im Rahmen der Doha-Konferenz für Entwicklungsfinanzierung stattfindet, sondern einige Tage vorher in Washington, lässt bereits vorab eines durchblicken: die Schwellen- und Entwicklungsländer werden nicht als vollwertige Partner akzeptiert und die „neuen Lösungen“ der Krise sollen lieber von den Industrieländern unter sich ausgehandelt werden (www.erlassjahr.de, Oktober 08). Der Ruf nach einem neuen Bretton Woods – einer globalen Konferenz zur Neuordnung der globalen Finanzordnung wird laut.

Im Schatten der globalen Finanzkrise veranstalten die Vereinten Nationen vom 29. November bis 2. Dezember 08 in Doha (Katar) die zweite Internationale Konferenz über Entwicklungsfinanzierung. Dort wird vor allem über die Frage, wie mehr (öffentliche) Mittel zur Armutsbekämpfung mobilisiert werden können, diskutiert. Es ist zu befürchten, dass die Krise von Seiten der reichen Länder dazu verwendet wird, weniger Mittel für Entwicklungszusammenarbeit zu geben bzw. zugesagte Erhöhungen nicht einzuhalten, weil sie budgetär stark mit sich selbst beschäftigt sind. Es wäre eine Katastrophe, wenn die Krise zu Lasten der Ärmsten ausgetragen wird, die bereits derzeit stark von der Klima-, Nahrungsmittel- und Energiekrise betroffen sind.  Zur Rettung der Banken wurden in den USA rasch 700 Milliarden Dollar aufgebracht. Das zeigt, wenn der politische Wille stark genug ist, lassen sich Steuermilliarden sehr wohl auftreiben. Warum ist das nicht möglich, wenn es um die weltweite Armutsbekämpfung geht? Mit 700 Milliarden Dollar könnten die UN-Millenniumsentwicklungsziele mehrmals erreicht werden. 

Aufgrund der Komplexität der weltwirtschaftlichen Entwicklungen ist es noch zu früh, um alle Auswirkungen abschätzen und Empfehlungen für die Zukunft geben zu können. Ein Nachwirken der Finanzkrise bzw. Überschwappen auf die Wirtschaft wird die Länder auch in den nächsten Jahren beschäftigen. Es braucht konkrete Analysen der Ursachen. Die Frage der Verantwortlichen wird diskutiert, mit unterschiedlichen Bewertungen:  der ehemalige Chef der US-Notenbank FED Greenspan hätte eine Schlüsselrolle innegehabt, da er den niedrigsten Zinssatz seit 45 Jahren und damit billiges Geld für Immobilien ermöglichte, was zur Immobilienkrise führte. Es hätte keine ausreichenden Kontrollen am Finanzmarkt gegeben, die Politik habe keine angemessenen Rahmenbedingungen geschaffen, um riesige Fehlspekulationen zu verunmöglichen. Schuld seien die von Gier getriebenen Finanzmanager und Spekulanten gewesen. Neue Instrumente wie Derivate  etc. hätten das System von innen heraus zum Kollabieren gebracht. Neue Akteure wie Banken, Pensionsfonds, Hedgefonds, Immobilienfonds verfügten über gewaltige Kapitalmassen und die gemachten Gewinne lagen über jenen, die in der Realwirtschaft erzielbar sind. Für viele Kritiker des Neoliberalismus ist dieses Konzept am Ende, sie verlangen eine neue stärkere internationale Finanzarchitektur, welche der neuen Verteilung der wirtschaftlichen Macht in der Welt Rechnung tragen und einen ausgewogenen Zugang zu nachhaltiger Entwicklung fördern soll. 

Nick Leeson, der 1995 als Derivate-Händler in Singapur die britische Barings Bank in den Ruin spekuliert hat und daraufhin sechseinhalb Jahre im Gefängnis saß, fragt sich, wer nun die Verantwortlichen, nämlich die „rücksichtslos und leichtsinnig agierenden Banken, die für die finanzielle Katastrophe verantwortlich sind“, zu Verantwortung ziehen wird (Brand Eins 11/08).

Für Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter hat der Finanzmarkt nicht mehr viel mit der Realität zu tun. Er plädiert für Regeln, um die Gier nach schnellem Geld zu zügeln, am besten durch eine internationale Finanzpolizei. Theoretisch könnte auch der IWF diese Rolle übernehmen, doch hat der Währungsfonds keine blütenreine Weste, hatte er doch über Jahrzehnte allen Ländern, die in Schwierigkeiten waren, Marktöffnung, Deregulierung und die reine Lehre der Marktwirtschaft gepredigt. Reuter tritt für die Regulierung der Finanzmärkte ein, da es ein Irrglauben ist, dass ein freier Markt sich selbst in Ordnung bringen kann (www.fr-online.de vom 17.10.08). 

Buchautorin und Globalisierungskritikerin Naomi Klein sieht die Ideologie des freien Markts noch nicht abgedankt. In Zeiten des Booms lohnt es sich das „laissez faire“ zu predigen, da eine untätige Regierung das Aufpumpen von Spekulationsblasen ermöglicht. Wenn diese Blasen dann platzen, steht diese Ideologie allerdings im Weg und wird dann in Tiefschlag versetzt solange die starke Regierung zur Rettung schreitet. Doch die Ideologie wird zurückkommen, wenn die Rettungsaktionen gelaufen sind. Die riesigen Schulden, die der Öffentlichkeit aufgebürdet werden, um den Spekulanten aus der Patsch zu helfen, tragen zu einer globalen Budgetkrise bei. Diese wird als Rechtfertigung herangezogen für tiefe Einschnitte in die Sozialsysteme und für einen erneuten Privatisierungsschub für den Rest des öffentlichen Sektors (www.naomiklein.org vom 19.9.08).

Es wäre ein guter Zeitpunkt, durch die Krise auch die Chance zur Gestaltung eines multilateralen Mechanismus zu kommen, in dem beispielsweise Schwellenländer stärker in die Entscheidungen von IWF und Weltbank einbezogen werden. Alle UN-Mitgliedsländer müssen in eine neue internationale Finanzarchitektur einbezogen werden. Damit könnte ein „Ungleichgewicht“ abgebaut werden, was angesichts der Erosion der dominanten Position der USA durch die Krise möglich scheint. Derzeit werden viele Vorschläge von unterschiedlichen Seiten zur Lösung der Krise diskutiert wie zB eine strengere Kontrolle der Rating-Agentur, Investmentfonds und Hedgefonds, Ausbau der Kontrollorgane, umfassende Transparenzvorschriften, Schließung von Offshore-Zentren, Einfuhr von Kapitalverkehrskontrollen,  Aufwertung des IWF bei der Überwachung der Finanzmärkte, Einführung einer Börsenumsatzsteuer oder Devisentrans­aktionssteuer, Schließen der Derivatmärkte, mehr Eingreifen des Staates und viele andere Vorschläge mehr. Insgesamt wird es wohl ein Paket von Maßnahmen werden müssen. Für IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn ist es zwar zu spät, um Rezession in hoch entwickelten Ländern und Konjunktur­verlangsamung in Schwellenländern zu vermeiden. Es sei aber nicht zu spät, eine weltweite Depression zu verhindern.

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Weiterführende Informationen

Der Wirtschaftsnobelpreisträger und ehemalige Chefökonom Joseph E. Stiglitz wurde zum Leiter einer Hochrangigen Task Force der Vereinten Nationen ernannt, die das globale Finanzsystem untersuchen soll. Er hat dazu seine persönliche Position zu Kernelementen einer Antwort auf die globale Finanzkrise zusammengefasst: „Prinzipien für eine Reform des Finanzsystems. Für einen neuen Globalen Wirtschaftsvertrag“ in Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, Nr. 11/November 2008, www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org

Das Overseas Development Institute (ODI) untersucht in seinem Hintergrundpapier vom Oktober 2008 welche Länder von der Finanzkrise betroffen sind und was getan werden kann: „The global financial crisis and developing countries“

Peter Wahl: “Finanzmärkte in den Dienst von Entwicklung stellen. Internationale Finanzmärkte, Krise und Entwicklung“. Ein EED-Arbeitspapier für die Konferenz in Doha 29.11.-1.12.2008“: www.meinepolitik.de/peterwah.pdf 

Rainer Falk: “Wie die Finanzkrise jetzt auch im Süden ankommt … und der IWF plötzlich wieder da ist“. In: Informationsbrief Weltwirtschaft und Entwicklung vom 29.10.08, www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org 

Ulrich Volz und Peter Wolff: „Krisenmanagement für Entwicklungsländer – noch keine neue Ordnung in Sicht“, www.die-gdi.de vom 27.10.2008.

BEIGEWUM, der Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen hat zur Finanzkrise eine Stellungnahme erarbeitet

Walden Bello, Träger des Alternativen Nobelpreises: "Kapitalismus in apokalyptischer Stimmung" vom 23.2.2008

Die Finanzmarktaufsicht FMA hat Antworten auf aktuelle Fragen zusammengestellt wie zB Wie ernst ist die Lage für Österreichs Banken? Was unternimmt die OeNB um zu einer erhöhten Stabilität des Finanzmarktes beizutragen? 

LeserInnenforum

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Hinweis VIDC-Veranstaltung zur Finanzkrise

Finanzkrise – wen trifft sie wirklich?

Am 27. November 2008 um 18.30 Uhr im Museum Wien am Karlsplatz

Link zu einem früheren VIDC-news-Artikel

Wie hängen Hunger und Finanzkrise zusammen?