Ewald Nowotny: Die Auswirkungen der globalen Finanzkrise auf Zentral- und Osteuropa

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Univ. Prof. Dr. Ewald Nowotny habilitierte sich in Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft und lehrte an verschiedenen Universitäten. Von 1981 bis 2008 war er ordentlicher Univ. Professor an der Wirt­schafts­­universität Wien. Er war u.a. in der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg und als Generaldirektor der  BAWAG P.S.K. Bank für Arbeit und Wirtschaft tätig. Seit 1.9.2008 ist er Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank - OeNB. Politisch war er von 1979 bis 1999 Abge­ordneter zum Nationalrat, davon viele Jahre Vorsitzender des Finanzausschusses.

Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in der tiefsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Die von den Vereinigten Staaten ausgehende Subprime-Krise griff nicht nur auf andere Länder und Finanz­marktsegmente über, sondern erfasste mit kurzer Zeitverzögerung auch die Realwirtschaft. Die Folge war eine rasante Eintrübung der globalen Wachstumsaussichten, die sich zugleich in wiederholt starken Abwärtsrevisionen der Prognosen für das Weltwirtschaftswachstum manifestierten. Die Krise erreichte zunächst die entwickelten Volkswirtschaften und übertrug sich vor allem ab Herbst 2008 immer mehr auch auf aufstrebende Märkte, die sich zuvor gegenüber der Finanzmarktkrise als immun gezeigt hatten.

Ähnliches gilt für die aufstrebenden Volkswirtschaften Zentral- und Osteuropas, die bis zum Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 von der globalen Finanzmarktkrise nur wenig tangiert waren. So war das Wirtschaftswachstum in den meisten zentral- und osteuropäischen Ländern bis zum dritten Quartal 2008 relativ hoch und auch die Finanzmärkte präsentierten sich über weite Strecken in erstaunlich guter Verfassung, und zwar auch im Vergleich mit anderen aufstrebenden Märkten in Asien oder Lateinamerika.

Situation an den Finanzmärkten Zentral- und Osteuropas

Mit der Intensivierung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im Herbst 2008 begannen auch die Länder Zentral- und Osteuropas – zum Teil auch stärker als andere Emerging Markets – die negativen Auswirkungen der Krise zu spüren, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Volkswirtschaften mit hohen externen Ungleichgewichten (vor allem Baltikum, einige südosteuropäische Länder und Ukraine) waren bzw. sind stärker betroffen als Länder mit solideren makroökonomischen Fundamentalfaktoren (wie etwa Tschechische Republik, Polen, Slowenien und die Slowakei). Vor dem Hintergrund der schwindenden Risikoneigung von Investoren gegenüber aufstrebenden Volkswirtschaften im Allgemeinen bzw. Zentral- und Osteuropa im Besonderen sah sich die Region mit einer deutlichen Verschlechterung der externen Finanzierungsbedingungen konfrontiert. Das schlug sich nicht nur in höheren Finanzierungskosten sondern auch in einem Rückgang der Kapitalströme in die Region nieder. Die Aktien- und Staatsanleihenmärkte kamen infolge der massiv steigenden Risikoprämien – teilweise stark – unter Druck. In manchen Ländern wurden diese Entwicklungen zudem von substantiellen Wechselkurskorrekturen begleitet, die allerdings zum Teil eine Gegenbewegung zu früheren starken Aufwertungen darstellen.

Seit Ende Februar hat sich die Situation an den Finanzmärkten Zentral- und Osteuropas jedoch wieder etwas beruhigt, was sich dank eines freundlicheren globalen Investitionsumfeldes in Kursanstiegen an den Aktienmärkten, in Rückgängen bei den Risikoprämien und in Aufwertungstendenzen bei den Wechselkursen widerspiegelt. Zu dieser Stabilisierung haben auch die Beschlüsse der G20 (zusätzliche IWF-Mittel), die Erhöhung der EU-Zahlungsbilanzhilfe und die konkrete Vereinbarung von IWF/EU-Kreditabkommen mit einzelnen Ländern dieser Region beigetragen. Erst kürzlich wurde ein IWF/EU-Paket für Rumänien freigegeben, nachdem auch schon für Ungarn und Lettland ähnliche Arrangements ausgehandelt worden waren. Zudem haben auch die Ukraine, Belarus, Bosnien-Herzegowina und Serbien IWF-Stand-by-Kredite erhalten. Im Gegensatz zu diesen „Unterstützungspaketen“, die an die Erfüllung bestimmter Bedingungen über die jeweilige Programmdauer hinweg gekoppelt sind, erhielt Polen für die Dauer von einem Jahr Zugang zu einer „Flexiblen Kreditlinie“ – eine für Länder mit guten Fundamental­faktoren neu geschaffene IWF-Fazilität.

Realwirtschaftliche Effekte der Krise

Während also in den letzten Monaten an den Finanzmärkten eine gewisse Erholung eingesetzt hat, kommen nun die realwirtschaftlichen Effekte der Krise mehr und mehr zum Vorschein. Das Wachstum in Zentral- und Osteuropa verringerte sich im Schlussquartal 2008 merklich und der wirtschaftliche Abschwung verstärkte sich im ersten Quartal 2009 – so wie auch im Euroraum – weiter. Die starke Abkühlung sowohl der Auslands- als auch der Binnennachfrage zeigt sich vor allem in einem Einbruch der Exporte, der Industrieproduktion und der Einzelhandelsumsätze sowie einer Verschlechterung des Arbeitsmarkt­umfeldes.

Während die Wirtschaft im Euroraum im ersten Quartal 2009 um 4,6% schrumpfte, reichten die negativen Wachstumsraten in Zentral- und Osteuropa von 3,4% in der Tschechischen Republik, über 6,4% in Rumänien bis hin zu zweistelligen Rückgängen im Baltikum. Der Wachstumsvorsprung Zentral- und Osteuropas gegenüber dem Euroraum, der in den letzten Jahren bei etwa 3 Prozentpunkten lag, wird sich 2009 und 2010 deutlich verringern.

Prognose für Zentral-und Osteuropa für 2010

Auch wenn der wirtschaftliche Aufholprozess vorübergehend stark gebremst, wenn nicht unterbrochen wird, spricht mittel- bis langfristig einiges dafür, dass sich der Wachstumsabstand Zentral- und Osteuropas zum Euroraum wieder ausweiten wird: Viele Länder zeichnen sich weiterhin durch gute Wettbewerbsfähigkeit (vergleichsweise niedriges Lohnniveau, hohes Bildungsniveau) aus und profitieren von der vorteilhaften geografischen Position. Darüber hinaus werden sich die an die zentral- und osteuropäischen EU-Mitgliedsländer fließenden Mittel aus den EU-Struktur- und Kohäsionsfonds auch künftig positiv auswirken. So dürfte Zentral- und Osteuropa den aktuellen Prognosen zufolge bereits 2010 wieder auf einen – vorerst noch moderaten – Wachstumspfad zurückkehren. (Ewald Nowotny, 27. Mai 2009)

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