Thomas Faist: Kohärente Migrations- und Entwicklungspolitik nicht in Sicht

© Thomas Faist
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Faist ist Professor für Transnationalisierung, Entwicklung und Migration an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Zuvor leitete er den Internationalen Studiengang Politikmanage- ment an der Hochschule Bremen. Seine Forschungs- schwerpunkte liegen in den Bereichen internationale Migration, Integration, Staatsbürgerschaft, Entwicklungspolitik und Klimawandel.


Dieser Artikel basiert auf einem von Marlene Keusch geführten Interview.

Bei der derzeit vorherrschenden restriktiven und zugleich sehr selektiven Migrationspolitik drängt sich die Frage auf, was unter Kohärenz zwischen Migrations- und Entwicklungspolitik verstanden wird. So ist zwar die aktuelle Politik durchaus im Stande bestimmte entwicklungspolitische Ziele zu verfolgen, doch aufgrund der Fokussierung auf bestimmte Gruppen von MigrantInnen ist diese Politik sehr einseitig und greift zu kurz. Denn die aktuelle Migrationspolitik in Westeuropa zielt sehr stark darauf ab, wie schon bereits in den fünfziger und sechziger Jahren, den europäischen Arbeitsmarkt zu bedienen. Arbeitskräftemängel sollen mit MigrantInnen überwunden werden. Die Verknüpfung mit Entwicklung, etwa in dem Sinne, dass das erworbene Wissen von MigrantInnen zu Brain Gain führe, zu einem Transfer von Wissen in die Herkunftsländer und in der weiteren Folge zu Entwicklung, dient eher als Legitimationsmittel.

Dem ist allerdings auch etwas Positives abzugewinnen. Ohne diese legitimatorische Funktion hätte das Thema Migration und Entwicklung auf der Policy-Ebene wohl kaum diesen Aufschwung erlebt. Die Entwicklungskooperation wird gewissermaßen zur Legitimierung einer strikten Migrationskontrolle benutzt. Doch nichts kann rein legitimatorisch sein. Infolgedessen entfaltet sich hier eine eigene Dynamik, die wiederum zu Potenzialen führen kann. Im Vordergrund mag zwar Migrationskontrolle stehen, doch da es auch diese Verbindung zu Entwicklung gibt, wird mittransportiert, dass diese Art der Migrationspolitik dem Ziel Entwicklung eigentlich widerspricht. In diesem Widerspruch liegt das Potenzial, dass man früher oder später darüber diskutieren muss. Insofern kann man hier auf einen Lernprozess von politischen EntscheidungsträgerInnen hoffen, denn letzten Endes wollen alle Politiken begründet werden. 

Dennoch ist aus der Perspektive dieser restriktiven Migrationspolitik eine kohärente Migrations- und Entwicklungspolitik nicht in Sicht. Es wird nicht deutlich, wie Migration und Entwicklung tatsächlich miteinander verknüpft sind. Das wird etwa am Beispiel von "Reverse Remittances" sichtbar. Eine kohärente Politik müsste anerkennen, dass Transfers nicht nur in eine Richtung gehen, sondern dass es auch Flüsse von den Herkunftsländern in die Zielländer gibt.

Auf eine konstruktive Kooperation zwischen AkteurInnen im Nexus von Migration und Entwicklung  wirkt sich diese Situation freilich nicht positiv aus. Auf der einen Seite ist man als MigrantIn - insbesondere als ArbeitsmigrantIn oder irreguläre MigarntIin im Unterschied zu den sogenannten Hochqualifizierten - unerwünscht und erfährt eine ablehnende Haltung und auf der anderen Seite soll ein Beitrag zu Entwicklung geleistet werden. Das passt nicht zusammen.

© Heinrich Böll Stiftung
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In diesem Paradoxon liegt ein Kernproblem der eigentlich guten Idee der Verknüpfung von Migration und Entwicklung. Denn in der Regel sind jene MigrantInnen entwicklungspolitisch aktiv, die gut in den Arbeitsmarkt, in das Bildungssystem und in den Wohnungsbereich integriert sind. Erst durch eine gute Etablierung im Zielland werden Ressourcen frei gesetzt, die dann in weiterer Folge für beispielsweise entwicklungspolitisches Engagement genutzt werden können. Das bedeutet zugleich, dass Integration vor der entwicklungspolitischen Aktivität kommt und nicht umgekehrt. 

Um dennoch positive Potenziale aus der Kooperation von MigrantInnen- organisationen mit EZA- (Entwicklungszusammenarbeit) und entwicklungs- politischen Organisationen zu schöpfen, gibt es einiges zu bedenken. Eine ganz wichtige Komponente ist eine Kooperation auf Augenhöhe. Das schließt mit ein, dass MigrantInnenorganisationen nicht von EZA-Organisationen genutzt werden dürfen, um sich im Migrations- und Entwicklungsnexus zu etablieren. Fände wirklich eine gleichberechtigte Kooperation statt, könnte der Blick auf die weltweiten sozialen Ungleichheiten gelenkt werden, die durch Migration sichtbar werden und somit auch ein Bewusstsein von Interdependenz schaffen. 

Infolgedessen müsste auch offen sein was Entwicklung für die jeweiligen Akteure bedeutet. Eine Kooperation von MigrantInnen- und Entwicklungsorganisationen sollte einen Prozess darstellen bei dem nicht zu Beginn feststeht, was Entwicklung ist. Bei einer gleichberechtigten Partizipation müssten auch migrantische EntwicklungsakteurInnen die Möglichkeit haben, ihre Vorstellungen einzubringen. Die Praxis hat gezeigt, dass die Auffassung von Entwicklung bei den unterschiedlichen AkteurInnen in diesem Feld sehr divergent sein kann. 

Eine eben solche Sensibilität sollte es im Umgang mit Diasporagruppen geben. Ein Schritt in diese Richtung kann ein „Unpacking the Diaspora“
sein. Denn erstens sind diasporische Gruppen keine einheitlichen Gebilde und zweitens haben sie demnach auch nicht selbstverständlich eine Nähe zu lokalen Bedingungen im Herkunftsland. 

Ein weiteres wichtiges Element auf der Ebene der Kooperation ist die Rückkoppelung von Ergebnissen von Projekten. In dieser Hinsicht gibt es Aufholbedarf, denn oftmals wird nicht deutlich was konkret vor Ort passiert. Gerade bei größeren Organisationen die in diesem Bereich tätig sind, müsste es klare Projektevaluationsergebnisse geben. Im Zuge dessen stellte sich dann die Frage nach dem Maßstab für Erfolg. Wo und woran wird der Erfolg von Projekten gemessen? Aus einer transnationalen Perspektive ist die Antwort auf diese Frage nicht nur in den Herkunftsländern zu finden.

Am 23. und 24. Jänner findet im Rahmen des CoMiDe Projektes eine Internationale Konferenz zu Migration und Entwicklung „Bridging the gap“ statt, bei der ExpertInnen wie Thomas Faist, die senegalesische Frauenaktivistin Madjiguène Cissé und Mignane Diouf, Mitorganisator des vergangenen Weltzozialforums in Dakar (Senegal) referieren. Auch institutionelle VertretInnen wie die EU-Abgeordnete Franziska Keller und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit werden bei der Konferenz erwartet.
(13.12.2011)

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Weiterführende Literatur und Informationen

Faist, Thomas; Fauser, Margit; Kivisto, Peter (eds.): The Migration-Development Nexus. A Transnational Perspective. Houndsmills, Palgrave Macmillan, 2011.

Das Centre on Migration, Citizenship and Development (COMCAD) befasst sich mit Theorien, Konzepten, empirischer Forschung und praktischer Politik zur transnationalen sozialen Frage. Der Fokus liegt auf grenzübergreifenden Transaktionen in den Feldern transnationale Mobilität, politischer Mitgliedschaft, sozialer Sicherung und Entwicklung. Derzeit bei COMCAD laufende Projekte befassen sich Transnationalisierung, Migration und Transformation (TRANS-NET, siebtes EU-Rahmenprogramm) und Migration in und aus Afrika nach Europa (MISA).

COMCAD Arbeitspapiere / Transnationalisierung, Entwicklung und Migration, Universität Bielefeld

Dossier Migration und Entwicklung, Heinrich Böll Stiftung

Castles, Stephen: Development and Migration – Migration and Development: What comes first? Presentation at the Social Science Research Council Conference “Migration and Development: Future Directions for Research and Policy”, 2008.

VIDC: Migration und Entwicklung: Partizipation der afrikanischen Diaspora im entwicklungspolitischen Diskurs, Dokumentation einer Veranstaltung am 30. Juni 2011.