An(ge)kommen!? Ein literarisches Gespräch über Flucht und Migration

von Michael Fanizadeh (VIDC)

© Fokusiert

Es wird viel über Menschen gesprochen, die aus den unterschiedlichsten Motiven nach Österreich gekommen sind: Flucht vor Verfolgung, Diktatur, Krieg, Armut oder der Enge der vorherrschenden Ideologie und Lebenswelt. Alle landen letztendlich im selben großen Topf der Immigration. Doch wie kommt jemand aus diesem Topf wieder heraus? Wie sehen die ersten Schritte in der neuen Heimat aus? Ab wann ist jemand in Österreich angekommen? Kann die Mehrheitsgesellschaft dieses Ankommen überhaupt akzeptieren oder bleiben Immigrant*innen ein Leben lang „fremd“? Um diese fundamentalen Fragen kreiste die VIDC Lesung und Diskussion mit Dimitré Dinev, Barbi Marković und Sahel Rustami am 21. Jänner 2019 in der Hauptbücherei Wien. Alle drei sind Preisträger*innen des Literaturpreises „Schreiben zwischen den Kulturen“ der Wiener edition-exil. Moderiert wurde die Veranstaltung von der ORF Journalistin Karoline Thaler. Michael Fanizadeh (VIDC) hat zugehört und Passagen der Diskussion zusammengestellt.

Der in Afghanistan geborene Autor Sahel Rustami flüchtete im Alter von 16 Jahren mit seiner Familie vor den Taliban. An der iranischen Grenze wurde er von seiner Familie getrennt. Er kam dann auf abenteuerlichen Pfaden und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling im Dezember 2015 nach Österreich. Heute lebt er bei einer Gastfamilie in Klosterneuburg. In seiner prämierten Erzählung „Berge“ montiert Rustami Szenen seiner Flucht und Szenen seines ersten Urlaubs in Österreich: „Die Flucht war ein sehr schweres Erlebnis für mich. Der erste Urlaub mit meiner Familie, das war das erste Mal, dass ich klettern wollte. Als ich dann am Berg war musste ich die ganze Zeit an die Flucht denken. Beim einen ging‘s ums Überleben, beim anderen um Spaß. Ich wollte beide Ereignisse kombinieren und einen Text daraus machen.“


© Karo Pernegger

Flucht und erste Schritte in Österreich

„Die ganzen Erfahrungen machen irgendwie stärker, jemand ohne Fluchterfahrung verliert in einer schwierigen Situation sofort die Nerven. Aber ich, als ein geflüchteter Mensch, kann eine schwierige Situation besser durchhalten“, so Rustami. Auch der aus Bulgarien stammende Autor Dimitré Dinev floh 1990 über die „Grüne Grenze“ nach Österreich, wo er sich die folgenden Jahre mit Gelegenheitsjobs durchbrachte und in Wien Philosophie und russische Philologie studierte. Sein erster Roman „Engelszungen“ (Deuticke, 2003) wurde mehrfach ausgezeichnet und zu einem großen Erfolg bei Kritik und Publikum. Heute lebt Dinev als anerkannter Schriftsteller in Wien. Für ihn war seine Flucht ein fundamentales Ereignis: „Das verändert dein Sein. Von heute auf morgen bist du dort, wo du keine Geschichte hast. Das ist schon extrem. Das andere ist dann die politische Sache: Du hast keine Stimme, andere entscheiden für dich oder gegen dich. […] Du bist jetzt verantwortlich für alles, für jeden Schritt. Für alles, was ab jetzt passiert, bekommst du keine Hilfe. Du bist angewiesen auf den guten Willen fremder Leute. Das ist etwas besonderes, das erfährst du in der Heimat nicht.“
Die Autorin Barbi Marković ist nicht nach Österreich geflüchtet. Auch wenn sie der ideologischen Starre Serbiens der 2000er Jahre entflohen ist, sieht sie ihre Situation als nicht vergleichbar mit den Erlebnissen von Geflüchteten. Diese hat sie eindringlich in ihren literarischen „Walkthroughs“ beschreiben. „Superheldinnen“ (Residenz Verlag, 2016) ist ihr literarischer Durchbruch und wurde als Bühnenfassung im Wiener Volkstheater aufgeführt. Dennoch war für Marković die erste Zeit in Österreich nicht immer einfach: „Es gibt ein paar Hürden für Leute, die nicht aus einem EU Land sind und nach Österreich kommen. Außerdem bin ich mit 500 € und zwei Taschen nach Wien gekommen. Ich habe gehört, dass man in Wien mit 500 € im Monat überleben kann und auch, dass ich das Studium nicht bezahlen muss; was zum Teil auch wirklich gestimmt hat, für manche Länder des Balkans gab es so einen Vertrag. Dann hatte ich einen Platz im Studentenheim, und ab da habe ich begonnen sehr viele Flyer zu verteilen. Das war dann der Kampf: Ohne Arbeitserlaubnis trotzdem genug Arbeit zu finden, sodass ich bleiben und noch etwas Sinnvolles machen kann. Ich bewerte die ersten paar Jahre als nicht leicht. Dann hatte ich ein paarmal Glück, und jetzt bin ich hier.“

Ankommen, Freundschaften und Familie

Dimitré Dinev hat in seiner Erzählung „Spas schläft“ ausgeführt wie bedeutsam die Arbeitssuche für Immigrant*innen ist. Doch außer Arbeit gibt es für Geflüchtete noch zahlreiche andere Hürden zu überwinden: „Es ist zermürbend zu wissen, dass du vom Gesetz her eingeschränkt bist. Du hast so viele Hürden auferlegt bekommen. Du musst für etwas bezahlen, aber du hast noch keine Schuld. Was mich gerettet hat, waren die Menschen, nicht die Institutionen. Die einzigen Zuwendungen sind von Menschen gekommen, von Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher sozialer Stellung, unterschiedlichen Geschlechts. Sonst wäre ich zerbrochen.“ Auch Sahel Rustami war schnell nicht mehr allein: „Am Anfang ist es immer schwierig, aber Schritt für Schritt geht alles. Man lernt langsam und vor allem wenn man eine Vertrauensperson hat geht es viel leichter. Bei mir war das eine gute Familie, die ich ganz zu Anfang kennengelernt habe. Manche sind halt in ganz kleinen Orten, weit entfernt, die haben es natürlich schwieriger. Für mich war’s ein bisschen leichter.“ Ohne Freund*innen war auch Barbi Marković so gut wie nie: „Ich habe Wien als eine sehr offene Stadt erlebt, wo ich sehr schnell an Menschen gekommen bin, die mir geholfen haben. Also, so komplette Isolation kannte ich nicht, aber natürlich ist es schwieriger, wenn man keine Schulfreundinnen und -freunde, kein Netzwerk oder Familie hat. Aber ich möchte jetzt nicht überdramatisieren. Außerdem war ich nur neun Stunden von Belgrad entfernt.“


© Karo Pernegger

Angekommen?

Doch ab wann ist ein geflüchteter Mensch, eine Immigrantin wirklich angekommen? Für Sahel Rustami hat es damit begonnen, dass er sich in Österreich Ziele gesetzt hat: „Da habe ich mich angekommen gefühlt. Und: Nachdem ich mit Freunden auf Urlaub war - wir waren für ein paar Tage in Budapest - und wir dann in den Bus zurück eingestiegen sind und ich wieder deutsch gehört habe, da habe ich irgendwie ein gutes Gefühl gehabt.“ Auch Barbi Marković fühlt sich angekommen: „Ich kann das nicht leugnen. Ich ärgere mich über die Tagespolitik in Österreich, ich glaube ich bin angekommen, in vielen Hinsichten. Ich habe aber auch nicht das Gefühl, dass mir das nicht in einem bestimmten Moment aberkannt werden kann, ein Supersicherheitsgefühl – 100 Prozent – gibt es noch nicht.“ Für Dimitré Dinev geht es zudem um Staatsbürgerschaft: „Man darf das nicht unterschätzen, dass dich ein Pass legitimiert. Wie viele Menschen dürfen nicht wählen? In Wien sind das über 500.000. Ein großer Teil von ihnen ist hier geboren und darf immer noch nicht mitentscheiden. Aber ich bin angekommen. Wie ich schon sagte, es sind die Beziehungen zu den anderen Menschen, die mich verantwortlich machen. Und ja, ich merke, dass ich angekommen bin, weil ich mich über diese Regierung immens ärgere. Ich schäme mich, und wenn ich mich nicht identifizieren würde, würde ich mich nicht schämen.“ Dennoch, es bleiben Hindernisse, gerade für Literat*innen. Auch wenn sie in Deutsch schreiben und publizieren, wird ihre Literatur oft als „Migrantenliteratur“ abgewertet: „Damit kannst du kein Buch verkaufen. Dieser Begriff zeigt der Gesellschaft was für ein Verrat alle erwartet, die sich integrieren wollen. Dann sind sie trotzdem ‚Migranten‘. Du schaffst Literatur, und mittlerweile sind einige deiner Erzählungen in den Lehrbüchern für deutsche Literatur abgedruckt. Also würde ich schon sagen, ich bin integriert. Doch in dem Augenblick, in dem ich mich als integriert sehe, sagt jemand: ‚Aber du schreibst Migrantenliteratur, du bist ein Migrant‘. Gibt es einen fieseren Verrat?“ (21. Februar 2019).