Das Patriarchat ist überall - Interkulturelle Gendertrainings als Gewaltprävention

von Rick Reuther (VIDC)

© karimblanc.com

Im Rahmen des EU-Projektes WANNE (We All Need New Engagement) organisiert das VIDC derzeit gemeinsam mit Diaspora- und Migrant*innenorganisationen Gendersensibilisierungs-Workshops. Ziel ist es, Männlichkeitsvorstellungen kritisch zu beleuchten, toxische Verhaltensmuster zu erkennen und positiv zu transformieren, um mehr Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltfreiheit zu erreichen. Dies geschieht im Tandem-Prinzip, derzeit hat pro Workshop einer der Trainer einen afghanischen, der andere einen mitteleuropäischen Hintergrund. Rick Reuther, Koordinator des Projekts und Gender-Trainer, betont: Patriarchale Gewalt existiert in allen Gesellschaften. Auch bei den Trainings sind sich alle Teilnehmer, unabhängig von soziokulturellem Hintergrund, einig: Diese Gewalt muss aufhören. Dazu bedarf es gendersensibler Gewaltprävention, Täterarbeit und Opferschutz.

„Wissen Sie noch, damals, als Deutschland ein feministisches Paradies war, wo Frauen und Männer einander ausnahmslos verstanden, liebten und ehrten, wo sie gleich viel verdienten und nie eine Frau ermordet wurde, weil sie einen Mann abgewiesen hatte? Damals, bevor die vielen jungen muslimischen Männer kamen? Nein, weiß ich auch nicht mehr.“
Die Antwort der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski auf die derzeit stattfindende Ethnisierung genderbasierter Gewalt im medialen und politischen Diskurs fällt sarkastisch aus. Und dieser Sarkasmus ist durchaus berechtigt. Wieso dem so ist, will ich anhand der eigenen Praxis in der gendersensiblen Burschen- und Männerarbeit erklären.
Am VIDC findet momentan, nach einem Pilotprojekt im vorherigen Jahr,  das WANNE (We All Need New Engagement) Projekt Männer ohne Gewalt - Tandem Workshops zu Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype mit Diaspora- und Migrant*innenorganisationen statt. Ich selbst bin dabei als Koordinator sowie als einer von zehn Trainern tätig. Bei den Workshops reden wir über verschiedene soziale Konstruktionen von Männlichkeiten. Wir nutzen verschiedene Methoden aus der gendersensiblen Jugend- und Erwachsenenarbeit, um unsere eigenen Vorstellungen von Gender, Gewalt, Familie und Liebe zu hinterfragen.

Toxische Verhaltensmuster erkennen und positiv transformieren

Wir sprechen bei diesen Workshops über Abwertungsmechanismen, Identitäten und die Dynamik von Mehrfachdiskriminierungen (wie sexuelle Identität, Flucht- und Migrationserfahrung, aufenthaltsrechtlicher Status, ökonomische Situation, Religion), und über Konfliktlösungen. Wir reflektieren, diskutieren und arbeiten mit dem Ziel mehr Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltfreiheit zu erreichen, die positive Auswirkungen auf Männer, Frauen, nicht binäre Personen und Kinder -  die gesamte Gesellschaft - haben. Wir versuchen gemeinsam toxische Verhaltensmuster zu erkennen und diese positiv zu transformieren. Stichwort Caring Masculinities - männliche Identitäten, die Dominanz ablehnen und Werte der Fürsorge - wie Interdependenz und Gleichberechtigung im gesellschaftlichen, familiären und partnerschaftlichen Zusammenleben sowie Selbstsorge - umfassen.


© Ali Ahmad

Die Workshops, bei denen einer der Trainer jeweils einen afghanischen, der andere einen mitteleuropäischen Hintergrund hat, werden bisher sehr gut angenommen. Die Teilnehmer, die aus der afghanischen Community kommen, sind sich durchwegs einig: ja, es gibt ein Patriarchat in Afghanistan. Es gibt zu viel Gewalt gegen Frauen und viel zu wenig Selbstbestimmung. Rechte von LGBTQI+ Personen werden nicht geachtet und viele Männer reagieren auf Unsicherheiten mit Gewalt, statt sich mit ihren eigenen Emotionen, Traumatisierungen und Wünschen auseinanderzusetzen und die Gefühle und Grenzen von anderen zu respektieren. Und den Teilnehmern missfällt dieser Zustand. Sie akzeptieren solche Zustände weder in Afghanistan noch in Österreich. Gleichzeitig sind sie sich den pauschalisierenden Zuschreibungen der österreichischen Mehrheitsgesellschaft schmerzhaft bewusst.
Denn genderbasierte und häusliche Gewalt wird hier meistens nur dann thematisiert, wenn sie durch geflüchtete oder migrantische Männer ausgeübt wird. Dass es aber zum Beispiel verschiedene, selbstorganisierte  Vereine und Initiativen wie beispielsweise AKIS, IGASUS, Neuer Start und die Afghan Wulas gibt, welche sich pro-aktiv für ein gewaltfreies, geschlechtergerechtes Leben einsetzen, wird dabei gerne verschwiegen.
Doch wie sieht die Situation in Österreich eigentlich wirklich aus? Gibt es hier überhaupt ein Patriarchat? Oder sind österreichische Männer, die Gewalt an Frauen ausüben, Nachahmungstäter, welche derartige Straftaten von geflüchteten Männern kopieren, da genderbasierte Gewalt 2015 sozusagen importiert wurde, wie es Staatssekretärin Karoline Edtstadler bei „Im Zentrum“ behauptet hat?

Diese Gewalt muss aufhören

Laut Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2012 in Österreich 29 Frauen von Männern getötet.  Im selben Jahr mussten 3.502 Personen (1.735 Frauen, 1.767 Kinder) Schutz in Frauenhäusern suchen, so die Statistik des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. Die Zahlen sprechen für sich: Es gibt auch in Österreich ein Patriarchat. Gewalt gegen Frauen wird nicht nur von Geflüchteten oder migrierten Männern, sondern genauso  von österreichischen Männern ausgeübt. Eine von fünf Frauen, die in Österreich lebt, ist körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt. In einer Aussendung des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser vom 28. Dezember 2018 heißt es dazu: „Es spielt keine Rolle, woher die Täter kommen, wichtig sind die Tatmotive, die Gründe und Ursachen für die Gewalttaten und wie sie hätten verhindert werden können“.


© Ali Ahmad

Im GREVIO-Schattenbericht bezüglich der Umsetzung der Istanbul-Konvention in Österreich heißt es dazu:  „Da Gewalt gegen Frauen tief in der österreichischen Gesellschaft verankert ist, spielt die gesellschaftliche Bewusstseinsbildung trotz der allgemein positiven rechtlichen Situation zu Gewalt gegen Frauen in Österreich eine große Rolle. Die Prävention von Gewalt gegen Frauen und Kinder kann nur durch Änderung der sozialen und kulturellen Muster in Bezug auf stereotypische Rollenbilder von Frauen und Männern und dem Abbau von tief verwurzelten Vorstellungen der Unterlegenheit von Frauen gegenüber Männern gelingen.“
Im Kampf gegen genderbasierte Gewalt bedarf es möglichst niedrigschwelliger Angebote für Männer, um über Gewaltspiralen in Beziehungen lernen zu können. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, um gewalttätigen Beziehungen zu entkommen. Gendersensible Gewaltprävention sollte für und mit allen Männern in diesem Land durchgeführt werden.  Nicht, weil alle Männer Täter wären. Sondern weil Gewaltprävention auch heißt: Wie kann ich als Mann verhindern, dass meine Brüder, Väter, Onkel, Kollegen und Freunde Täter werden? Es geht um Zivilcourage, ums Hinschauen und Handeln, ums Rechtzeitig-Hilfe-Holen. Um das Aufbrechen von patriarchalen Schweigemustern. Es geht um eine Gesellschaft, in der Victim Blaming und Rape Culture endgültig der Vergangenheit angehören. Es geht um Verantwortung.

Opferschutz und Täterarbeit sind keine Entweder-Oder-Frage

Es darf nicht sein, dass ein verstärkter finanzieller Fokus auf Gewaltprävention und Männerberatung zu weniger Mitteln für Frauenhäuser oder andere Opfereinrichtungen führt. Wie die Journalistin Nicole Schöndorfer schreibt: „Dass jedoch erfolgreiche Opferschutz-Maßnahmen gestoppt werden, um Täterarbeit zu verstärken, ist unlogisch und fahrlässig. Beides muss machbar sein. Ohne eine künstliche Entweder-Oder-Spaltung.“
Genauso wenig darf es diese Spaltung hinsichtlich der Herkunft von Tätern und Opfer geben. Es braucht Täterarbeit und Opferschutz, egal woher Aggressoren und Betroffene kommen. Natürlich sollte diese Arbeit kultursensibel durchgeführt werden und auf die jeweiligen Intersektionalitäten Rücksicht nehmen. Gewaltpräventive Maßnahmen sollten sich nicht nur an geflüchtete und migrantische Männer richten. Es wäre eine Verhöhnung aller Frauen, die Gewalt durch österreichische Männer erlebt haben und ein Blankoschein für weitere Taten.
Wie die Soziologin Laura Wiesböck schreibt: „Umso verwunderlicher ist, dass die Regierung bei der Familienberatung eine Million Euro gestrichen hat. Die knapp 400 Beratungsstellen in Österreich, die die körperliche, soziale und psychische Gesundheit von Familien, Paaren und Kindern in Österreich absichern, müssen jetzt mit weniger Budget auskommen. Trotz steigender Gewalt an Frauen stoppt das Innenministerium das Projekt zum Gewaltschutz. (…) Auch für Polizeischulungen durch Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern und Interventionsstellen gibt es kein Geld mehr. Damit wird Seminaren für die Gewaltprävention die finanzielle Grundlage entzogen.“ Opferschutz und Täterarbeit kosten Geld und eine Politik, die dieses Geld nicht ausreichend zur Verfügung stellt, oder nur für Programme zur Verfügung stellt, die genderbasierte Gewalt ethnisieren, ist dabei nicht besonders hilfreich (27. Februar 2019).