Islam und Feminismus sind kein Gegensatzpaar

von Dudu Kücükgöl

© Tina Herzl

Dudu Kücükgöl hat Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert und ist als selbstständige Beraterin und Referentin tätig. Sie war viele Jahre ehrenamtlich in der Muslimischen Jugend Österreichs tätig und ist heute in der muslimischen Community, in den Bereichen Frauen- und Jugendarbeit, aktiv. Sie dissertiert zum Thema postkoloniale, feministische Theorien und muslimische Frauen in Österreich.

Das Selbst- und Fremdbild von Musliminnen könnte unterschiedlicher nicht sein: Die einen lernen den Islam als ihre Religion kennen, der die Abschaffung von Ungerechtigkeiten gegen Frauen forciert und ihnen Rechte gegeben hat, für die anderen ist der Islam untrennbar mit der Unterdrückung von Frauen verbunden.
Was auch immer wirklich in der Kölner Silvesternacht vorgefallen ist, die populistische Instrumentalisierung von Gewalt gegen Frauen hat existierende Vorurteile noch einmal verstärkt. Als Muslimin ist mir bis heute unklar, wie alkoholisierte Männer, die Frauen sexuell belästigen mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Hier handelt es sich um Männer, die offensichtlich gegen einfachste islamische Prinzipien wie das Alkoholverbot oder den Rahmen der Ehe und die Freiwilligkeit von sexuellen Handlungen missachten. Jene Männer, die sich an diesem Abend an Frauen vergangen haben, haben sicher nicht den Islam als Maßstab für ihre Taten herangezogen.

Doppelrolle für muslimische Feministinnen

Frauen sind in der Behandlung des Themas Islam in den Medien und in öffentlichen Debatten im sogenannten „Westen“ ein beliebtes Thema. Auch ich als europäische Muslimin werde in diesem Artikel nur auf MuslimInnen im „Westen“ eingehen, weil sie in meiner direkten Umgebung sind. In Diskussionen über Frauen und Islam werden selten muslimische Perspektiven präsentiert, die dem Mainstream-Diskurs widersprechen und wenn sie dargestellt werden, so wirken sie in Anbetracht der Masse an Gegendarstellungen unglaubwürdig. Dabei wird oft vergessen, dass Medien die Macht haben, Tatsachen zu schaffen. Eindrucksvoll zeigt Deepa Kumar, Professorin an der Rutgers Universität, in ihrem Buch „Islamophobia and the Politics of Empire“ wie Politik und Medien bestimmte islamophobe Bilder und Diskurse auf die Tagesordnung bringen können, um  Herrschafts- und Überlegenheitsansprüche zu legitimieren.


© Asma Aiad

In diesem vorrangig fremdgesteuerten, medialen Diskurs gibt es jedoch immer mehr öffentlich wahrnehmbare, muslimische Frauen des „Westens“, deren Stimmen Gehör finden und die selbstbewusst als Feministinnen auftreten. Sie habeneine besondere Position im Diskurs, weil sie in einer Doppelfunktion sowohl gegen Vorurteile und Diskriminierung in ihrer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft als auch gegen patriarchale Strukturen in der muslimischen Community kämpfen.

Kein Widerspruch gläubig und Feministin zu sein

In einer in England viel beachteten Kampagne „inspired my Muhammad“ ist eine sichtbar muslimische Rechtsanwältin in ihrer typischen Berufskleidung zu sehen: „I believe in women‘s rights. So did Muhammad.“ Zwei Botschaften werden hier vermittelt: Erstens ist sie eine gebildete, muslimische Frau und widerspricht bereits damit gängigen Klischees. Zweitens  bestärkt sie der Islam in ihren Kampf für die Durchsetzung von Frauenrechten.. Dieses Kampagnensujet mit der Anwältin Sultana Tafadar zeigt auf einem Blick das Selbstverständnis von vielen muslimischen Frauen, für die Frauenrechte und Islam nicht nur keinen Widerspruch darstellen, sondern eine Inspiration sind.

Islam als Inspiration für die Gleichstellung

Wenn es nach mir geht, würde ich am liebsten jede Diskussion zum Thema Frauen im Islam mit einem einzigen Ausspruch des Propheten Muhammad beginnen und auch gleich wieder beenden: „Die Besten von euch sind die, die die Frauen am besten behandeln.“ Dieses sehr verbreitete Prophetenwort sowie andere Überlieferungen über die besondere Wertschätzung des Propheten Frauen gegenüber sind für viele Musliminnen die Motivation, sich für Gleichstellung einzusetzen. Aber nicht nur Aussprüche des Propheten, sondern auch der Koran, das heilige Buch der Muslime hat einiges über Geschlechterverhältnisse zu sagen: "Oh, ihr Menschen! Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen lernt. Der Edelste von euch ist vor Gott derjenige, der am gottesbewusstesten ist "(Koran 49, 13).
Solche und ähnliche Textstellen gibt es viele und Frauen leiten daraus Rechte auf Bildung, Arbeit und eine gleichgestellte Partnerschaft ab. Die Beschäftigung mit den beiden Primärquellen des Islams, dem Koran und den Prophetenworten, ist essenziell für muslimische Feministinnen – leiten doch viele männliche Theologen auch frauenfeindliche Praktiken aus diesen Quellen ab. Dieser theologisch argumentative Kampf ist in erster Linie ein Kampf um religiöse Autorität: Wer darf definieren, was religiös legitim ist und was nicht? Wessen Interpretation und Auslegung hat Gültigkeit? Hier konzentrieren sich Musliminnen auf die Wiederherstellung weiblicher, religiöser Autorität. Während in der Frühzeit des Islam Frauen und Männer gleichermaßen gelehrt in ihrer Religion waren und auch aus den ersten Jahrhunderten des Islam Theologinnen bekannt sind, werden heute theologische Debatten hauptsächlich von Männern geführt. Die meisten Bücher über Frauen im Islam und das Ehe- und Familienleben sind von Männern geschrieben und Männer sind es, die Frauen ihren Platz in der Gesellschaft zuweisen.


© Asma Aiad

Dabei verändert die Teilnahme von Frauen Diskurse grundlegend: Anstatt darüber zu diskutieren, ob das Schlagen von Frauen sich aus dem Koran ableiten lässt oder ob Frauen und Männer gleiche Rechte und Pflichten haben, kritisieren sie männliche Theologen dafür, dass sie solche Fragen überhaupt noch stellen. Sie fordern mit Verweis auf Frauen aus der frühen islamischen Geschichte und die Primärquellen des Islams Geschlechtergerechtigkeit, die gerechte Verteilung von Erwerbs- und Hausarbeit, aber auch adäquate Räume für Frauen in Moscheen, die gleichberechtigte Teilnahme von Frauen in religiösen Zeremonien und weibliche Autoritäten in islamischen Einrichtungen. Und es sind nicht nur Frauen, die diesen Kampf für Geschlechtergerechtigkeit führen, sondern auch viele Männer, die ihnen zur Seite stehen und mit der gleichen Überzeugung kämpfen. Das Eintreten für die Gleichstellung und Selbstbestimmung, die Überwindung von frauenfeindlichen Praktiken und Traditionen, das Infragestellen einer männlich dominierten Theologie gehen Hand in Hand mit ihrer religiösen Überzeugung von Gerechtigkeit.

Universelle feministische Forderungen: Bildung und wirtschaftliche Unabhängkeit

Doch der Einsatz für mehr Geschlechtergerechtigkeit ist für muslimische Frauen in Europa und Nordamerika nicht genug. Sie treten auch gegen das stereotype Bild von Musliminnen als Opfer oder islamistische Gefahr auf und weisen auf Rassismus und Diskriminierung hin. Den Kampf gegen Ungleichheit in der muslimischen Community können sie selber führen. Was die Gesellschaften betrifft, in denen sie leben: Wer sich wirklich für die Anliegen von muslimischen Frauen interessiert, soll sie nicht von ihrer Religion oder ihrer Bekleidung „befreien“, sondern ihnen zuhören, sie für sich selber sprechen lassen. Die größten Herausforderungen, vor denen muslimische Frauen heute stehen sind die einseitigen und undifferenzierten Darstellungen, Alltagsrassismus, schlechte Bildungschancen sowie Diskriminierung am Arbeitsmarkt. In der wichtigsten, feministischen Kernforderung nach einem selbständigen Leben durch Bildung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit sollten sich alle Feministinnen unabhängig von Religion einig sein (14. März 2016).