Vierte Kolonialisierung Afrikas? Karin Kneissl: Afrikas Sonne im Visier der Stromkonzerne

© Karin Kneissl
© Karin Kneissl

Dr. Karin Kneissl ist freie Korrespondentin und Lehrbeauftragte (u.a. Webster University Wien). Autorin des Buches „Der Energiepoker“ (2. Aufl. München 2008) 

In Afrika bricht die Nacht früh herein, und wenn die Nacht kommt, gibt es nichts zu sehen und wenig zu tun. Diesen Eindruck hatte bereits der polnische Journalist und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski, als er in den 1960er Jahren den dunklen Kontinent bereiste und so manche bis heute gültige Reportage verfasste. Die Elektrifizierungsraten auf dem rohstoffreichen Kontinent, dessen Erdöl, Kupfer und Diamanten die Energieversorgung des Nordens mit garantieren, sind niedrig. In Tansania, einem der besser entwickelten Länder in Subsahara Afrika, haben nur zehn Prozent der Bevölkerung Zugang zum Stromversorgungsnetz, im ländlichen Raum sind es knapp zwei Prozent. In der Sahelzone, wo die Wüste nicht zuletzt infolge der starken Abholzung und damit verbundenen Bodenerosion wächst, sind jene Staaten, die zu den Least Developed Countries zählen. Die Bedeutung von Energie für die Entwicklung wird vom Generaldirektor der UNIDO, der UN Organisation für industrielle Entwicklung, regelmäßig betont. Kandeh Yumkella stammt aus Sierra Leone und weiß wovon er spricht. Entsprechenden Raum nehmen Projekte kommunaler Energie­versorgung in der UNIDO-Planung ein. In dieselbe Richtung gehen die Forderungen der Weltbank und vieler anderer Geber. Die Bedeutung der Verbindung von Energie und Entwicklung wurde beim UN-Gipfel über nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im Sommer 2002 klar formuliert. Seither reihen sich Tagungen und gut gemeinte Projekte aneinander, um Investitionen in neue Energieformen für die am schwächsten entwickelten Räume zu ermöglichen.

Große Zukunftsvisionen werden seit Jahr und Tag gezeichnet. Hierzu zählen Erdgaspipelines zwischen Algerien und Nigeria quer durch die Sahelzone bis hin zum Aufbau erneuerbarer Energien in der Europäischen Mittelmeerpartnerschaft. Mitte Juni ließ eine Studie zum Bau von Solarkraftwerken in der Sahelzone erneut aufhorchen. In Auftrag gaben diese Studie die Versicherung Münchener Rück, Siemens, die Deutsche Bank und der Energiekonzern RWE. Die Kooperation von Versicherungen und Energie­konzernen fußt bereits seit Jahren auf dem Interesse v.a. der Rückversicherer, gegen den Klima­wandel vorzugehen. Dass Wetterextreme nicht nur am Horn von Afrika stattfinden, spüren v.a. die Versicherer infolge vermehrter Schäden.

Der Bau soll 400 Mrd. Euro kosten, in zehn Jahren soll Strom lieferbar sein. Solarkraftwerke werden u.a. in Spanien seit 2007 betrieben. Dabei wird – anders als bei Fotovoltaik, die Lichtenergie direkt in Strom wandelt – das Sonnenlicht mittels Spiegel gebündelt und so ein Spezialöl erhitzt. Dieses Öl verdampft Wasser, mit dem Dampfturbinen betrieben werden. Neben der Stabilität der Produktions­länder könnte sich der Transport des Stroms nach Europa als problematisch erweisen. Von Wissenschaftlern werden dabei „Strom-Autobahnen“ favorisiert. Das sind Gleichstrom-Leitungen mit 800 Kilovolt, die selbst auf 3000 Kilometer Entfernung nur 15 Prozent Leitungsverlust haben. 

Als „verwegenen Plan“ bezeichnet Hans-Bernd Menzel von der Leipziger Strombörse EEX dieses Vorhaben, das sich durch sehr viele Unwägbarkeiten auszeichnet. Bei einer Debatte zum Thema Energiewirtschaft in der Wirtschaftskrise, welche die Energieallianz Anfang Juli in Wien organisierte, wurde neuerlich klar, welchen Stellenwerkt umfassende Investitionen in erneuerbare Energien einnehmen sollten. Und zwar nicht nur für den Süden, sondern ebenso für den Norden. Die Idee der „Job­maschine“ infolge hoher Investitionen in Erneuerbare ist nicht neu. Woher sollen die Investi­tionen kommen? Für den Ökonomen Erich Streissler werden mit den nächsten Steuererhöhungen die Löcher im verschuldeten Sozialsystem des Nordens gestopft. Das Geld für eine nötige Energiewende wird im Norden und im Süden fehlen.

Das Vorhaben, nun auf afrikanischem Boden in derartige Kraftwerke zu investieren, sie durch private Sicherheitsfirmen zu schützen und autoritäre Regime zu stützen, um den Transit zu sichern, erscheint zynisch. Denn anstelle des Aufbaus regionaler Stromversorgung wird neuerlich Afrika als billiges Rohstofflager nur benützt. Wollte man die Phasen der Kolonialisierung beziffern, so würden wir bei Umsetzung eines derart zweifelhaften Projekts bei der vierten Phase sein. Waren es vor 300 Jahren die versklavten Menschen Westafrikas, dann der Gummi und das Gold des Kongos, der Privatbesitz des Königs der Belgier war, so wurden später die europäischen Kolonien für Rohstoffe und Landwirtschaft genutzt. Während des Kalten Krieges wurde Afrika ebenso instrumentalisiert. In den letzten Jahren übernahmen China und Indien die Kupferminen und Regenwälder. Afrika soll nun auch für Nahrungsmittelproduktion herhalten. Afrika ist Objekt und nicht Subjekt in der Staaten­gemeinschaft. Die „fat cats“, die korrupten Politiker, spielen dabei mit. Der kürzlich verstorbene Langzeitherrscher von Gabun, Omar Bongo, war eine solche fette Katze, die für französische Erdölkonzerne stets offene Ohren hatte. 

Der US-Erfinder Frank Shuman errichtete 1913 das erste Solar-Wärmekraftwerk in Meadi in Ägypten, sein technisches Konzept soll wieder Anwendung finden. Doch Shuman’s Kraftwerk diente der lokalen Energieversorgung. Darin liegt der große Unterschied. (3. Juli 2009)

Artikel als pdf