Integration MIT Flüchtlingen ist immer auch Beziehungsarbeit

von Myassa Kraitt

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Myassa Kraitt studierte Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und ist als Beraterin und Referentin tätig. Sie ist Mitbegründerin der Beratungsstelle Extremismus und seit mehreren Jahren im Flüchtlingsbereich tätig, u.a. in der Erstaufnahmestelle in Traiskirchen, in der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen für den Arbeiter Samariter Bund, sowie bei Caritas Sintem und Hemayat - Zentrum für Kriegs- und Folterüberlebende.

In unserer globalen Gesellschaft lassen sich krisenhafte Entwicklungen erkennen, am deutlichsten sind diese anhand aktueller Kriege, Flüchtlingsströme und Wirtschaftskrisen abzulesen. In jüngster Zeit ist „der Flüchtling“ bzw. die sogenannte „Flüchtlingskrise“ eines der bestimmenden gesellschaftlichen Themen. In den zahlreichen Diskussionen zum Thema Integration werden politische Machtverhältnisse und Interessen deutlich, die je nach politischer Agenda die Deutungshoheit für den Begriff Integration für sich in Anspruch nehmen.
Die Materie ist nicht nur komplex sondern ein vielschichtig umstrittenes Terrain, angefangen bei der Begrifflichkeit bis hin zur tatsächlichen Praxis. In der aktuellen Debatte zum Thema Integration von Flüchtlingen wird den Aktuer_innen primär eine passive Rolle zugeschrieben. In der Regel sind Flüchtlinge selbst am Rande der Integrationsdebatte Objekte der Information und keine Subjekte der Kommunikation. Frauen die flüchten sind von jener Objektifizierung noch härter betroffen. Sollte Integration jedoch als gemeinsames Projekt zu verstehen sein, müsste das primäre Anliegen sein, Flüchtlinge als aktive Akteur_innen und Dialogpartner_innen aus der Peripherie ins Zentrum der Integrationsdebatte zu holen.
Zunächst stellt sich die Frage nach den Zielformulierungen von Integration. Wenn ein Ziel von Integration die Bemächtigung und Befähigung von Flüchtlingen ist, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und als gesellschaftliche Akteur_innen aktiv zu werden, dann ist der Dialog auf Augenhöhe als Basis unabdingbar. Sollte Integration als emanzipatorischer Prozess verstanden werden, der aus den Fesseln der Marginalisierung und strukturellen Gewalt führen soll, im Sinne der Selbstwirksamkeit und Partizipation, stellt sich die Frage, inwiefern Werteschulungen unter Anwendung des Top-down Ansatzes hilfreich sind, um Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit zu stärken.


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Mündigkeit und Selbstbestimmung sind leider viel zu selten Themen der Integrationsdebatte. Es dominiert eher das Prinzip der Anpassung, indem sich eine ausstehende Gruppe der vermeintlich homogenen Gesellschaft anzupassen hat, ohne das suggerierte homogene Ganze differenziert zu betrachten. Diesem Prinzip nach hat sich der Schwächere dem Stärkeren oder die Schwächere der Stärkeren anzupassen. Integration ist jedoch ein wechselseitiger Bildungs- und Beziehungsprozess welcher den stetigen Veränderungen und Dynamiken der Globalisierung und Migration ausgesetzt ist. Es ist naiv zu glauben, dass die Globalisierung keinerlei Anpassungsansprüche an die Aufnahmegesellschaft stelle.
Wie könnte nun die Integration von Flüchtlingen in Österreich, vor allem hinsichtlich des Zugangs zu Bildung und Beschäftigung, aussehen? Welche Grundsätze sollten in der politischen Debatte berücksichtigt werden? Subjektorientierung und das Recht auf Handlungsfähigkeit, sprich der Flüchtling als Subjekt der Kommunikation und seiner Lebensbedingungen, sollten Ausgangspunkt und nicht Endpunkt der Debatte sein. Zuallererst sollte ein freier Zugang zu Bildung gewährt werden und das Bildungsangebot an die Lebensbedingungen und -situationen der Adressant_innen ausgerichtet werden. Niederschwellige Angebote jenseits institutioneller und struktureller Barrieren wie beispielsweise Sprachförderung auf niederschwelligem Niveau, Zugang zum Arbeitsmarkt und Wohnraum inmitten der Gesellschaft erleichtern erstmals den Zugang und den Beziehungsaufbau.
Der Spracherwerb und die Unterstützung bei der Gestaltung der Tagesstruktur sollten nicht erst mit positivem Asylbescheid ermöglicht werden. Je früher Orientierungsangebote geschaffen werden, mit der Aussicht das neue Bildungssystem kennen und nutzen zu lernen, desto schneller können die Akteur_innen auf die für sie passenden Maßnahmen und Unterstützungsangebote zugreifen. Dieser Zugriff erleichtert ihnen die Erarbeitung von Perspektiven. Einen Tag länger warten bedeutet einen Tag weniger Deutsch gelernt, einen Tag weniger selbstständige/r Akteur_in des eigenen Lebens sein. Fehlende Sprachkenntnisse verzögern den Integrationsprozess; dies führt zu sozialer Isolation, Abhängigkeit und Orientierungslosigkeit. Wo heute Flüchtlinge Deutsch als Zweitsprache erwerben, können sie in Beziehung und Anbindung an die Gesellschaft die emotionale Sprache der Generation von morgen sein. Interessant ist, dass jene neo-konservativen Stimmen, welche die Kürzungen von Deutschkursen und Bildungsangeboten forcieren, auch jene sind, die sich über die fehlgeschlagenen oder verzögerten Integrationsprozesse beklagen.


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Geflüchtete Menschen brauchen genauso wie ansässige Menschen soziale Beziehungen und Netzwerke. Bildung allein reicht vermutlich nicht aus, um den Kontakt zur Aufnahmegesellschaft zu intensivieren. Die Förderung des Aufbaus sozialer Netzwerke ist eine weitere Bedingung für nachhaltige Integration. Menschliche Bedürfnisse und Schicksale müssen ernst genommen werden und diese benötigen Räume der Solidarität sowie individuell zugeschnittene und prozesshafte Beratungsangebote. Diese sollten nicht nur den rechtlichen Bereich abdecken, sondern auch den psychosozialen. Posttraumatische Belastungen können beispielsweise zu Lern- und Konzentationsschwierigkeiten, Gedächtnislücken, Orientierungsverlust, Schlaflosigkeit und Depression führen. All diese Faktoren können den Spracherwerb, die Erwerbstätigkeit und die soziale Interaktion erschweren oder sogar verhindern. Der freie Zugang zu Bildung ist hier nicht ausreichend für eine gelungene Integration; hier bedarf es der Eruierung der individuellen Bedarfslage. Um es in den Worten meines Kollegen Daniel Ritter, Leiter von Caritas Sintem, aus zu drücken: „Psychotherapie ist immer auch Integration“. Jedoch müssen Flüchtlinge aufgrund des hohen Bedarfs und unzureichenden Angebots mit Wartezeiten von 9 Monaten bis 12 Monaten zu rechnen. Für traumatisierte Kriegs- und Folterüberlebende, die häufig einem enormen Leidensdruck ausgesetzt sind, verzögert sich die psychosoziale Hilfe ebenso um mehrere Monate.
Wer eine schnellere und bessere Integration VON Flüchtlingen befürwortet, sollte über die Integration MIT Flüchtlingen nachdenken und die Stärkung ihrer Handlungsfähigkeiten ins Zentrum der Debatte holen. Integration MIT Flüchtlingen passiert im horizontal ausgerichteten Dialog zwischen Partner_innen und nicht in der vertikal angelegten Diskussion über die Geflüchteten. Integration ist immer auch als Beziehung und als Prozess wechselseitigen Kennenlernens, Lernens- und Sich-Veränderns zu begreifen (27. Juni 2016).

Weiterführende Links und Literatur

Caritas Familienzentrum Wien, Sintem - Interkulturelle psychotherapeutische und psychologische Angebote für Flüchtlinge

Arbeiter-Samariter-Bund Österreich, Haus Sidra für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge


Hemayat – Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende

Bundesministerium für Familie und Jugend, Beratungsstelle Extremismus - Beratung, Prävention, Intervention

Binder, Susanne; Kössner, Eva (2015) Erfahrungen teilen – Vielfalt erleben: Interkulturelles Mentoring und Mehrsprachigkeit an österreichischen Schulen.
Reihe: Interkulturelle Pädagogik, Bd. 15, LIT Verlag, Wien.

Hadler, Simon (2015) Die Angst vor dem 'Ansturm'. Fakten und Schicksale: Basiswissen für die laufende Asyl-Debatte - eine Momentaufnahme, die bleibt. Carl Hanser Verlag, München.

Ein Leben in der Schublade. Die Gefahren von Fanatismus und anti-muslimischem Rassismus. fm4 Interview mit Thyma Kraitt, Myassa Kraitt und Ayper Cetin, 22. September 2014.

Feldman, Gregory (2011) The Migration Apparatus: Security, Labor, and Policymaking in the European Union. Stanford University Press, Palo Alto.

Langthaler, Herbert (2010) Integration in Österreich: Sozialwissenschaftliche Befunde. Studienverlag, Innsbruck.

Friesenbichler, Bianca (2007) Paulo Freire. In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. Basisbildung - Herausforderungen für den zweiten Bildungsweg. Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Ausgabe 1. Überarbeitete Fassung, Wien.

Binder, Susanne (2004) Interkulturelles Lernen aus ethnologischer Perspektive: Konzepte, Ansichten und Praxisbeispiele aus Österreich und den Niederlanden. Interkulturelle Pädagogik 1. LIT Verlag, Münster.