China in Afrika. Chance oder Bedrohung?

von Franz Schmidjell (VIDC)

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Die Meinungen zu Chinas wachsendem wirtschaftlichem Engagement in Afrika – Infrastrukturinvestitionen, Rohstoffimporte, Exporte von Fertigprodukten - gehen weit auseinander. Für die einen ist China ein echter Partner für Entwicklung, der eine Süd-Süd-Kooperation ankurbeln will. Andere sehen in Beijing einen neoimperialistischen Kolonisator, der sich afrikanischer Ressourcen für die eigene Entwicklung bemächtigt. Dass das Thema von großem öffentlichem Interesse ist, zeigen auch die über 300 Zuhörer*innen der VIDC Veranstaltung China in Afrika. Während der Podiumsdiskussion widmeten sich die Entwicklungsökonomin Anzetse Were und Jue Wang, Expertin für internationale politische Ökonomie, dieser scheinbar polarisierenden Frage. Sie machten auf die Komplexität der China-Afrika-Beziehungen aufmerksam und zeichneten ein differenziertes Bild im Gegensatz zu dem Negativimage, das oft in der europäischen Öffentlichkeit über China herrscht. Franz Schmidjell (VIDC) fasst die Debatte zusammen.

Das chinesische Engagement in Afrika hat im Laufe der Geschichte einen Wandel durchlebt. In den 1950er und 1960er Jahren standen vor allem ideologische Interessen im Vordergrund, so Jue Wang. China hat vorerst die antikolonialen Freiheitskämpfe gegen die europäischen Kolonialmächte und danach die jungen sozialistischen Staaten unterstützt. Wirtschaftliche Interessen wie Rohstoffsicherung und die Erschließung neuer Absatzmärkte rückten nach dem Wandel in den 1980er Jahren in China in den Vordergrund. Durch den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) 2001 hat sich die Internationalisierung der chinesischen Wirtschaft beschleunigt. In Folge nahmen Handel mit und Investitionen in Afrika enorm zu. Beim Handel sei festzuhalten, dass China vor allem Rohstoffe aus Afrika importiert und verarbeitete Produkte exportiert. Waren es zu Beginn einfache Konsumartikel, so sei laut Wang in den letzten Jahren der Technologieanteil an den chinesischen Exporten ständig angewachsen, beispielsweise durch Mobiltelefone und andere elektronische Geräte.

In der Diskussion rund um die wirtschaftlichen Interessen und Kooperationen Chinas in Afrika müssen neben dem historischem Kontext die Unterschiedlichkeiten zwischen privaten und staatlichen Investitionen und die Politik der jeweiligen afrikanischen Regierungen berücksichtigt werden. "Die Kooperationen zwischen China und afrikanischen Ländern sind vielfältig, komplex und hängen vom jeweiligen Kontext in den einzelnen Staaten ab", erklärte die kenianische Ökonomin Anzetse Were und kritisiert damit die vereinfachende „Gut-Böse Erzählung“ von Chinas Engagement in Afrika. Zudem trete China nicht mit einem „one-size-fits-all“ Ansatz bzw. nicht als einheitlicher Block auf. So müsse beispielsweise zwischen den staatlichen Banken und Firmen und dem Privatsektor unterschieden werden. Letztere agierten relativ unabhängig vom chinesischen Staat. Anzetse Were: „Die chinesische Botschaft in Nairobi hat keinerlei Überblick über die zahlreichen privaten Investor*nnen und Handelsfirmen, die in Kenia aktiv sind.“ Der Mehrwert für die afrikanischen Länder hänge vom Verhandlungsgeschick und den Kapazitäten der jeweiligen Regierungen ab. Ruanda oder Äthiopien beispielsweise hätten eine klare Vorstellung, was sie von China wollen. Andere Regierungen hingegen würden eher auf persönliche Vorteile als auf den volkswirtschaftlichen Mehrwert Bedacht nehmen.

China als neue Kolonialmacht?


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Zum historischen Unterschied ergänzte Were, dass China im Gegensatz zu Europa den afrikanischen Ländern keinen bestimmten Weg vorschreiben würde, wie sie sich zu entwickeln hätten. Die Frage, ob China ein neuer Kolonialherrscher sei, wurde von beiden Expertinnen klar verneint. Anzetse Were: „China ist nicht einmarschiert, hat uns nicht versklavt oder getötet“. Profitinteressen seien der Motor des Kapitalismus, und da sei China keine Ausnahme, so die kenianische Ökonomin.

Besonders unter Kritik gerät China immer wieder auf Grund von mangelnder Transparenz und Rechenschaftspflicht sowie fehlender Umweltstandards bei Infrastrukturprojekten. Für diese seien allerdings in erster Linie die politischen Eliten Afrikas selbst verantwortlich, so Were. Auch wird kritisiert, China würde afrikanische Staaten in eine Schuldenfalle treiben. Diese sehe Anzetse Were derzeit, mit Ausnahme einiger weniger Staaten wie Djibouti oder Äthiopien, als geringes Risiko. In den meisten afrikanischen Ländern wäre die Höhe der chinesischen Kredite im Vergleich zu anderen Geber*innen noch relativ gering. Zudem sei das Narrativ der „chinesischen Schuldenfalle“ problematisch, da das Problem China zugeschrieben werde und afrikanische Regierungen, die die Kredite aufgenommen haben, damit aus der Verantwortung genommen würden.

Neben dieser Klarstellung der gängigen Kritik an China, nannten die beiden Ökonominnen vor allem zwei Punkte, die tatsächlich änderungsbedürftig wären. (1) Der Investitionsbedarf in die afrikanische Infrastruktur, den Anzetse Were mit 130 Milliarden US-Dollar bezifferte, sei unumstritten. Wichtig sei aber, dass mit den von China finanzierten und durchgeführten Infrastrukturprojekten ein Wissenstransfer stattfinden müsse, damit in Zukunft afrikanische Unternehmen verstärkt selbst diese Aufgabe übernehmen könnten. (2) Anzetse Were kritisierte weiter, dass durch billige Importwaren lokale Produzent*innen enorm unter Druck gekommen wären, insbesondere in der informellen Wirtschaft. „Es gibt einen Konflikt zwischen den lokalen Produzent*innen und den Händler*innen, die bei den chinesischen Importwaren eine höhere Profitrate haben", so Anzetse Were. Auch Jue Wang betonte die Vorteile für Afrika durch einen Technologie- und Wissenstransfer. Insbesondere private Investor*innen aus China führten bereits spezielle Trainings der afrikanischen Mitarbeiter*innen in den Industrieparks durch und organisierten Austauschprogramme. In Sambia und Malawi beispielsweise gäbe es ein eigenes Programm zur Qualitätssteigerung bei Baumwolle.

Weltmarktintegration mit geringem Mehrwert


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Die Frage der Rolle Chinas bei der Industrialisierung in Afrika stand auch im Mittelpunkt eines Fachworkshops, der am Tag nach der Podiumsdiskussion zur Vertiefung der Thematik stattfand.

Hier wurden die Bemühungen um eine Integration in globale Wertschöpfungsketten durchaus kritisch gesehen, da Chinas Investitionen wenig Wertschöpfung in Afrika selbst brächten. „Assembling“ (Montage bzw. Zusammenbau von Produktteilen) alleine lukriere nur einen geringen Mehrwert, es müssten Aktivitäten wie Forschung und Entwicklung oder Marketing nach Afrika verlagert werden, meinte Anzetse Were. Dem stimmte auch die Wiener Ökonomin Cornelia Staritz zu: „Bei Niedrigtechnologieprodukten wie Textilien und Bekleidung gab es durch die enorme Konkurrenz einen Preisverfall, die Lieferant*innen haben kaum eine Verhandlungsmacht gegenüber den globalen Vermarktungsketten“. Die mit hohen Infrastrukturkosten errichteten Industrieparks und Sonderwirtschaftszonen seien darüber hinaus kaum mit der regionalen Wirtschaft vernetzt und brächten daher wenig Vorteile für die einheimischen Firmen. Ein weiteres Defizit bei der Industriealisierung sah Anzetse Were in den nationalen Egoismen, die eine Abstimmung von regionalen Industrialisierungsstrategien unmöglich machten und teilweise zu höheren Zöllen für regionale Produkte im Vergleich zu Weltmarktprodukten führe.

Als Alternative gelte es, regionale Wertschöpfungsketten und den regionalen Handel zu stärken. Dazu müssten Management und Produktionskapazitäten von Klein- und Mittelbetrieben, die bislang kaum Zugang zu Ressourcen und Kapital hätten, gestärkt werden, meinte Staritz. Entwicklungsbanken sollten nicht nur Startups fördern, sondern auch ihr Wachstum längerfristig begleiten. Die zahlreichen Steuervorteile für die meist ausländischen Firmen in den Industrieparks kämen afrikanischen Staaten durch die entgangenen Einnahmen teuer. Standortentscheidungen hängen jedoch auch von anderen Faktoren wie Stromversorgung, rechtliche Sicherheit oder stabile Versorgung mit Vorprodukten ab.

Die Volksrepublik China hat beim Forum on China–Africa Cooperation (FOCAC) 2018 in Beijing – wie schon drei Jahre zuvor in Johannesburg - weitere 60 Milliarden US-Dollar zugesagt: 20 Milliarden für kommerzielle Darlehen, 15 Milliarden sind zinsgünstige Kredite, 15 Milliarden für mehrere Entwicklungsfonds, 10 Milliarden für chinesische Investoren in Afrika. Während China relativ klare Vorstellungen von ihrer Partnerschaft mit Afrika formuliert hat, scheint eine „China-Strategie“ auf afrikanischer Seite noch zu fehlen. Das immerhin hat Afrika mit Europa gemein.

Dokumentationen bisheriger VIDC China-Veranstaltungen

China. Save Capitalism? (25 January 2018)

China. Serve the People (25 April 2017)