Frauen sind das Rückgrat der Gesellschaft

von Gertrude Eigelsreiter-Jashari

© Schindlecker

Gertrude Eigelsreiter-Jashari ist Universitätslektorin, promovierte Soziologin, Kulturanthropologin und Pädagogin sowie Mitarbeiterin am Zentrum für Migrationsforschung in Niederösterreich. Sie nahm zum neunten Mal als Gender Expertin in der österreichischen Delegation der Frauenstatuskommission (CSW) der Vereinten Nationen teil, dessen 62. Sitzung heuer vom 12. - 23. März statt fand.

Das Schwerpunktthema befasste sich dieses Jahr mit „Herausforderungen und Chancen zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit und dem Empowerment von Frauen und Mädchen im ländlichen Raum“. In einem der über 500 parallel stattfinden Veranstaltungen von Staaten, Institutionen und NGOs, viele davon auch in Kooperationen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen sowie verschiedenen Ländern wurde festgestellt, dass Frauen – insbesondere Frauen am Land – das Rückgrat der Gesellschaft seien. Argumentiert wurde dies vor allem damit, dass in den Ländern des Globalen Südens überwiegend Frauen das Überleben ihrer Familien sichern und der Schlüsselfaktor in der Nahrungsmittelproduktion sind, sowohl für den eigenen Bedarf als auch für die Marktproduktion. Gleichzeitig repräsentiert die Landwirtschaft als der größte Beschäftigungsbereich weltweit 80% der Working Poor, mehrheitlich Frauen. Beispielsweise in Subsahara-Afrika und in Südasien arbeiten 60-70% der Frauen in der Landwirtschaft (UN Women, 2017). Frauen am Land sind also einerseits die Tragenden in der Ernährungssicherung und andererseits auch jene, die weitaus stärker von Armut betroffen sind als Männer. Gleichzeitig haben Frauen die entscheidende „Agency“ (Handlungsmacht) (UN ECOSOC, 2017) zur Reduktion von Hunger und absoluter Armut auf der Familien- und Gemeinschaftsebene beizutragen. Die Verbindung zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals), die Geschlechtergerechtigkeit inkludieren, sind während der CSW auch wiederholt aufgegriffen worden.


© CSW62 Symbol

Für die Themenwahl ausschlaggebend waren die steigenden Geschlechterungleichheiten und die negativen Auswirkungen des Klimawandels, insbesonders auf die Lebensbedingungen von Frauen am Land. Wichtig ist zu betonen, dass Frauen am Land keine homogene Gruppe dar stellen: es gibt Bäuerinnen mit kleinen Höfen, Viehzüchterinnen, Landarbeiterinnen, Allmenden nutzende Waldarbeiterinnen, Arbeiterinnen in Nicht-Agrarbereichen, in der Industrie, im Handel, als Unternehmerinnen, u.v.m. Sie können Mädchen, Frauen, Mütter, Witwen sein, der indigenen Bevölkerung angehören sowie körperliche und/oder geistige Beeinträchtigungen, HIV/AIDS, unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Gender Identitäten haben. Maßnahmen, die darauf abzielen, ihre Situation zu verbessern, müssen diese unterschiedlichen sozialstatistischen Merkmale und identitätsstiftenden Faktoren im Sinne der Intersektionalität künftig deutlich mehr berücksichtigen. Es wird sich zeigen ob diese Vielfalt im Dokument „Rural women‚ in all their diversity“ Niederschlag findet; jedenfalls werden die Mehrfach- und disproportionalen Belastungen und Diskriminierungsformen von Frauen am Land verstärkt in die Verhandlungen eingebracht.

Was sind die größten Hindernisse zur Erreichung von Geschlechtergleichheit und zum Empowerment von Frauen am Land?

Die größten Hindernisse werden von Expert_innen in der Vorbereitung zur CSW in zwei Hauptursachen gesehen:
1.    Das global dominierende neoliberale ökonomische Modell
2.    Die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels und die fehlende adäquate Reaktion darauf

Dem entsprechend sind die entscheiden Bereiche, in denen Maßnahmen zu setzen sind:
1.    Landbesitz und Landrechte, Zugang und Kontrolle über Ressourcen
2.    Ernährungssouveränität und Empowerment im Ernährungsbereich
3.    Rechte auf einen adäquaten Lebensstandard und sozialen Schutz
4.    Ermöglichen eines gerechten und gleichwertigen Übergangs für eine nachhaltige Zukunft für Frauen am Land (durch staatliche Investitionen in öffentliche Serviceleistungen und soziale Sicherheit)
5.    Selbstbestimmung über den Körper sowie über den Haushalt, die Ressourcen und die Gemeinschaft, Stärkung der kollektiven Macht von Frauen

Im ersten Entwurf des CSW Abschlussdokuments spiegelt sich dies in drei Maßnahmenbereichen wieder:
•    Stärkung des normativen und rechtlichen Rahmens sowie die Eliminierung aller Gesetze und Politiken, die Frauen und Mädchen am Land diskriminieren
•    Ökonomische und soziale Politiken zum Empowerment von Frauen
•    Stärkung der gemeinsamen Stimme, des Leaderships und der Entscheidungsmacht von Frauen am Land

Hunderte NGOs – einige aus Österreich wie beispielsweise Frauensolidarität, Women in Development Europe (WIDE), Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, Bundesjugendvertretung, Zentrum für Migrationsforschung, UN Women Nationalkomitee Österreich u.a. – sind vor Ort und versuchen den Prozess der Verhandlungen in eine positive Richtung zu lenken. Besonders hervorzuheben ist, dass im Unterschied zu den Jahren davor heuer zum ersten Mal das Thema Handel und Makroökonomie ernsthaft diskutiert wird. Auch die vorbereitende Expert_innengruppe hat dieses Thema an erste Stelle gereiht. Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen, Deregulierungen, Investitionsliberalisierungen und der Schutz ausländischen Kapitals hat die Gestaltungsmacht des Staates, Menschenrechte durch Gesetze zu schützen, eingeschränkt. Die ländliche Bevölkerung ist überwiegend stark von dieser Entwicklung betroffen: Land wurde geraubt, Agro-Multis haben den Markt monopolisiert und Gewinne wurden in Steueroasen gebracht. Ländliche, indigene Frauen zählen zu den größten „Verlierer_innen“ dieser Entwicklung. UN-Expert_innen haben vor entsprechenden Handelsabkommen gewarnt und auf die damit in Verbindung stehende Zunahme der Ungleichheit  zwischen Stadt und Land hingewiesen.
Die diesjährige Auseinandersetzung mit machtpolitischen und makroökonomischen Entwicklungen auf höchster Ebene in der Staatengemeinschaft der UNO bei der CSW kann als Fortschritt gesehen werden. Bisher ist die tragende Rolle von Frauen am Land in internationalen Dokumenten oft ignoriert oder unterbewertet worden. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass dieses Thema sehr heikel ist, sind doch die Verhandlungen 2012, wo diese Thematik auch auf der Agenda stand, gescheitert – und dies ist in der 62jährigen Geschichte der CSW erst drei Mal vorgekommen.


© WIDE

Die üblichen Streitthemen

Interessanter- aber nicht überraschenderweise sind es nicht spezifische Landthemen, die für Kontroversen sorgen, sondern die sattsam bekannten Themen: Sexuelle Erziehung und sexuelle und reproduktive Gesundheit. In Bezug auf letztgenanntes gilt hervor zu heben, dass der in diesem Zusammenhang ergänzend bzw. alternierend verwendete fortschrittlichere Begriff „Rechte“, der viele Jahre vehement diskutiert wurde, im ersten Entwurf des Verhandlungsdokuments nicht mehr vor kommt. Strittig ist auch der Begriff „Familie“ versus „Familien“. „Familien“ inkludiert eine Vielzahl von Familienformen, deren soziale und rechtliche Anerkennung von konservativen und (fundamentalistisch) religiösen Kräften in Frage gestellt werden. Mit „Souveränität der Nationalstaaten“ versuchen sich einige Länder ‚frei zu sprechen‘ von der Umsetzung der Empfehlungen im Abschlussdokument, das keinen rechtlich bindenden Charakter hat. Andere plädieren für eine Anpassung an die „kulturellen Normen“ des jeweiligen Landes.  Positiv zu vermerken ist, dass die Stimmung während den Verhandlungen äußerst freundlich und bemüht war. Dies und die bei der CSW erstmalig ausgesprochene Hinterfragung neoliberaler Ökonomien und makroökonomischer Machtstrukturen machen Hoffnung auf ein Abschlussdokument, das die Rechte von Frauen und Mädchen am Land auf ein selbstbestimmtes, ökonomisch unabhängiges Leben stärkt (21. März 2018).

Weiterführende Literatur und Links

62nd Commission on the Status of Women, 12 - 23 March 2018

Several preparatory meetings for the 62nd CSW

Statements of NGOs

WIDE Blog während der CSW

UN Women - Nationalkomitee Deutschland (2018) 62. Sitzung der Frauenrechts- kommission 2018 (Commission on the Status of Women - CSW62)

UN Women (2017) Report of the Expert Group Meeting on the CSW 62, Priority Theme: Challenges and Opportunities in Achieving Gender Equality and the Empowerment of Rural Women and Girls, EGM/RWOG/Report, UN-Women, IFAD Headquarters, Rome, Italy, 20 - 22 September 2017.

UN ECOSOC (2017) Statement submitted by Sociologists for Women in Society, a non-governmental organization in consultative status with the Economic and Social Council, Commission on the Status of Women Sixty-second session 12 - 23 March 2018, Follow-up to the Fourth World Conference on Women and to the twenty-third special session of the General Assembly entitled “Women 2000: gender equality, development and peace for the twenty-first century”, E/CN.6/2018/NGO/22.

UN Women (2018) Turning Promises into Action. Gender Equality in the 2030 Agenda for Sustainble Development.

Rosa-Luxemburg-Stiftung (2018) Women Farmers and Food Justice. Preserving Biodiversity Through Farmer Control of Seeds, Carolyn Sachs, Rosa-Luxemburg-Stiftung, New York Office.

Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung u.a. (2017) Konzernatlas Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie, Berlin.

“CSW 2018: Frauen am Land verlangen Zugang zu Land und ihren Rechten. ´Landgrabbing´ drängt Frauen an den Rand – Beispiel Sierra Leone“, Fian Österreich, Pressemeldung, 7. März 2018.