Sophie Hofbauer: Wer trägt die Schuld an der Hungerskatastrophe am Horn von Afrika?

© Sophie Hofbauer
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Mag. Sophie Hofbauer lebte und arbeitete von 2007-2011 in Äthiopien und war als UNHCR-Mitarbeiterin in verschiedenen Flüchtlingslagern tätig. Ihr nächster Einsatz wird sie nach Cote d’Ivoire führen, wo tausende Binnenflüchtlinge auf die Rückkehr in ihre Dörfer warten.


Im November 2008 war Dolo Ado im Süden Äthiopiens noch ein winziges staubiges Dorf. Als ein UNHCR-Team damals den Bau eines ersten Flüchtlingscamps plante, wusste man noch nicht, dass hier drei Jahre später die Hölle los sein würde. Am Dreiländereck, wo Somalia, Kenia und Äthiopien aufeinander stoßen, spielen sich seit Wochen Szenen ab, die an die Grenzen unserer Vorstellungskraft gehen. MitarbeiterInnen von 17 (!) humanitären Organisationen sind ständig im Einsatz für die völlig entkräfteten Flüchtlinge: vor allem für die Verteilung von Nahrung, für Wasseraufbereitung, Hygiene und sanitäre Einrichtungen, Schulen, und Gesundheit. Die Flüchtlinge sterben nicht nur an den Folgen der Unterernährung, sondern inzwischen sind in den Camps auch die Masern ausgebrochen.

Die Spendenmaschinerie ist seit Wochen in vollem Gange. Organisationen und JournalistInnen schockieren die Weltöffentlichkeit ständig mit neuen Berichten und Fotos der furchtbaren Lage. Womit die Weltöffentlichkeit jedoch kaum konfrontiert wird, ist die Tatsache, dass diese Katastrophe – wie jede Hungersnot – auch politische Ursachen hat und eine Folge einer ungerechten Verteilung von Ressourcen ist.

Politische Ursachen von Hunger

© Sophie Hofbauer
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Seit 1985 gibt es in Äthiopien ein Frühwarnsystem, um drohende Hungersnöte voraussagen zu können. Wie inzwischen bekannt ist, wusste man über die derzeitige Katastrophe schon seit Monaten Bescheid, aber reagierte wurde nicht bzw. viel zu spät. Warum? Wie konnten 32 Monate Dürre, die in dieser Gegend keineswegs unüblich ist, zu einer Hungerskatastrophe solchen Ausmaßes werden? 

Viele suchen die Schuld an der fehlenden Stabilität in Somalia, wo es keine funktionierende Zentralregierung gibt: Im Süden und Zentrum des Landes herrscht seit dem Sturz von Siad Barre vor 20 Jahren absolute Anarchie. Die international anerkannte, aber de facto machtlose Übergangsregierung kämpft seit 1998 gegen die islamistische ExtremistInnengruppe Al-Shabab. Diese Al-Quaida-nahe Miliz hat seit Jahrzehnten die humanitäre Arbeit im Land unmöglich gemacht. Hilfslieferungen aus dem Westen wurden abgelehnt oder für eigene Zwecke verwendet. Al-Shabab-VertreterInnen schämten sich nicht, bis vor kurzem die Hungerskatastrophe schlicht zu leugnen und als Propaganda des Westens abzutun. Die AMISOM-Friedenstruppen der Afrikanischen Union haben es zwar geschafft, sie vorläufig aus Mogadischu zu vertreiben, eine friedliche Lösung und Beruhigung der Situation im Land ist aber noch lange nicht in Aussicht.

Nahrungsmittel als Erpressung

© Sophie Hofbauer
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800.000 SomalierInnen sind bereits in die Nachbarstaaten Kenia und Äthiopien geflüchtet. Diese Länder sind selbst von der Hungerskatastrophe betroffen, eine Tatsache, die sie jedoch nie eingestehen würden. Fehler einzuräumen würde dem politischen Ansehen im In- und Ausland schaden. Trauriges Faktum ist, dass in Äthiopien Hunger immer schon bewusst zur politischen Unterdrückung eingesetzt wurde. Auch so bei den Parlamentswahlen im Mai 2010: Wer die amtierende Partei des Premiers Meles Zenawi (Ethiopian People‘s Revolutionary Democratic Front, EPRDF) nicht wählen wollte, dem wurden (und werden bis heute) von den Behörden keine Nahrung, Samen und Düngemittel ausgehändigt. Besonders die ländlichen Regionen, in denen die Opposition stark ist, sind davon betroffen. In einer BBC Undercover Investigation wurde kürzlich herausgefunden, dass so Milliarden Dollar, die als Entwicklungsgelder vom Ausland finanziert werden, den Bauernfamilien vorenthalten werden. Viele von ihnen erklärten den BBC Journalisten verzweifelt, sie würden sich nur noch von Blättern ernähren, da sie die Samen bereits gegessen hätten. Im Südosten Äthiopiens, der wie Somalia von der Dürre betroffen ist, wurden 2007 alle internationalen Organisationen der UNO und das Rote Kreuz aus der Region hinaus geworfen und eine militärische Operation durchgeführt, um Aufständische brutal niederzuschlagen. Laut Human Rights Watch kam es im Zuge dieser Monate anhaltenden Operation zu schrecklichen Menschenrechtsverletzungen.

Doch viel zu oft drücken die Geberländer bei den schönen Worten „good governance“ ein Auge zu, auch die österreichische Entwicklungszusammenarbeit, die Äthiopien als Schwerpunktland unterstützt und offensichtlich über politischen Machtmissbrauch dieser Art hinweg sieht. Die herrschende Korruption und absichtliche Vernachlässigung mancher ländlichen Regionen seitens der äthiopischen Regierung sind weitere Gründe, warum nachhaltige Selbstversorgung dort nicht stattfinden kann.

Leider übt die Afrikanische Union selten Kritik und findet auch keine klaren Worte zu Menschenrechtsverletzungen. Aus Angst, sich in heiklen Fragen gegenseitig auf die Zehen zu treten, ruft die Afrikanische Union wieder einmal die „internationale Gemeinschaft“ um Hilfe, anstatt die Verantwortung bei sich selbst zu suchen. Für Ende August wurde eine große Geberkonferenz einberufen; von 1,4 Milliarden Dollar ist die Rede, die dringend gebraucht werden, um den Menschen das Überleben zu sichern. Politische Aspekte oder umstrittene wirtschaftliche Konzepte wie das „land-grabbing“, das in Äthiopien bereits seit Jahren vor sich geht, werden vermutlich nicht besprochen werden. Die Weltgemeinschaft wird ihre Geldbeutel öffnen, aber was es langfristig braucht, sind sinnvolle Investitionen in die Landwirtschaft und Projekte zur Förderung der Lebensmittelsicherheit.

Im Moment werden die stark unterernährten Kinder in den Camps mit hochenergetisierter Spezialnahrung gefüttert, um sie am Leben zu halten. „Gib einem Hungernden keinen Fisch, sondern eine Angel“, lautet ein afrikanisches Sprichwort, aber den heute hungernden Menschen in Somalia, Äthiopien, Djibouti und Kenia wurde seit Jahren die Möglichkeit verwehrt, sich selbstständig mithilfe einer Angel zu ernähren. (19.8.2011)

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