Unter Generalverdacht - Afghanische Männer und die Tücken der Statistik

von Michael Fanizadeh, Lena Gruber und Rick Reuther (VIDC)

© Shamsia Hassani

Spätestens seit dem Volksbegehren „Österreich zuerst“, welches Jörg Haiders FPÖ im Jahr 1993 initiiert hat, finden Debatten über die sogenannte „Ausländerkriminalität“ in Österreich in regelmäßigen Abständen statt. „Sofortige Ausweisung und Aufenthaltsverbot für ausländische Straftäter“ wird im erwähnten Volksbegehren gefordert und klingt heute sattsam vertraut. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs sind das zunächst „kriminelle Banden“ aus den ehemaligen Ostblockstaaten, in der Folge gibt es eine Hinwendung zu „afrikanischen Drogendealern“ (Operation Spring), zu einer „tschetschenische Mafia“. Aktuell sind es Menschen aus Afghanistan, die unter Generalverdacht stehen. Wir beleuchten die Kriminalitätsstatistik, die zur Bestätigung xenophober Argumentationen herangezogen wird, und sprechen darüber mit Verteter*innen der afghanischen Community.

Mit der „Ausländerkriminalität“ wird seit Jahrzehnten Politik gemacht, derzeit sind vor allem afghanische Männer in der Öffentlichkeit unter kriminalistischem Generalverdacht. Was ist dran an der Überrepräsentation von „Nicht-Österreichern“ in den Kriminalitätsstatistiken? Wir haben darüber mit Dr. Arno Pilgram (Kriminalsoziologe, Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie) gesprochen. Tanya Kayhan (Journalistin, Obfrau „Interkulturelles Entwicklungszentrum“), Dr. Fazel Rahman (Obmann „Afghan Wulas Kultur- und Sportverein“) und Amir Khan Zazai („Train of Hope – Flüchtlingshilfe Wien“) erzählen uns, wie die afghanische Community auf die öffentliche Debatte reagiert.

Arno Pilgram stellt fest: „In den Regierungsprogrammen der zweiten Republik hatte Kriminalpolitik noch nie so einen Stellenwert wie derzeit, zusammen mit Migration und Migrationskontrolle. Gleichzeitig haben wir eine Sicherheitssituation, die keinen Anlass gibt, das Thema so hoch zu hängen. Hier geht es um eine andere Agenda. Das ist eine Vorbereitung auf gespaltenes Recht und gesellschaftliche Spaltung – auf zweierlei Strafrecht, eines für ‚die Eigenen‘ und ein anderes für ‚die Andren‘.“

Statistiken müssen richtig gelesen werden

Auf den ersten Blick erscheint der Prozentsatz der „Nicht-Österreicher“ in der polizeilichen und der gerichtlichen Statistik tatsächlich höher, als es dem Anteil an der Wohnbevölkerung entspricht. Laut Pilgram sind es „statistische Banalitäten“, die zu einer „systematischen Verdüsterung des Bildes der Ausländerkriminalität“ beitragen:
1.    In der Kriminalitätsstatistik  erscheinen alle Delikte, die in Österreich begangen wurden – auch von Menschen, die nicht im Land wohnhaft sind (Tourist*innen, Pendler*innen oder irregulär Aufhältige). Im Vergleich mit der Bevölkerungsstatistik verfälscht sich daher der Anteil an nicht-österreichischen Straftäter*innen.
2.    Die Kriminalstatistik ist eine Anzeigenstatistik. Überall dort, wo eine Beziehung, Vorgeschichte und Zukunftsgeschichte, ein gemeinsamer kultureller und sprachlicher Hintergrund bestehen, finden die Beteiligten eher Erklärungen, akzeptieren Entschuldigungen und kommen zu außergerichtlichen Lösungen. Dort wo Unbekannte mit unterschiedlicher Sprache und Kultur aufeinandertreffen, ist die Chance auf eine Einigung geringer und die einer Anzeige deshalb höher.
3.    Die demografische und soziale Struktur von Migrant*innen-Communities ist nicht mit der Mehrheitsgesellschaft vergleichbar. Junge Männer und bildungsfernere Menschen sind überrepräsentiert. Diese Gruppen haben unabhängig von ihrer Herkunft ein statistisch erhöhtes Risiko kriminell zu werden. Daher dürfte nur innerhalb gleicher Alters- und Geschlechtergruppen verglichen werden.
4.    In der Polizeistatistik scheint eine Person, die in einem Jahr mehrere Anzeigen bekommen hat, als mehrere Personen auf. Wenn es beispielsweise migrantische Jugendgruppen gibt, die in die irreguläre Ökonomie gedrängt werden und da sehr aktiv sind, beeinflusst das die Statistik wesentlich.

„Die afghanische Community ist gegen jegliche Gewalt“


© Elham Tajik

Junge Männer aus Afghanistan stehen im besonderen Fokus der Öffentlichkeit. Das schlechte Image von afghanischen Personen in Österreich sei eine Mischung aus Rassismus, nicht bewältigten Traumata und fehlenden Integrationsmöglichkeiten, meint Amir Khan Zazai. Tatsächlich stellen Afghan*innen derzeit 0,5% der Bevölkerung, aber 2,5% der Tatverdächtigen, bei Gewaltdelikten sind es gar 3,4% (Kriminalitätsstatistik 2018). Ins Zentrum der Debatte werden Afghanen aber v.a. wegen Straftaten gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung gerückt. Hintergrund: 2017 sind fast 5% aller Verurteilten Personen aus Afghanistan. Fazel Rahman stellt klar: „Die afghanische Community ist gegen jegliche Gewalt. Für sexuelle Gewalt haben wir kein Verständnis. Es gehört nicht zu unserer Kultur.“ Kayhan und Zazai bestätigen, die afghanische Community schäme sich für die Straftäter, insbesondere Sexualstraftäter. Daher engagieren sich viele afghanische Vereine gegen Gewalt an Frauen: „Wir versuchen mit Jungs und Männern zu reden und sie gut zu integrieren – aber du kannst nicht immer jede Person erreichen. Insbesondere junge Männer ohne Familie, die oft selbst Opfer geworden sind und in Österreich keinerlei Unterstützung, aber sehr viel Rassismus erfahren haben, sind schwer zu erreichen“, schildert Zazai. Diese besondere psychosoziale Belastung von Geflüchteten stellt einen Erklärungsversuch für die Überrepräsentanz von afghanischen Tatverdächtigen dar.
Pilgram untermauert: aus der Kriminalitätsforschung sei bekannt, dass es kaum Gewalttäter*innen gäbe, die nicht selbst Gewalterfahrung haben. Kriminalität passiere vermehrt in neuen Lebenssituationen, in Stresssituationen, wenn Gewohntes verlassen wird. Dazu käme, dass viele Menschen der afghanischen Community in „künstlichen Situationen“ leben müssen. Arbeit, Konsum, Teilnahme, Lebenspläne und Perspektiven seien sehr eingeschränkt.
Eine Studie der WU Wien kommt zu dem Ergebnis, dass in der Altersgruppe von 15 - 44 Jahren 21% der geflüchteten Frauen und 8% der geflüchteten Männer unter einer mittel- bis schweren depressiven Symptomatik leiden – zum Vergleich: in der Gesamtgesellschaft sind das 5% der Frauen bzw. 3% der Männer. Die Untersuchung hat zudem herausgefunden, dass Geflüchtete afghanischer Herkunft „häufiger von stärkeren psychischen Belastungen betroffen (sind) als jene aus dem Irak und Syrien. Zusätzlich gaben 29% der Befragten an, in den letzten zwei Wochen in zumindest manchen Nächten Albträume gehabt zu haben, ein häufiges Symptom von unverarbeitetem Stress.“

Menschliche Sicherheit schaffen statt mehr psychosoziale Belastung erzeugen


© Elham Tajik

Auch aus der Traumaforschung und –therapie sind zwei Tatsachen hinlänglich bekannt: (1) Am stärksten manifestieren sich Traumafolgestörungen nach „Man-made-Traumata“ und kollektiver Traumatisierung, sowie je nach Alter der Betroffenen und Dauer des traumatisierenden Ereignisses. „Viele afghanische, alleinstehende Jugendliche, die nach Österreich gekommen sind, sind im Krieg geboren und unter Angst und Gewalt aufgewachsen“ (Fazel Rahman). (2) Stabilisierung und menschliche Sicherheit, Unterstützung bei der Alltagsbewältigung, Wiedergewinnung von Selbstvertrauen sowie der Aufbau von vertrauensvollen Sozialkontakten sind die wichtigsten Maßnahmen nach potentiell traumatisierenden Erlebnissen. „Das erste, was die österreichische Regierung machen kann, ist, den Prozess des Asylantrags zu beschleunigen, damit Asylwerber*innen schneller einen positiven Bescheid erhalten, damit sie sich schneller integrieren und eine Beschäftigung finden können“ (Tanya Kayhan). “Fast jede aus Afghanistan geflüchtete Person hat ein Trauma oder andere psychische Probleme“, meint Amir Zazai, „aber es gibt kaum Therapieplätze oder andere Behandlungsmöglichkeiten für sie“. Rahman bestätigt: „Psychosoziale Belastungen sehen wir bei geflüchteten Menschen oft. Diese manifestieren sich unterschiedlich. Einige zeigen es mit Gewalt, Wutausbrüchen, innerliche Unruhe und Schlaflosigkeit. […] Die anderen sind zurückhaltend: Anzeichen sich wenig soziale Kontakte,  Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Verlustangst, das Gefühl ungerecht behandelt zu werden und Isolation“.
Für Arno Pilgram ist klar, „dass eine Politik, die Stress erzeugt und schlechte Behandlung zur Politik erklärt, um abzuschrecken, nichts Gutes tut, sondern wieder Gewalt erzeugt. Das ist so evident und kann nur so verstanden werden, dass man anscheinend alles tun will, um die eigenen Vorurteile bestätigt zu bekommen. […] Wenn alle diese Zusammenhänge kennen (sollten), müsste die Politik auf Stressvermeidung, psychosoziale Versorgung, Therapie von Traumata, schnellere Klärung der Situation, Schaffung von Zukunftssicherung, Unterstützungsmaßnahmen von Spracherwerb und berufliche Orientierung setzen. Was man aber hier macht, ist das Gewaltpotential anzuheizen.“

Hinweise

Im Rahmen des EU-Projektes WANNE (We All Need New Engagement) organisiert das VIDC derzeit Gendersensibilisierungs-Workshops gemeinsam mit afghanischen Vereinen. Ziel ist es, Männlichkeitsvorstellungen kritisch zu beleuchten, toxische Verhaltensmuster zu erkennen und positiv zu transformieren, um mehr Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltfreiheit zu erreichen. Dies geschieht im Tandem-Prinzip, derzeit hat pro Workshop einer der Trainer einen afghanischen, der andere einen mitteleuropäischen Hintergrund. Im Herbst starten die Tandem-Workshops mit afghanischen Frauen. Dabei stehen die Stärkung von jungen afghanischen Frauen und die kritische Reflexion von Geschlechternormen im Vordergrund, aber auch Rassismuserfahrungen sollen besprochen werden können.

Die verwendeten Bilder stammen von der afghanischen Graffiti-Künstlerin und Universitätsdozentin Shamsia Hassani und der in Wien lebenden Malerin Elham Tajik, deren Werke zuletzt im März 2019 bei der Ausstellung „Frauen – Bilder aus Afghanistan“ gezeigt wurden. Die Reflexion stereotypische Bilder des „Anderen“ stehen auch im Fokus des Kulturen in Bewegung (VIDC) -Projekts Culture X Change. Im Frühjahr 2020 sind Künstlerinnen aus Afghanistan und der afghanischen Diaspora in Wien zu sehen.