Zeit und Ort

Montag, 2. Dezember 2019, 19:00 - 21:00 Uhr
Universität Wien, BIG-Hörsaal
Universitätsring 1, 1010 Wien

Programm

Emal Haidary
Journalist bei Agence France-Presse (AFP) sowie als Direktor der Afghanistan Development and Peace Research Organization (ADPRO) in Kabul, Afghanistan

Rahela Hashim Sidiqi
Direktorin des Farkhunda Trust for Afghan Women's Education in London

Sahar Fetrat
feministische Aktivistin und Forscherin,  Central European University in Budapest

Moderation: Ali Ahmad
Doktorand am Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems (DUK) und Konsulent für das VIDC

Eröffnung: Michael Fanizadeh, VIDC

Veranstaltungssprachen: Englisch und Deutsch mit Simultandolmetschung

Anmeldung: fanizadeh@remove-this.vidc.org

Afghanistan zwischen Krieg und Neuanfang

© Nilofar-Niekpor
© Nilofar-Niekpor


Hintergrund

Im Dezember begeht Afghanistan einen traurigen Jahrestag: Seit über 40 Jahren herrscht Krieg im Land am Hindukush, der heuer wieder an Dynamik und Schrecken zugelegt hat. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres forderte der Konflikt laut der UN Assistance Mission for Afghanistan (UNAMA) 8.239 zivile Opfer (2.563 Tote und 5.676 Verletzte). Große Teile des Landes sind wieder unter Kontrolle der Taliban oder bleiben umkämpft. Auch die jüngsten Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und der US-Delegation wurden ohne Ergebnis im September abgebrochen. Nach fast zwei Jahrzehnten ausländischer Einflussnahme scheint eine politische Lösung für die Zukunft Afghanistans weiter entfernt denn je.

Dennoch konnten bei der Entwicklung des Landes in den vergangenen Jahren demokratische Fortschritte erzielt werden, z.B. hat sich die Situation in Bezug auf die Rechtstaatlichkeit und Meinungsfreiheit, sowie die Teilhabe von Frauen am Gesellschaftsleben massiv verbessert. Auch im Bildungsbereich sind große Fortschritte erzielt worden, heute sind fast 40% aller Schüler*innen Mädchen. Im September 2019 wurden trotz aller negativen Vorzeichen wie den vermehrten Anschlägen durch die Taliban und anderer islamistischer Gruppen Präsidentschaftswahlen abgehalten, deren Ergebnis Mitte November bekannt gegeben wird. Doch gerade die fragilen demokratischen Gewinne afghanischer Frauen, die sie mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erkämpft haben, stehen heute wieder zur Disposition, genauso wie Frieden, Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung im Land.

Die Podiumsdiskussion ist eine Vorveranstaltung zur Konferenz Knowledge Transfer and Support. The Role of the Afghan Diaspora, welche am 3.12.2019 in Wien stattfindet – siehe Programm. Die Konferenz bringt zum ersten Mal in Österreich Vertreter*innen aus über 25 afghanischen Diaspora-Organisationen aus acht europäischen Ländern zusammen. Ziel ist esdie Vielfalt und das Engagement der afghanischen Vereine zu würdigen, bewährte Praktiken aus verschiedenen europäischen Ländern vorzustellen und mit wichtigen offiziellen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zu diskutieren.

Zum historischen Hintergrund: 1979 intervenierte die Sowjetunion militärisch in Afghanistan zur Unterstützung der kommunistischen Volkspartei, die im April 1978 mit einem Staatsstreich an die Macht gekommen ist. Es begann ein zehn Jahre andauernder Konflikt zwischen der sowjetisch gestützten Zentralregierung und den von den USA und Pakistan unterstützten Widerstandsgruppen der (islamistischen) Mudschahedin, der weite Teile des Landes verwüstete. Nach der Niederlage der Sowjets und der Zentralregierung
in Kabul folgten weitere Jahre des Bürgerkriegs, bis Mitte der 1990er Jahre die islamistischen Taliban die Kontrolle über das Land erringen konnten und ihre Schreckensherrschaft etablierten. Am 7. Oktober 2001 starteten dann die USA und ihre NATO-Verbündeten den „Krieg gegen den Terror“ als Antwort auf die Anschläge vom 11. September in New York und Washington. Diese Auseinandersetzung wurde auch als „Kampf um die Rechte und Würde der Frauen“ geführt (First Lady Laura Bush in der Los Angeles Times, 18.11.2001). Damit sollte sich das Blatt wenden und Frieden und Sicherheit sowie ein nachhaltiger Wiederaufbau eingeleitet werden, insbesondere die Frauen sollten von der Intervention des Westens profitieren. Seit dem Abzug der internationalen Kampftruppen 2014 verschlechtern sich die Sicherheit und die wirtschaftliche Situation im Land aber zusehends. Gerade die Frauen in Afghanistan gehen einer ungewissen Zukunft entgegen.werden könnte.

Podium

Emal Haidary

arbeitet als Journalist bei der französischen Presseagentur Agence France-Presse (AFP) sowie als Direktor und Forscher der Afghanistan Development and Peace Research Organization (ADPRO) in Kabul, Afghanistan. Er studierte
Rechtswissenschaften an der Universität Kabul und erwarb seinen Masters Degree an der Fordham University in New York. 2018 führte ADPRO für das VIDC 50 Interviews mit Expert*innen und Rückkehrer*innen zur Analyse von Rückkehrer*innen auf dem afghanischen Arbeitsmarkt durch. Die Auswertung der Interviews ist in der VIDC-Studie “Refugees return to poverty, unemployment and despair. Afghanistan’s labor market and the status of women” von Ali Ahmad nachzulesen.

Rahela Hashim Sidiqi

hat den Farkhunda Trust for Afghan Women's Education in London gegründet und ist deren Direktorin. Der Farkhunda Trust wurde zum Gedenken an die im März 2015 brutal ermordete Farkhunda Malikzadeh gegründet, um afghanische  Frauen zu unterstützen, die eine höhere Ausbildung anstreben. Zudem war sie Beraterin des Afghanistan Civil Service Commission und von UN-Habitat Afghanistan, das Programm der Vereinten Nationen für Siedlungsentwicklung. Seit 1993 arbeitet Sidiqi als Frauenrechtsaktivistin an der Basis und auf politischer Ebene in Afghanistan, auch während des Bürgerkriegs und der Taliban-Zeit. Sidiqi hat einen BSc in Landwirtschaft von der Kabul Universität und einen MA in Social Development & Sustainable Livelihood von der Reading University, UK.

Sahar Fetrat

ist eine feministische Aktivistin und Forscherin, die in Afghanistan geboren wurde und während der Taliban-Zeit mit ihrer Familie als Flüchtling im Iran und Pakistan lebte. Ihre Familie kehrte Ende 2006 nach 10 Jahren im Exil nach Afghanistan zurück. Als Teenager entdeckte sie in Kabul den feministischen Aktivismus und beschloss, ihre emanzipatorischen Ansichten mittels Dokumentarfilmen und dem Schreiben von Artikeln und Geschichten zu verbreiten. Mit 17 Jahren drehte Fetrat den Dokumentarfilm "Do Not Trust My Silence", der 2013 den ersten Preis beim Filmfestival Universo Corto Elba gewann. Fetrat arbeitete danach für die Bildungsabteilung der UNESCO in Afghanistan und setzte sich für die Alphabetisierung von Frauen im ganzen Land ein. Dabei hat sie Erfahrungen aus erster Hand mit Kindern gesammelt, die Opfer und Überlebende des Krieges geworden sind. Nach ihrem Abschluss in Wirtschaft an der American University of Afghanistan im Jahr 2018 begann Fetrat ihren MA in Critical Gender Studies an der Central European University in Budapest.

Ali Ahmad

 ist Doktorand am Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems (DUK). Er erwarb seinen Master in Friedens- und Konfliktforschung an der European Peace University (EPU). Ahmad arbeitet seit 2015 als Konsulent für das VIDC und hat Forschungsarbeiten über afghanische Flüchtlinge und Diaspora-Communities in Europa verfasst. Seine jüngste Studie „Refugees return to poverty, unemployment and despair: Afghanistan's labor market and the status of women“ wurde im November 2018 veröffentlicht. Als ausgebildeter Arzt hat er zudem in verschiedenen internationalen Forschungs- und Medienorganisationen gearbeitet und umfangreiche Veröffentlichungen zu polilitischen, sicherheitspolitischen und sozialen Themen in Afghanistan veröffentlicht. Seine Forschungsgebiete sind u.a. Migration, Diaspora, Arbeitsmarkt und nicht-staatliche Sicherheitsakteure in Afghanistan.

Michael Fanizadeh

ist Politologe und leitet den Arbeitsbereich Migration und Entwicklung am VIDC. Seine sonstigen Arbeitsbereiche sind Menschenrechte und Antirassismus. Sein regionaler Schwerpunkt liegt auf dem Mittleren Osten und der Schwarzmeerregion. Seine letzte Publikation: Nach dem Putsch: 16 Anmerkungen zur „neuen“ Türkei (Herausgegeben von Ilker Ataç, Michael Fanizadeh, Volkan Ağar, VIDC).

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