Die „guten“ Syrer – Und warum eine Lösung des Konflikts eigentlich machbar ist.

von Petra Ramsauer

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Petra Ramsauer arbeitet als freie Journalistin und Autorin für zahlreiche Medien im deutschsprachigen Raum. Sie ist auf Krisenberichterstattung und Nahost spezialisiert und arbeitet als Reporterin schwerpunktmäßig in Syrien. Ihr aktuelles Buch, „Die Dschihad-Generation“, ist im Verlag styria-premium Ende September in Wien erschienen.

Ende August erreichte eine Depesche des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad den russischen Präsidenten Vladimir Putin. Der Inhalt sinngemäß: „Wenn es keine massive Unterstützung für unsere Streitkräfte gibt, werden wir Syriens Hauptstadt nur noch wenige Wochen halten können.“ Putin handelte und seit September fliegt das russische Militär auf Seiten der syrischen Armee Angriffe gegen Hunderte Positionen der syrischen Rebellenmilizen. Einmal mehr wurde in diesem Moment ein Zeitfenster übersehen, das eine rasche Lösung des Konfliktes durch ein Ende des Regimes Assads ermöglichen hätte können. „Wir sind knapp davor in Aleppo und auch im Süden verstärkt an Boden zu gewinnen“, lautete eine der Jubel-Nachrichten, die ich damals von einem Sprecher der Milizen erhalten habe. Doch die 500 Millionen Dollar teure Investition der USA in die Ausbildung von „moderaten“ syrischen Rebellen im Laufe des Jahres 2015 erwies sich als verheerender Fehlschlag; nur ein Dutzend Kämpfer gelang es auszubilden. Statt in diesem Zeitpunkt nun mit aller Kraft am Ball zu bleiben, wurde gezaudert. Solange, bis sich dieses Fenster der Möglichkeiten schloss.


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Einmal mehr zeigte sich da auch, dass die vielen Player in dem Konflikt, von Russland, dem Iran, der Türkei bis zu den Golf-Staaten, Saudi-Arabien bis hin zu den USA und ihren Verbündeten im Kampf gegen den so genannten „Islamischen Staat“ (IS) einander die Sicht auf das verstellen, was nötig und zielführend wäre. Statt einer Einigung die Priorität einzuräumen, verheddern sich die internationalen und regionalen Großmächte in interne Scharmützel. Einfach ist die Lösung freilich nicht, aber sie ist bei weitem nicht so schwierig, wie es immer wieder klingt. „70.000 Kämpfer der syrischen Opposition gibt es, die zu keiner der Extremisten-Gruppen gehören“, rechnet Syrien-Experte Charles Lister vor; das sind Angaben, die er britischen Regierungsberichten entnimmt. Der Autor des soeben erschienen Buches, „The Syrian Jihad“ spricht eine klare Warnung aus: „Jetzt ein Bündnis mit Syriens Präsident Baschar Assad einzugehen, würde die Lage am Boden zusätzlich verschärfen. Man verliert das Vertrauen der moderaten Kämpfer und stärkt mit Assad just jene Kraft, die am meisten dazu beigetragen hat, dass sich die Terrormiliz des so genannten Islamischen Staates (IS) ausbreiten konnte.“
Die Zeichen der Zeit jedoch zeigen just in diese Richtung. Die moderate Opposition ist heute mehr unter Druck denn je. Wie sehr, das konnte jeder, der sich bis Aleppo vor wagte, zuletzt selbst erfahren. Auf seinem Gefechtsposten in der Altstadt der umkämpften Stadt rang etwa Abu Hamzi Arandas im Sommer 2014 in einem Interview mit mir mehrmals um Fassung. Der Kommandant der Rebellenmiliz „Liwa Tawid“, die als „moderat“ gilt, sagte da: „Wir kämpfen gegen zwei Feinde, den Regime-Truppen und den Terroristen des Islamischen Staates. Sie fallen uns in den Rücken und vor uns ist die Armee des Diktators. Das ist ein Zweifrontenkrieg.“
Sehr ähnliche Worte fand ein junger Syrer Ende November bei einem Auftritt in New York: „Wir werden zwischen zwei aggressiven und brutalen Mächten zerrieben: Einem kriminellen Regime, das von Machtlust besessen ist und einer Terrormiliz, die das Böse und Ungerechtigkeit verbreitet, unser Land mit Schwarz übertüncht.“ Der Syrer trat anonym auf, so wie immer, um einen der wichtigsten Presse-Auszeichnungen der Welt entgegen zu nehmen: Den „International Press Freedom Award“ des Komitees zum Schutz von Journalisten, verliehen der Gruppe „Raqqa is Being Slaughtered Silently“, zu der er gehört. Es sind zirka 25 meist sehr junge Männer, die aus der Hochburg des so genannten „Islamischen Staates“ unter Lebensgefahr Informationen heraus schmuggeln. „Ich spreche heute im Namen der Millionen von Syrern, die sich ein freies, demokratisches Land wünschen,“ sagte der Medien-Aktivist dann auch noch.
Es gibt sie also. Gute Nachrichten aus Syrien, die eine der wichtigsten Hoffnungen intakt halten: Darauf, dass es in diesem Konflikt auch noch die „Guten“ gibt. Dass es solche Leute gibt, wird zuletzt aber häufig übersehen. Und genau hier liegt der Schlüssel einer Lösung. Die zentrale Bühne für ihre Positionen wird ihnen aber verweigert. Nach gescheiterten Versuchen, eine politisch schlagkräftige Opposition im Ausland aufzubauen, begannen die ersten ernst zu nehmenden diplomatischen Bemühungen zur Lösung des Konfliktes in Wien zuletzt ohne Syrer und Syrerinnen. Vertreter von 19 Staaten waren anwesend, aber nicht die Betroffenen selbst. Im Anschluss der Gespräche wurde zwar eine „weiße Liste“ der syrischen Oppositionsgruppen erstellt. Zu wenig geschah da aber wieder einmal zu spät.


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Nur einen Tag bevor sich diese Vertreter der „Syrien Kontakt-Gruppe“ zuletzt getroffen hatten, rückten die Anschläge in Paris vom 13. November 2015 den Fokus auf den „Krieg“ gegen den IS. Das Ende der Assad-Diktatur, Wahlen, Stärkung demokratischer Gruppen: All dies war mit einem Mal überschattet. Bashar al-Assad gelang es so, wieder Fuß zu fassen: „Wir führen einen Kampf gegen Terroristen.“ – Wie ein Mantra hat er dieses Narrativ seit Beginn des Aufstandes wiederholt. Nun scheint ihm die Zeit Recht zu geben. So war es ihm gelungen, Russland einen Vorwand zu liefern, um Ende August mit in den Konflikt einzugreifen und nach den Attentaten von Paris ließ auch der französische Außenminister Laurent Fabius durchblicken: „Wir werden gemeinsam mit der syrischen Armee den IS angreifen.“
Mit Stand Ende 2015 sieht es aber danach aus, als gebe es zahlreiche Gewinner: Dem Iran, dem wichtigsten Verbündeten des Assad-Regimes ist es gelungen, seine internationale Position zu stabilisieren. Die Verhandlungen zum historischen Atom-Abkommen wurden auch dadurch beschleunigt, dass die zentrale Rolle des Irans im Syrien Konflikt ein Fait Accompli geworden war. Auch die Türkei hat ein ähnliches strukturiertes Machtspiel für sich entschieden. Trotz der unverhohlenen Unterstützung der Terrormiliz IS, spielte das Land seine zentrale Rolle in dem Konflikt und auch als eines der wichtigsten Länder im Rahmen der Flüchtlingskrise gezielt aus. Und zu dem Wenigen, das wir Ende 2015 derzeit mit Sicherheit über den Krieg in Syrien sagen können, zählt leider auch: Nicht nur die bewaffnete, sondern vor allem die demokratische Opposition in dem Land, die zwar das Versprechen auf baldige Wahlen und Übergangslösungen bekommt, bleibt – noch – in die Rolle der Statisten ohne Text gedrängt (7. Dezember 2015).

Weiterführende Literatur

Lister, Charles (2015) The Syrien Jihad. Al-Qaeda, the Islamic State and the Evolution of an Insurgency. Hurst Publisher, London.

McCants, William (2015) The ISIS Apocalypse: The history, strategy, and doomsday vision of the Islamic State. St. Martin’s Press, New York City.

Neumann, Peter R. (2015) Die neuen Dschihadisten: ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus. Econ, Oxford.

Weiss, Michael; Hassan, Hassan (2014) ISIS: Inside the Army of Terro. New York Times Bestseller. Regan Arts, New York.