Rechtsextremer Gender Trouble

von Birgit Sauer, Edma Ajanovic, Stefanie Mayer

© Petra Rautenstrauch

Birgit Sauer ist seit 2001 Universitätsprofessorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender und Governance, Vergleichende Geschlechterpolitikforschung, Politik und Rassismus sowie Affekte und Politik. Sie war Mitglied in zwei EU-Projekten über Rechtspopulismus und Rassismus (RAGE und E-eav).


© Maja Radosavljevic

Edma Ajanovic ist externe Lektorin und hat im Projekt „RAGE - Hate speech and populist othering in Europe“ am Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien, gearbeitet. Sie forscht und lehrt zu Rechtsextremismus, -populismus, (Anti-)Rassismus und Migration aus geschlechterkritischer Perspektive.


© Alexander Wallner

Stefanie Mayer ist Politikwissenschaftlerin und schloss im Februar 2016 ihre Dissertation zu Ethnisierung, Rassismen und Anti-Rassismus im weißen feministischem Aktivismus in Wien ab. Ihre Schwerpunkte sind feministische Theorie und Politik sowie kritische Forschung zu Rechtsextremismus, Rassismus, Anti-Feminismus und „Anti-Genderismus“.

Bei der Wahl des österreichischen Bundespräsidenten im Mai 2016 zeigt sich ein auch aus anderen europäischen Ländern bekanntes Muster: Rechte und rechtsextreme Kandidat_innen und Parteien werden eher von Männern gewählt. Diese Parteien sind auch noch in anderer Hinsicht „Männerparteien“: In Parlamenten haben sie einen überproportional hohen Männeranteil, nicht zuletzt deshalb, weil sie keine Geschlechterquotenregeln haben. Der Männeranteil der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) im österreichischen Nationalrat beträgt beispielsweise 81,6 Prozent (Parlament 2016). Allerdings haben rechte Parteien in Europa durchaus weibliche Führungsfiguren, so beispielsweise Marine Le Pen, die Vorsitzende des französischen „Front National“, Frauke Petri, die Vorsitzende der „Alternative für Deutschland“ oder Pia Kjærsgaard, die Vorsitzende der „Dansk Folkeparti“. Das Verhältnis dieser Parteien zu Geschlechterfragen ist also durchaus ambivalent. Diese Ambivalenz, wenn nicht gar Widersprüchlichkeit, zeigt sich auch auf programmatischer Ebene. Dies wollen wir am Beispiel von vier österreichischen Organisationen verdeutlichen, der FPÖ, dem Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ), der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) und der Bewegung Pro Österreich, die als Dachverband einiger Anti-Moschee-Initiativen in und um Wien auftrat. Die Grundlage unserer Ergebnisse ist eine kritische frame-Analyse von 50 Texten dieser vier Gruppen, die zwischen 2010 und 2013 publiziert wurden.


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Der Geschlechterdiskurs hat in der österreichischen extremen Rechten mehrere Dimensionen und Facetten. In diesen Programmatiken wird erstens deutlich, dass rechte Gruppierungen Gleichstellungspolitik als bürokratische und insbesondere ideologische Vorgabe ablehnen. Diese Vorgabe sei darauf ausgerichtet, Frauen zur Erwerbsarbeit zu zwingen. Demgegenüber betonen sie die Wahlfreiheit für Frauen, also die Wahl zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit bzw. Mutterschaft – freilich verbunden mit der Erwartung, Frauen würden sich jedenfalls für ihre ‚natürliche‘ Rolle als Mutter entscheiden. Diese Ablehnung von Gleichstellungspolitik mündete in den vergangenen Jahren in einer Kritik am als „Gender Ideologie“ bezeichneten Gender Mainstreaming. Nicht nur das FPÖ-Handbuch aus dem Jahr 2013 (FPÖ Bildungsinstitut 2013), sondern bereits die Publikation von Barbara Rosenkranz aus dem Jahr 2008 mit dem vielsagenden Titel „MenschInnen“ basiert auf der Strategie eines bewussten Missverstehens des konstruktivistischen Geschlechterbegriffs. Gender Mainstreaming knüpfe, so das rechte Argument, das freilich auch in katholischen Kreisen zu finden ist, an ein ideologisches Konzept von Geschlecht an, das die biologischen Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit zu negieren suche und damit insbesondere die Kleinfamilie auflösen wolle. Dieser „Anti-Genderismus“ verknüpft sich mit weiteren populistischen Argumenten: Die „Gender-Ideologie“ werde insbesondere von einer sozialdemokratischen Elite und von Feministinnen an Universitäten vertreten, die den Kontakt zu der „kleinen Kassiererin“ verloren haben. Zudem sei Gender Mainstreaming eine Idee der EU, die den Nationalstaaten von oben aufoktroyiert werde. Auch am „Anti-Genderismus“ lässt sich also das populistische Argumentationsmuster der Konstruktion eines „Wir“ und der „Anderen“ ausmachen, wobei diese „Anderen“ das „Wir“ einerseits bedrohen, zugleich aber die „Wir“-Gruppe auch erst als „das Volk“ entstehen lassen.
Die zweite Dimension des extrem rechten Geschlechterdiskurses ist die Frage der Natürlichkeit von Männer- und Frauenrollen bzw. der natürlichen Ungleichheit von Männern und Frauen. Dieses Muster findet sich sowohl bei den Identitären wie auch bei der FPÖ und ist die Grundlage für die Rechtfertigung einer traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeits- und Sphärenteilung, die Frauen die Mutter- bzw. Familienrolle zuschreibt, Männern hingegen den Bereich der Erwerbsarbeit und der Politik. Diese vermeintlich natürliche Zweigeschlechtlichkeit korrespondiert mit einer – je nach Gruppe – mehr oder weniger expliziten Ausgrenzung von LGBTIQ-Personen. Homosexualität wird als Ausgeburt des „Genderismus“ gesehen, als Infragestellung der Familie und damit als demographische Gefährdung des österreichischen Volkes. Dementsprechend lehnen die Rechten die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare mit der Begründung ab, es könne „keine gleichen Rechte für Ungleiches“ geben (Im Zentrum, 24. Februar 2013).


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Diese traditionellen Vorstellungen von Heterosexualität und hierarchischer Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen erfährt allerdings eine widersprüchliche Ergänzung – nämlich dann, wenn es um Migrant_innen und vermeintlich abgrenzbare „andere“ Kulturen geht. In der Ausgrenzungslogik jener „Anderen“, die nicht zu Österreich passen, spielen Geschlechter- und Sexualitätsverhältnisse eine bedeutende Rolle: Um die auszugrenzende „andere“ Gruppe argumentativ zu konstruieren wird nämlich im rechten Diskurs auf die patriarchalen Strukturen dieser Gruppen, auf deren Frauenfeindlichkeit, ja auf die Gewalt gegen Frauen und mithin deren „barbarische“ (Un-)Kultur verwiesen. Beispielsweise wenn die FPÖ in ihrem Handbuch für Funktionär_innen formuliert: „Zwangsehen, Zwangsbeschneidungen und die Unterdrückung von sowie Gewalt gegen Frauen sind in unserem Rechtsstaat keineswegs durch Religionsfreiheit gedeckt. [...] Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ist von allen hier lebenden Kulturkreisen zu akzeptieren.“ (FPÖ Bildungsinstitut 2013). In dieser Ausgrenzung, die beispielsweise bei Debatten um muslimische Körperverhüllung immer präsent ist – entsteht das „Eigene“, das „Wir“ als frauenfreundlich und gleichstellungsorientiert. Diesen Gestus der gleichstellungsbezogenen Selbstvergewisserung hat Sara Farris als „Femonationalismus“ bezeichnet (Farris 2012). Die Konsequenz ist eine Vorstellung von Österreich als Gleichstellungsstaat und vor allem von österreichischen Männern als frauenfreundlich. Im Unterscheid zum Opferdiskurs über muslimische Frauen wird hier der muslimische Mann als Täter gezeichnet: Daher nimmt es nicht Wunder, dass in der öffentlichen Debatte nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln insbesondere rechte Gruppen die Gewalttätigkeit migrantischer Männer gegenüber „weißen“ Frauen brandmarkten, obwohl dieselben Aktuer_innen die feministische Thematisierung von sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit stets als Lappalie abgetan haben (13. Juni 2016).

Weiterführende Literatur und Links

Parlament (2016) Der Frauenanteil der ParlamentarierInnen

Im Zentrum (24. Februar 2013) Zwei Frauen und ein Baby – was ist eine Familie?

FPÖ Bildungsinstitut (2013) Handbuch freiheitlicher Politik. Ein Leitfaden für Führungsfunktionäre und Mandatsträger der Freiheitlichen Partei Österreichs, 4.Ausgabe. FPÖ Bildungsinstitut, Wien.

Farris, Sarah (2012) Femonationalism and the "Regular" Army of Labor Called Migrant Women, History of the Present: A Journal of Critical History, 2(2): 184–199.

Rosenkranz, Barbara (2008) MenschInnen. Gender Mainstreaming. Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen. Ares-Verlag, Graz.