Islam - Oh - Phobie

von Farid Hafez

© Fatih Öztürk

Dr. Farid Hafez ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Politikwissenschaft der Universität Salzburg. Hafez lehrt an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. Seit 2010 ist er Herausgeber des Jahrbuchs für Islamophobieforschung. 2009 erhielt er den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für sein Werk „Islamophobie in Österreich“ als politisches Buch des Jahres.

Während die Welt des Islams für viele Menschen früher ein Ort des Natürlichen, des Unverfälschten und Reinen gedacht wurde, gilt nach der Iranischen Revolution und ganz besonders nach dem 11. September 2001 der Islam zunehmend als eine Religion der Bedrohung. Mit der These des ‚Kampfes der Kulturen‘ schien die Welt in einem großen Konflikt konkurrierender Kulturen und Religionen zu stehen.
Eine Relativierung dieser Sicht scheint heute schwieriger denn je. Obwohl eine Hand voll westlicher Staaten trotz dem offiziellen Ende der Kolonialpolitik ihre Interessenssphären im Zusammenhang mit militärischen Stützpunkten, sogenannter Demokratisierung und v.a. zur Absicherung wichtiger Ressourcen wie Erdölreserven usw. weiter ausdehnen, und damit auch die unterdrückten Völker zu einer Gegenwehr provozieren, wird ein Bild gezeichnet, das ‚den Islam‘ als ursächlich Böses auftreten lässt. Der Islam verkörpert Begriffe wie Rückschrittlichkeit, Frauenunterdrückung und ist zum Gegensatz von Freiheit und Fortschritt geworden. All diese Bilder dienten zur Legitimation militärischer Eingriffe, Eroberungen und Zerstörung.

Islamfeindlichkeit in Deutschland

Zum andern wird aus dem Feindbild Islam auch innerhalb der europäischen Gesellschaften politisches Kleingeld geschlagen, besonders von rechtspopulistischer Politik, die auch bei den ehemaligen Mitte-Parteien anzufinden ist. Einerseits versuchen rechtspopulistische Bewegungen wie die deutschen Pro-Parteien, eine Front National oder Schwedendemokraten explizit von Islamophobie Gebrauch zu machen, um WählerInnen zu mobilisieren. Andererseits sind islamophobe Diskurse auch in der Dominanzgesellschaft anzufinden. Davon zeugen Thilo Sarrazins Thesen ebenso wie das Schweigen über die islamfeindlichen Motive am Mord an Marwa El-Sherbini in Dresden im Jahre 2009 oder die immer wiederkehrende Debatte darüber, ob der Islam nun ein Teil Deutschlands sei oder nicht.


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Es sind hiermit nicht mehr nur die kolonialisierten Fremden in der Ferne, über die hier gesprochen wird. Es sind auch die „Kolonien“ der Eingewanderten in den Städten Europas, die als Bedrohung konstruiert werden. Während die muslimischen Minderheiten im Westen tendenziell mehrheitlich dem ärmeren Segment der europäischen Gesellschaften zuzurechnen sind und aus der Arbeiterschaft stammen, wird ihnen in der medialen Berichterstattung und von Seiten politischer Machthaber ein unheimliches Bedrohungspotenzial zugeschrieben. Die Rede ist von ‚Parallelgesellschaften‘, in denen die Scharia regiere, von Kriminalität, die bei männlichen muslimischen Jugendlichen besonders hoch wäre und selbstverständlich der unterdrückten muslimischen Frau, die von den NichtmuslimInnen befreit werden müsse. All diese Vorstellungen der Bedrohung werden genau dann bedient, wenn es gilt, von gesamtgesellschaftlichen Problematiken abzulenken und Identitätspolitik über Mechanismen der Ausgrenzung zu forcieren. So ist etwa oftmals die Rede von der Unterdrückung der Frau und der Genitalverstümmelung. Diese gesellschaftliche Projektion verdeckt aber gesamtgesellschaftliche Machtasymmetrien wie die nach wie vor ausstehende Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Bereich des Arbeitsmarktes oder die Problematik der häuslichen Gewalt, die mehr als jede dritte Frau in vielen europäischen Ländern betrifft (FRA 2014).
Einem Feindbild Islam kann damit in erster Linie am ehesten mit zwei Mitteln entgegengetreten werden: Zum Einen gilt es, diese Herrschaftsmechanismen aufzudecken und damit kritisch nachzufragen, warum welche Art der Darstellung des Feindbildes Islam genutzt wird. Welcher Zweck steht dahinter? Zum anderen gilt es, durch ein differenziertes Bild auf den Islam und dessen Vielfältigkeit den vereinfachten Darstellungen etwas entgegenhalten zu können. Damit würde die Möglichkeit reduziert werden können, diesen Vereinfachungen auf den Leim zu gehen.


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So hat die Charlie Hebdo-Affäre dazu geführt, dass einerseits in Deutschland eine Debatte über die Rolle des Islams geführt wurde. Nicht die drei erschossenen Terroristen oder die Tatsache, dass diese seit mehr als einem Jahrzehnt von den Sicherheitsbehörden unter Beobachtung gestanden hatten, waren Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Ebenso wenig stand eine kritische Sicht auf die politische Mobilisierung staatstragender Eliten auf globaler Ebene im Mittelpunkt des Interesses. Oder gar die darauf folgenden Erhöhungen des Staatsbudgets für die Sicherheitspolitik und Anti-Radikalisierungsprogramme. Und schon gar nicht die Frage der Banlieues oder die Verwicklung französischer Truppen in kriegerische Auseinandersetzungen in Afrika. Genau das gilt es aber aufzudecken: Islamophobie als Herrschaftsinstrument zur Durchsetzung politischer Ziele, die von den eigentlichen politischen und ökonomischen Konflikten ablenkt (25. Februar 2015).

Weiterführende Literatur

Bunzl, John; Hafez, Farid (2009) Islamophobie in Österreich, Wien.

Schneiders, Thorsten Gerald (2009) Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden.

Euroean Union Agency for Fundamental Rights, FRA (2014) Gewalt gegen Frauen: sie passiert täglich und in allen Kontexten, 5. März 2014.

Literaturempfehlung

Hafez, Farid (2015) Jahrbuch für Islamophobieforschung 2015. New Academic Press, Wien.