GRAIN: Neokoloniale Landnahme

Asiatische Wirtschaftsmächte kaufen Ackerflächen in armen Ländern

© GRAIN
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Die nachfolgenden Informationen stammen (mit ausdrücklicher Zustimmung von GRAIN) vom im Oktober 2008 veröffentlichten GRAIN-Bericht „Seized: The 2008 Land Grab for Food and Financial Security“. 

Weitere Informationen und die Auflistung von über 100 konkreten Fällen, in denen Firmen und Regierungen Landnutzungsrechte in armen Ländern erwerben, um Getreide, Reis bzw. teilweise Palmöl für Agro¬treibstoffe  zu produzieren, sind nachzulesen unter: www.grain.org. GRAIN ist eine internationale NGO, die für nachhaltige Nutzung der landwirtschaftlichen Biodiversität und die Kontrolle der Bauern über die genetischen Ressourcen  eintritt.       

Die aktuelle Nahrungsmittel- und Finanzkrise haben eine „neue globale Landnahme“ bewirkt. Einerseits versuchen Regierungen von Ländern, die auf Import von Nahrungsmitteln angewiesen sind, Ackerland in anderen Staaten für die eigene Produktion von Nahrungsmitteln zu nutzen. Anderseits haben private Investoren großen Hunger auf Profite und sehen Investitionen (Spekulationen) in ausländischen Boden als wichtige neue Einkommensquelle. Doch fruchtbares Ackerland wird so privatisiert. Die globale Landnahme könnte ein Ende der Kleinbauern bedeuten.

Shopping-Tour asiatischer Länder

Saudi Arabien, Japan, China, Indien, Bahrain, Jordanien, Kuwait, Südkorea, Libyen und Ägypten versuchen bereits, für ihre heimische Nahungsmittelproduktion die Kontrolle über bebaubares Land in anderen Ländern zu bekommen. Hohe Beamte der jeweiligen Regierungen sind seit letztem Jahr auf Shopping-Tour unterwegs, auf der Suche nach fruchtbarem Land in Uganda, Brasilien, Paraguay, Ukraine, Russland, Kasachstan, Kambodscha, Sudan, Mosambik, Thailand, Burma, Laos, und Pakistan. Nach den Regierungs¬verhandlungen folgt die Privatwirtschaft, die Getreide, Hülsenfrüchte etc. produzieren lässt.

Ein paar Beispiele: Die Deutsche Bank und Goldman Sachs haben - während alle nervös auf die Wall Street blickten - im September 2008 ihr Geld in Chinas größte Schweine- und Geflügelfarmen gesteckt und die Rechte über das Ackerland erworben und somit die Kontrolle über Chinas Vieh-Industrie übernommen.

Besorgniserregendstes Beispiel ist die Krisenregion Darfur im Sudan: Das Welt¬ernährungs-programm (WFP) versucht dort 5,6 Millionen Flüchtlinge mit Nahrung zu versorgen. Doch gleichzeitg hat die Saudi-arabische Firma HADCO (Hail Agricultural Development Company) 10.000 Hektar um 95 Millionen US Dollar gepachtet. Das Areal befindet sich nördlich von Khartum. Dort soll Weizen, Gemüse und Tierfutter für den Export zurück nach Saudi Arabien angebaut werden.

China kauft Ackerland in der ganzen Welt, von Somalia bis Kasachstan. China kann die eigene Bevölkerung zwar selbst ernähren, doch es hat eine riesige Bevölkerung und die landwirtschaftlichen Flächen weichen der industriellen Entwicklung. Mit 1800 Milliarden US Dollar an Devisen kann es sich China leisten, auswärts für die eigene Versorgung produzieren zu lassen. Bei den Golf-Staaten wie Bahrain, Kuwait, Oman, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigt sich eine andere Ausgangssituation: Sie sind in die Wüste gebaut und verfügen über wenig fruchtbaren Boden oder Wasser, aber sie besitzen viel Geld und Erdöl. Die derzeitige Nahrungsmittelkrise hat sie besonders hart getroffen. Sie sind auf Nahrungsmittel vor allem aus Europa angewiesen und haben sich durch den Anstieg der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt und dem Fall des Dollars eine „Extra-Inflation“ eingehandelt. Da ein großer Teil ihrer Bevölkerung aus schlecht bezahlten migrantischen Arbeitern besteht, die ihre Krankenhäuser bauen, achten die Politikder der Golfstaaten natürlich, dass sie Nahrungsmittel zu leistbaren Preisen anbieten können.

Afrikanische und asiatische Regierungen akzeptieren diese Angebote des Landkaufs. Für sie bedeutet es frisches ausländisches Geld, mit dem sie die ländliche Infrastruktur aufbauen können.

Umwandlung in Industrielle Landwirtschaft verdrängt Kleinbauern

Egal ob die Antriebsgründe Ernährungssicherung oder finanzieller Hunger sind: beides mündet dorthin, dass der private Sektor Kontrolle über Land bekommt. Doch das wahre Problem ist die dadurch ausgelöste Restrukturierung: die Umwandlung in eine Industrielle Landwirtschaft verdrängt die Kleinbauern. Investitionen in die Landwirtschaft sind zwar gut, doch welche Art von Landwirtschaft wird es sein? Wer wird davon profitieren? Und was passiert, wenn die Kontrolle über das eigene Ackerland einer ausländischen Nation oder ausländischem Investor übertragen wird? (Elfriede Schachner, 13. März 2009)

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Südkoreas Daewoo kauft Madagaskar auf

Madagaskars Präsident Marc Ravalomanana hat sich mit seinem Deal mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo Logistics die Empörung der madegassischen Bevölkerung geholt. Ende 2008 sicherte sich das Handelsunternehmen die Rechte an 1,3 Millionen Hektar Land, das ist etwa die Hälfte der fruchtbaren Fläche der Insel. Daewoo pachtete die Ländereien für 99 Jahre und will dort Mais und Palmöl anbauen und die Ernte nach Südkorea verschiffen. Die Insel Madagaskar selbst ist jedoch auf Reisimporte angewiesen und rangiert im Welthungerindex auf einem der hinteren Plätze. Was Madagaskar von dem Deal hat? Pachtverträge jedenfalls nicht. Präsident Ravalomanana lässt die Südkoreaner umsonst ackern. Daewoo bringt Know-how und Fachleute mit auf die Insel.

Für die internationale Agrarorganisation GRAIN ist dies ein besonders krasser Fall von „Landnahme“, die die Ernährungssicherung der heimischen Bevölkerung gefährde. Statt Kleinbauern zu fördern, die sich und die madegassische Bevölkerung versorgen könnten, würden riesige Flächen für eine industriell betriebene Landwirtschaft genutzt, um Getreide in weit entfernte Absatzmärkte zu produzieren.

Auf Madagaskar darf Daewoo nach offiziellen Angaben wegen der Protest der madegassischen Bevölkerung erst einmal (noch) nicht ackern. (Elfriede Schachner, 13. März 2009. Quelle: Tobias Schwab in der Frankfurter Rundschau vom 4.2.2009: Neokolonialismus: Daewoo kauft Madagaskar auf. www.fr-online.de