Thomas Spielbüchler: 50 Jahre Dekolonialisierung in Afrika

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Dr. Thomas Spielbüchler ist Assistent am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck. Er konzentriert sich in Forschung und Lehre auf die postkoloniale Geschichte Afrikas.


Heuer wird in mehreren afrikanischen Staaten das goldene Jubiläum der Unabhängigkeit zelebriert. Ein Grund zum Feiern – und für einen Rückblick auf die vergangenen fünf Jahrzehnte. Zur Freude über Selbstbestimmung kann sich dabei auch Trauer, Enttäuschung oder gar Wut über verpasste Chancen mischen. 2010 ist ein ambivalentes Jubiläum für einen Kontinent – und die Welt.

Schlüsseljahr 1960

50 Jahre Dekolonialisierung in Afrika – das weltweit wahrgenommene Jubeljahr mag zu einer Fehleinschätzung verleiten. 1960 brachte keineswegs ein Ende des Kolonialismus, sondern lediglich den Rückzug von Frankreich, Großbritannien, Belgien und Italien aus 18 Territorien: Kamerun (F), Senegal (F), Togo (F), Madagaskar (F), Kongo-Leopoldville (BEL), Britisch-Somaliland (GB), Italienisch-Somaliland (ITA, die Gebiete vereinigten sich am 1. Juli 1960 zu Somalia), Dahomey (F), Niger (F), Obervolta (F), Elfenbeinküste (F), Tschad (F), Zentralafrikanische Republik (F), Kongo-Brazzaville (F), Gabun (F), Mali (F), Nigeria (GB) und Mauretanien (F). Damit waren bis Ende 1960 insgesamt 27 der heute 53 afrikanischen Staaten formal unabhängig. 

Wie es dazu kam? Von den tatsächlichen Hintergründen dieser Entkolonialisierungswelle konnte der britische Premier Harold Macmillan bei seiner berühmten Wind of Change-Rede am 3. Februar 1960 in Südafrika wohl am elegantesten ablenken: Der Wind der Veränderung fege durch Afrika. Den damit einhergehenden Änderungen – er nannte sie Nationalismus in den Kolonien – müsse Rechnung getragen werden. 

Tatsächlich war es nur Belgien, das sich dem Wind der Veränderung beugte. Aus Sorge vor einem blutigen Kolonialkrieg beschloss man in Brüssel, den Kongo zu verlassen. Die Motive von Macmillan und Charles de Gaulle sind eher durch innenpolitische bzw. wirtschaftliche Überlegungen zu erklären. Sie waren mit dem politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg sowie der Positionierung Großbritanniens und Frankreichs im „neuen“ Europa beschäftigt. Die Aufrechterhaltung der Kolonialimperien erwies sich dabei eher als Klotz am Bein. Und Italien blieb keine andere Wahl. Es hatte sich nach dem 2. Weltkrieg verpflichtet, 1960 seine verbliebene Kolonie am Horn von Afrika zu verlassen. 

Schlechter Start…

Trotz einiger Parallelen schufen die eigene Geschichte, die sozio-kulturelle Situation, das Wirken der Kolonialmacht oder Ziel und Kompetenz der neuen, afrikanischen Politiker spezielle Ausgangs­bedingungen in jedem der damals neu entstandenen Staaten. Als gemeinsames Ziel galt eine Moderni­sierung im weitesten Sinn. Im Rückblick bleibt festzustellen, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte. Zahlreiche Indizes und Parameter festigen heute den Ruf Afrikas als verlorenen Kontinent.

Ein Beitrag im Atlas der Globalisierung 2009, Le Monde diplomatique, widmet sich einem im Norden immer wieder strapazierten Indikator für erfolgreiche Entwicklung: Dem langen Weg zur Demokratie. Die Ausprägungen der afrikanischen Regierungsformen seit der Unabhängigkeit sind dabei in drei Kategorien eingeteilt und farblich in eine Grafik eingetragen: rot steht für Diktatur, totalitäres Regime, Einheitspartei oder Scheindemokratie; gelb signalisiert Demokratisierung; grün beschreibt demokratische Systeme, freie Wahlen und Mehrparteiensysteme. 

1960 starteten 14 der 17 hier behandelten Staaten mit einem roten Balken! Für Kongo-Brazzaville und Dahomey (dem heutigen Benin) wurde ein Zustand der Demokratisierung diagnostiziert und lediglich Nigeria galt als Demokratie. Ausgehend von diesem demokratiepolitisch verheerenden Aufbruch 1960 sind für das Jahr 2009 erfreuliche Änderungen zu verzeichnen: Sieben Staaten haben sich laut Le Monde diplomatique einen grünen Balken verdient, fünf weitere sind zumindest gelb. In der Grafik weisen allerdings fünf Staaten einen durchgehenden roten Balken bis 2009 auf: Somalia, Gabun, Kamerun, die Elfenbeinküste und der Tschad.

Diese sehr vereinfachende Farbenlehre bietet – neben allen anderen Methoden zur Evaluierung der Entwicklung von Staaten – Grund zu berechtigter Kritik. Kann man aber tatsächlich von einer Erfolgsgeschichte sprechen, wenn nicht einmal die Hälfte der untersuchten Staaten nach 50 Jahren ein gefestigtes demokratisches System aufweist? Eine zugegebenermaßen nicht ganz faire Frage, da man die afrikanischen Staaten nicht kumulativ bewerten soll. Aber auch  Detailuntersuchungen der einzelnen Länder nach ausgewählten Parametern geben keinen Anlass zur Freude. Irgendetwas ist in dem vergangenen halben Jahrhundert schief gegangen. Darüber können – und dürfen – kleine, ausgesuchte Erfolge nicht hinwegtäuschen.

… und eine mögliche Erklärung dafür

Natürlich ist der Weg zur vielbeklagten Situation in Afrika kein ethnisches Problem unterlegener Kulturen, wie die ehemaligen Kolonialmächte ihre Herrschaft im Süden gerne rechtfertigten. Umstritten ist auch die afrikanische Opferrolle, die immer wieder als Grund für die Situation angeführt wird. Kwame Nkrumah (Staatspräsident von Ghana) machte schon vor 50 Jahren Kolonialismus und Neo-Kolonialismus verantwortlich für die von ihm damals befürchtete Zukunft Afrikas. Haben seine düsteren Prognosen sich bewahrheitet? Eine Mitverantwortung externer Faktoren und Interessen vollkommen abzustreiten, wäre schlicht falsch. Aber es war kein geringerer als der frisch gewählte Präsident Südafrikas, Nelson Mandela, der 1994 seine Amtskollegen in Tunis wortgewaltig an die afrikanische Verantwortung an der afri­kanischen Situation erinnerte.

Mandela kritisierte damit eine weit verbreitete Praxis, die man mit Bad Governance, verant­wortungsloser Regierungsführung, zusammenfassen kann. Diese funktionierte freilich unter tatkräftiger Mithilfe des Nordens. Die sehr komplexen Geschichten und Entwicklungen in den einzelnen Staaten lassen grob vereinfacht folgendes Bild entstehen: Die jeweiligen Eliten im Süden haben sich zusammen mit Eliten im Norden auf Kosten der Massen im Süden bereichert! Dies findet seinen Niederschlag in den bereits angesprochenen Parametern und Indizes zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation in den einzelnen Staaten bzw. dem gesamten afrikanischen Kontinent.

Solch verantwortungsloser Regierungsführung haben die afrikanischen Staats- und Regierungschefs jetzt den Kampf angesagt. Natürlich wurde dabei zunächst so mancher sprichwörtliche Bock zum Gärtner gemacht, aber die Weichen innerhalb der Afrikanischen Union als Wächterin über die Situation sind gestellt. Diese Form der Selbsthilfe verspricht die besten Chancen zu einer Trendumkehr weg vom Image des verlorenen Kontinents.

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