Finanz- und Wirtschaftspolitik: Helene Schuberth: Ist die Krise männlich?

© Regine Hendrich
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Dr. Helene Schuberth ist Ökonomin und Mitglied des BEIGEWUM - Beirat für gesellschafts-, wirt­schafts- und umweltpolitische Alternativen.

Vor genau zehn Jahren warf sie endgültig das Handtuch. Brooksley Born, damals Vorsitzende der Commodity Futures Trading Commission, der für den Derivatehandel zuständigen US-amerikanischen Aufsichtsbehörde, hat einen langen von Anfang an aussichtslosen Kampf für die Regulierung der Kreditderivate verloren und legte schließlich ihre Vorsitzfunktion zurück. Alan Greenspan, neben Finanzminister James Rubin und Chefberater Lawrence Summers einer ihrer mächtigen Gegner, warf ihr nicht nur Inkompetenz vor, sondern ging einen Schritt weiter: Ihre Regulierungsvorschläge würden gar eine Finanzkrise auslösen. Vor wenigen Wochen erhielt Born eine große Auszeichnung der John-F.-Kennedy-Bibliothek in Boston für ihren Mut. Hätte sie sich damals mit ihren scheinbar harmlosen Forderungen nach einer Clearingstelle und Beaufsichtigung des Kreditderivatehandels durchgesetzt, wären die Auswirkungen der Finanzkrise bei weitem nicht so dramatisch. 

Das Beispiel einer Frau, die einen aussichtslosen Kampf für das Selbstverständliche führt, ist mehr als die von Wissenschaftern viel belächelte anekdotische Evidenz. Dieser Fall offenbart zahlreiche strukturelle Charakteristika der Finanzwelt, die darauf hindeuten, dass Finanzkrisen nicht bloß mit Regulierungs­versagen, fehlender Moral oder makroökonomischen Ungleichgewichten zusammen­hängen. Die Krise ist systemisch. Eine der systemischen Elemente ist das Fehlen von Frauen und deren Interessen in den regulatorischen Entscheidungsgremien. Die Finanzkrise ist männlich, aber nicht in dem simplen Sinne, wie er oft diskutiert wird, dass Finanzmarktakteure männlich sind. Letztere sind Getriebene, die unter ungeheurem Renditedruck ein laxes Regelwerk ausreizen. Dass Frauen in diesem Regelwerk anders agieren würden oder können, ist fraglich, wenngleich empirische Untersuchungen gezeigt haben, dass Frauen weniger risikofreudig seien (Barber and Odean 2001) und daher – entgegen dem gängigen Vorurteil – stärker rational agierten, das Investitionsverhalten von Investoren männlichen Geschlechts hingegen von übertriebenem Selbstvertrauen gekenn­zeichnet sei, das in keiner Beziehung zur Fähigkeit dieser stehe. Irrationalität und ineffiziente, krisenanfällige Märkte seien die Folge. 

Betrachtet man aber die Finanzkrise mit dem Blick einer historisch und legistisch interessierten ÖkonomIn, dann rücken sogenannte epistemische Netzwerke ins Blickfeld, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten wesentlich dafür verantwortlich waren, dass sich neoliberale regulatorische Praktiken, die am besten mit dem Begriff der Selbstregulierung umschrieben werden können, weltweit ausgebreitet haben. An die Stelle des Staates traten staatlich-private Netzwerke: unab­hängige Finanzmarktaufsichtsbehörden, Experten und auch Vertreter der Finanzindustrie. Es entstand eine Struktur, in der sich nationalstaatliche und internationale, halbstaatliche und private Netzwerke überlagern, und die, wie der Politikwissenschaftler Phil Cerny sagt, den im Mittelalter üblichen Herrschaftsformen nicht unähnlich ist. Diese epistemischen Netz­­werke sind selbst-referenziell; sie sind immun gegen Kritik von außen, da sie sich ihr nicht stellen. Das über­bordende Selbstvertrauen und die Legitimation, ein solches zu haben, bezieht man aus der Zugehörig­keit zur Denkschule der neoklassischen marktradikalen Ökonomie, ein von Männern konstruiertes Gedanken­­gebäude, das die letzten Jahrzehnte umfassende Gültigkeit beanspruchte und dies nach wie vor tut.

Frauen werden von diesen Netzwerken fern gehalten. Der Frauenanteil in den diversen Komitees liegt im Durchschnitt bei unter zehn Prozent (Schuberth und Young 2009). Die Entscheidungsträger sind fast ausschließlich männlich, Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen getroffen. Frauen sind hier ausgeschlossen, weil ihr Denken und Handeln der ökonomischen Rationalität nicht entsprechen würde, da sie wenig Verständnis dafür aufbrächten, so das Vorurteil, dass nur das zielstrebige und durch Regulierung ungestörte Verfolgen des Eigennutzens im rauen Wind des Wettbewerbs den Fortschritt für die Menschheit bringen würde. Frauen, die mitspielen wollen, müssen überzeugend dieses Vorurteil widerlegen, so wie überhaupt der reflexive Mitspieler das Äußerste ist, was geduldet wird. Sofern es den Frauen gelingt, in diese exklusiven Klubs vorzudringen, ist dies mit hohen Anpassungsleistungen verbunden, mit der Unterordnung unter die herrschenden Prinzipien des ökonomischen Mainstream.

Finanzmarktregulierung wird als technische Angelegenheit begriffen. Der Einsatz von quantitativen Modellen der Risikoabschätzung hat bei den Regulatoren eine Kontrollillusion erzeugt – mit den bekannten Folgen. Die Bedeutung der Finanzmarktregulierung geht allerdings weit über die Sicherung der Finanzmarktstabilität hinaus. Das angelsächsische Selbstregulierungssystem hat nicht nur die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds geführt, sondern unabhängig davon weitreichende gesellschafts­politische Auswirkungen gehabt: unter dem Druck der Aktionärsinteressen wurde Risiko individualisiert, Pensionsvorsorge privatisiert und sozialstaatliche Leistungen zurückgedrängt. Dies ging einher mit fallenden Lohn­quoten und Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte. Frauen sind von dieser Umgestaltung der Gesellschaft besonders betroffen: die Prekarisierung der Arbeitswelt trifft sie äußerst hart, die hohen geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede haben sich ausgeweitet, das Vermögen ist zwischen den Geschlechtern noch stärker ungleich verteilt. Klar ist aber auch, dass die Erhöhung der Staatsschulden bereits jetzt den Druck enorm verstärkt, bei den Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsausgaben einzusparen; der Verteilungskampf um knappe Budgetmittel wird intensiver; Frauen trifft das überproportional, da viele von ihnen Empfängerinnen sozialstaatlicher Transfers sind. Die nach überstandener Krise erforderliche Konsolidierung des Budgets wird den Druck in diese Richtung noch weiter erhöhen. Das „Zurückdrängen der Frauen an den Herd“, die Verrichtung unbezahlter Haus-, Pflege- und Betreuungsarbeit wären die Folge.

Die Ausgestaltung des Finanzsystems hat massive Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Frauen. Dass diese nach wie vor in finanzmarktregulatorisch wichtigen Entscheidungsgremien nicht vertreten sind, ist demokratiepolitisch nicht zu akzeptieren. Jene, die von wirtschaftspolitischen Maßnahmen betroffen sind, müssen auch mitentscheiden können. 

In ihrer Dankesrede bei der Preisverleihung unternahm Brooksley Born den verzweifelten Versuch, an die Vernunft der Entscheidungsträger zu appellieren, die selbstverständlichen regulatorischen Schritte nun doch umzusetzen, ansonsten, so Born „werden wir in den kommenden Jahren von den Folgen unseres Scheiterns verfolgt werden“. Da nicht diejenigen scheitern, die die Krise verursacht haben, geht dieser Appell ins Leere. (14. Juli 2009)

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Literaturangaben

Barber, Brad M. and Terrance Odean (2001), Boys will be Boys: Gender, Overconfidence and Common Stock Investment, in: Quarterly Journal of Economics. 116(1): 261-292.

Schuberth, H: and B. Young, Financial Market Regulation and Gender (2009), in: Young Brigitte and Diane Elson (Hrsg.), Global Financial Governance and Gender: Key Issues and Policy Rules. Routledge, (forthcoming 2009).

Weiterführende Informationen zur Finanzkrise

UN-Konferenz zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise in New York

UN-Konferenz zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise: Die UN tagte von 24. bis 26. Juni 09 in New York, vor allem als Initiative der Länder die vom G20-Prozess ausgeschlossen sind. Gerade die Entwicklungsländer sind von der Krise am stärksten betroffen: Auslandskapital bleibt aus, Rohstoffpreise fallen etc. Um soziale Unruhen zu verhindern und die wachsende Armut und Hunger zu stoppen, braucht es dringend mehr Mittel. 

Als Abschlussdokument wurde ein 16seitiger Maßnahmenkatalog verabschiedet. Outcome of the UN Conference on the World Financial and Economic Crisis and its Impact on Development.

Bericht der Commission of Experts of the President of the UN General Assembly on Reforms of the International Monetary and Financial System (120 Seiten):

Viele Vorschläge der „Stiglitz-Kommission“ (die UNO hat die Expertenkommission unter der Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz eingesetzt) wurden von den Industrieländern abgelehnt, zB die Schaffung einer neutralen Reservewährung als Ersatz für den US Dollar. Diese Kommission publizierte die bislang schonunsloseste „offizielle“ Analyse der Krisenursachen und machte die kohärentesten Reformvorschläge. Der Bericht der Expertenkommission geißtelt den Marktfundamentalismus, während die Industrieländer und die G20 weiterhin freien Kapitalverkehr begrüßen und diese Themen in Weltbank und IWF, die sie aufgrund ihrer Stimmrechte überproportional beeinflussen, behandeln wollen. NGOs und Globalisierungs­kritiker sehen die Ergebnisse der UN-Konferenz als schwach und fordern, das Thema Finanzkrise und die Folgen für arme Länder als Hauptthema für die nächste UN-Generalversammlung im September 09 zu verankern. Sie kritisieren, dass auf dem zentralen Feld der Re-Regulierung der Finanzmärkte das Dokument sehr sparsam mit Vorschläge ist und damit den G20 das Feld überlässt. Eine verpasste Gelegenheit ist es auch, dass von der Notwendigkeit besonderer Stimulus-Pakete für die Dritte Welt zwar die Rede ist, aber keine einzige konkrete Initiative ergriffen wird. Die Stiglitz-Kommission empfahl, dass 1% der Rettungspakete der Industrieländer – rund 200 Milliarden US Dollar – in den Entwicklungsländern angelegt werden sollten, zusätzlich zu den schon längst versprochenen Entwicklungszusammenarbeits-Mitteln. Diese Empfehlung wurde beim UN-Gipfel abgelehnt. Es bleibt bei den 1,1 Billionen US Dollar, die die G20 in London angekündigt haben. Dennoch: der Anspruch der Vereinten Nationen, der G192, in Wirtschafts- und Finanzfragen ein gewichtiges Wort mitzureden, wurde neu begründet und bekräftigt. Es ist gelungen, einen Follow-Up-Mechanismus zu installieren.

IPS-Pressemeldung vom 25. Juni 09: UN: In Krise alle Register ziehen – Präsident der UN-Vollversammlung im IPS-Gespräch. Im Interview mit Thalif Deen kritisierte Miguel d’Escoto Brockmann Länder und Institutionen wie IWF, die aus offensichtlichen Gründen gegen die globalen Gespräche sind. (Anmerkung: nur 30 Staats- und Regierungschef waren anwesend, alle aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Industrieländer schickten nicht allzu hochkarätige VertreterInnen. Die Chefs von Weltbank und IWF, Zoellick und Strauss-Kahn, kamen ebenfalls nicht). Sie seien nicht bereit, ihre Privilegien aufzugeben und vom Sockel der Selbstgefälligkeit herabzusteigen. Von den 1,1 Billionen Dollar, die auf dem G20-Gipfel in London zugesagt wurden, sind lediglich 50 Milliarden Dollar explizit für Entwicklungsbelange und soziale Maßnahmen bestimmt. Das ist wenig angesichts der Weltbankberichte über finanzielle Ausfälle von ein bis zwei Billionen Dollar in den ersten drei bis vier Jahren der Krise, so M. d’Escoto Brockmann.

Bericht (20 Seiten) des UN-Generalsekretärs zur UN-Konferenz zur Finanz- und Wirtschaftskrise und die Auswirkungen auf Entwicklung:

Civil Society Background Document on the UN Conference on the World Financial and Economic Crisis: The European Civil Society Round-up: News Blog Weltwirtschaft und Entwicklung.  

Weitere Lesehinweise zur Finanzkrise und Entwicklungsländer

Beim G8-Gipfel in L’Alquila Anfang Juli 09 wurde über Finanzen, Klima, Hunger, Handel und Iran diskutiert. Bereits 2005 in Gleneagles versprachen die G8 eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe bis 2010, doch sind sie weit davon entfernt. Im L’Alquila-Abschluß-Statement zur Global Food Security wurde zwar festge­halten, dass die Zusagen für die Erhöhung von Entwicklungshilfe eingehalten werden sollen, doch das gebetsmühlenartige Wiederholen von nicht eingehaltenen Versprechen macht die Glaubwürdigkeit der reichen Länder nicht gerade größer.

Poor countries hit harder than expected by global financial and economic crises: Die britische ODI-Studie zeigt das Bild von sinkendem Handel, weniger Remittances und verlorenen Arbeitsplätzen.

Developing Countries pay the hightes price for the crisis: UN-DESA-News Vol. 13, No. 6 vom Juni 09

Crisis facing Africa can be turned into an opportunity: der Africa Progress Panel, geleitet von Kofi Annan, hat die afrikanischen Führer aufgerufen, die derzeitige Krise als Chance für den Kontinent zu sehen. Kofi Annan, der früher UN-Generalsekretär, Graca Machel, Frauenaktivistin, und Linah Kelebogile Mohohlo, Bank von Botswana, stellten am 10. Juni 09 den Bericht beim World Economic Forum on Africa vor: mehr Investitionen sind notwendig für Afrikas Realwirtschaft, insbesondere Infrastruktur, erneuerbare Energie, Landwirtschaft und Kommunikation. Die Wirtschaftskrise, Klimawandel und Nahrungsmittelkrise sind alle verbunden und können nicht separat voneinander gelöst werden. Wir brauchen ein neues Entwicklungs­modell, das Sicherheit und Stabilität gibt, so Annan.

Globaler Reichtum trotzt Finanzkrise: so schlimm ist es gar nicht. Dem aktuellen World Wealth Report zufolge ist sowohl die Zahl als auch das Vermögen der globalen Dollar-Millionäre lediglich auf das Niveau von 2005 zurückgegangen. Eine Besteuerung dieser Vermögen könnte die globale Krise bewältigen helfen, schreibt Christian Felber im Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung Nr. 7-8/2009.

Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Entwicklungsländer: Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) äußert sich laufend zu Themen der Finanzkrise. Für Schwellenländer stellen sich große Herausforderungen hinsichtlich der Stabilisierung und Regulierung ihrer Finanzmärkte während in den ärmsten Entwicklungsländern die wirtschaftspolitischen Spielräume zur Abfederung der Folgen der globalen wirtschaftlichen Depression besonders eng sind. Es zeichnet sich ab, dass neue Verschuldungs­krisen entstehen werden.

Liberalisierung von Finanzdienstleistungen in Freihandelsabkommen am Beispiel Indien. Trotz der Finanzkrise setzt die EU weiterhin auf eine Liberalisierung und Deregluierung von Finanzdienstleistungen in Freihandelsabekommen. Der neue WEED-Hintergrund zeigt am Beispiel des geplanten EU-Indien-Frei­handels­­abkommens auf, welche Interesse die EU und europäische Finanzlobby verfolgen und welche Folgen sich daraus insbesondere für die arme Bevölkerung in Indien ergeben.